Mobilisation: Je früher, desto besser

Warum es dennoch oft schwierig ist, einfache Maßnahmen wie die Frühmobilisation von Patienten auf Intensivstationen umzusetzen, liegt auf der Hand: Wenig geschultes Personal steht zur Verfügung, die Maßnahmen erfordern interprofessionelle Kommunikation und richten sich mitunter gegen bestehende Paradigmen.
Mobilisation umschreibt dabei ein Bündel an einzelnen Maßnahmen am Körper eines Intensivpatienten, um aktive Bewegung oder passive Bewegungsübungen einzuleiten. Dazu zählen etwa ein Bettfahrrad, der Transfer in einen Reha-Stuhl oder das selbstständige Sitzen im Bett, Balancetraining oder das aktive Gehen mit und ohne Gehhilfen. Ziel ist es, die unerwünschten Effekte der Immobilisierung zu vermeiden. Die frühzeitige Mobilisierung kann für eine Reihe von Patienten eine große Chance sein, schneller die Intensivstation zu verlassen oder den Schweregrad einer Erkrankung positiv zu beeinflussen. Dass Frühmobilisierung machbar ist, zeigt eine Reihe von Studien, die auch die Vorteile klar beschreiben: Neben positiven Auswirkungen auf die Psyche verbessert sich die Körperwahrnehmung und Begleiterkrankungen wie Thrombosen, Pneumonien oder Dekubitus wird vorgebeugt. Die Blutzirkulation wird verbessert, der Verlust der Muskelmasse reduziert und insgesamt können Patienten die Intensivstation früher verlassen und haben einen kürzeren Regene­rationsprozess. Wesentlich für die Organisation von Mobilisierungsmaßnahmen ist es, den Zeitpunkt gut zu planen. Das setzt voraus, dass der Patient informiert und vorbereitet ist, das Umfeld entsprechend sicher gestaltet wird und alle erforderlichen Berufsgruppen die Maßnahmen mit den Physiotherapeuten abgesprochen haben.

 

Nachgefragt bei …

… Univ.-Prof. Dr. Thomas Staudinger, Facharzt für Innere Medizin und Intensivmedizin, Leiter Intensivstation 13.i2, Universitätsklinik für Innere Medizin I, AKH Wien
Welche Indikationen gibt es für eine Frühmobilisation?
Sie soll bei allen intensivmedizinisch behandelten Patienten durchgeführt werden, solange es keine Ausschlusskriterien gibt. Patienten brauchen dazu zum Beispiel eine ausreichende respiratorische und kardiovaskuläre Reserve.
Wann kann mit einer Frühmobilisation begonnen ­werden?
Grundsätzlich hängt das vom Zustand des Patienten ab, aber schon in den ersten 48 Stunden nach der Aufnahme. Auch passives Bewegen oder passives Aufsetzen ist ein wichtiger Schritt in diese Richtung. Je wacher und mobiler ein Patient ist, umso mehr kann dann mobilisiert werden, bis hin zum Sitzen an der Bettkante, Aufstehen oder Gehen. Wir mobilisieren auch Patienten, die etwa an Beatmungsmaschinen hängen. Das ist nicht weit verbreitet, aber es spricht nichts dagegen, es braucht nur eine ent­sprechend vorsichtige und kreative Herangehensweise.
Gibt es Gründe, warum nicht mobilisiert werden soll?
Ja, wie bereits beschrieben ist es eine sehr individuelle Sache, jeder Patient hat auch eine andere Toleranzgrenze und natürlich ist dort ein Abbruchkriterium, wo es um schädigende Einflüsse auf den Patienten geht. Dazu gehören etwa Kreislaufversagen, die Veränderung der Atmung oder der Abfall der Sauerstoffsättigung. Bei einer aktiven Blutung, einem agitierten Delir, einem ungesicherten Atemweg oder schwerwiegenden neuromuskulären Erkrankungen ist der Verzicht auf Mobilisation zu überlegen. Aber auch eine subjektive Intoleranz des Betroffenen muss akzeptiert werden. Es gibt auch Patientengruppen, wo nur eingeschränkt zu einem frühen Zeitpunkt mobilisiert werden kann, wie etwa bei Polytraumata.
Die Zahl der adipösen Patienten nimmt zu, welche Herausforderungen sehen Sie hier?
Je länger adipöse Patienten immobil sind, desto eher treten zusätzliche Komplikationen auf. Diese Patienten sind ja oft schon immobil, bevor sie überhaupt zu uns kommen, haben also sehr schlechte Voraussetzungen. Jede akute Krise kann daher zu einem lebensbedrohlichen Zusammenbruch des ohnehin schon labilen Systems führen. Was wir in diesen Fällen dringend benötigen, sind entsprechende Hilfsmittel, also Lagerungsbehelfe oder Betten, die das Pflegepersonal bei der Mobilisation unterstützen.
Interview mit: Univ.-Prof. Dr. Thomas Staudinger

Facharzt für Innere Medizin und Intensivmedizin, Leiter Intensivstation 13.i2, Universitätsklinik für Innere Medizin I, AKH Wien


MP 01|2015

Herausgeber: AUSTROMED, Interessensvertretung der Medizinprodukte-Unternehmen
Publikationsdatum: 2015-02-04