Management: Emergency Room

Moderne, zentrale Notfallabteilungen in Krankenhäusern stehen für rasche und kompetente Abklärung und Erstversorgung von Patienten und stellen hohe Qualität und Effizienz in den Vordergrund. Univ.-Prof. Dr. Wilhelm Behringer ist ein international anerkannter Experte für Notfallmedizin und berät sowohl das Planungsteam für das neue Krankenhaus Wien Nord als auch das Al Ain Hospital in Abu Dhabi bei der Errichtung zentraler Notfallabteilungen (ZNA). Er arbeitet zurzeit als Leiter einer zentralen Notfallabteilung im Al Ain Hospital, welche 100.000 Patienten pro Jahr versorgt. Es kommt nicht von ungefähr, dass die zentralen Notfallabteilungen ganz nach amerikanischem Vorbild als „Emergency Rooms“ bezeichnet werden – Assoziationen mit der höchst erfolgreichen Fernsehserie gleichen Namens sind durchaus zulässig. Die moderne ZNA ist Anlaufstelle für alle akut erkrankten und verletzten Personen, sie integriert alle Fachrichtungen, um interdisziplinär Diagnosen stellen zu können. Ziele des Emergency Rooms sind die gezielte Aufnahme zu garantieren, ein Durchwandern von Fachabteilungen für die Patienten zu vermeiden und somit eine möglichst effiziente und effektive Behandlung zu ermöglichen. Das spart Zeit, Kosten und Nerven und ist weniger fehleranfällig.

Vielversprechende Aussichten

Behringer ist mit dem Status quo der Planung durchaus zufrieden: „Die Planung der zentralen Notfallabteilung ist abgeschlossen, inklusive Detailplanung der Ausstattung mit Medizinprodukten. Von meiner Warte ist das Konzept in Zusammenarbeit mit den Architekten sehr gut gelungen. Die ZNA ist eine kompakte Abteilung, bestehend aus einem Ein gangsbereich mit Ersteinschätzung durch medizinisches Personal, einem großzügigen Wartebereich, zehn Ambulanzräumen für konservative und traumatische Patienten, Eingriffsraum, Röntgen, Station mit 22 Betten, Schockraum für konservative und traumatische Patienten mit vier Positionen und CT und einem zentralen Schwesternstützpunkt, von dem alle Bereiche rasch erreicht werden können.“ Derzeit liegt der Gesamtplan des KH Nord den Behörden zur Genehmigung vor.
Moderne Medizinprodukte stellen selbstverständlich das Werkzeug dar. Behringer freut sich auf State-of-the-Art Medizinprodukte: „Kernstück wird sicherlich der Schockraum sein, in dem auch ein CT exklusiv für die zentrale Notaufnahme zur Verfügung stehen wird. Der Schockraum wird zudem mit den modernsten Beatmungsmaschinen, Infusionspumpen und Ultraschallgerät ausgerüstet sein sowie mit einem mobilen Durchleuchtungsgerät.“

Organisatorische Schlüsselaspekte

Kritikpunkte, wonach manche Krankenhäuser in Österreich bereits moderne Notfallzentren hätten und derartige Pläne kein Novum darstellten, kann Behringer schnell entkräften, denn „die Innovation des KH Nord liegt nicht nur in der Errichtung einer zentralen Notfallabteilung für alle Patienten – was es ja teilweise schon gibt -, sondern in der organisatorischen Struktur, da die zentrale Notfallabteilung über ein eigenes Ärzte- und Schwesternteam verfügt, welches 24 Stunden/7 Tage in der zentralen Notfallabteilung verankert ist und unter einer organisatorischen Leitung steht“. Das Personal kann sich somit mit der Abteilung identifizieren, Zielvereinbarungen und Teambildung werden ermöglicht und die Mitarbeiterzufriedenheit kann so wesentlich gesteigert werden. Qualitätsmanagement ist ohnehin längst kein Fremdwort mehr – der KAV hat bereits ein erfolgreiches Qualitätsmanagement für alle KAV-Spitäler nach ISO 9001 implementiert, das KH Nord wird Teil davon.
Organisatorische Hürden gilt es dennoch zu nehmen: „Eine Herausforderung besteht sicherlich in der Etablierung eines elektronischen Dokumentationssystems, welches den Patienten vom Eintritt in das Krankenhaus bis zur Entlassung begleitet“, weiß Behringer.
„Eine zentrale Notfallabteilung stellt hier ganz spezifische Anforderungen, weil verschiedenste Informationen immer rasch und übersichtlich für alle Teammitglieder zur Verfügung stehen müssen.“ Auch die Zusammenführung von Ärzten verschiedener Fachabteilungen zu einer gemeinsamen Mannschaft, die multidisziplinär eng zusammenarbeitet, will gut geplant sein. Zusätzlicher Überlegungen bedarf zudem die Dienstplangestaltung, denn eine zentrale Notfallabteilung benötigt die meisten Ressourcen abends und an Wochenenden. „Am ehesten wird ein Schichtdienstmodell diesen Anforderungen entsprechen“, schlägt Behringer vor, wobei ein innovatives Arbeitszeitmodell die Attraktivität erhöhen soll.

Neue Ausbildung als Basis

Bewährt sich das System der ZVA – was in anderen Ländern längst der Fall ist – gilt es die Ausbildung entsprechend zu modifizieren. „In vielen Ländern dieser Welt gibt es seit Jahrzehnten das Fach Notfallmedizin mit einem mehrjährigen Ausbildungsprogramm“, berichtet Behringer. In Europa hat die European Society of Emergency Medicine ein Curriculum für Emergency Medicine entwickelt, das in einigen Ländern bereits implementiert wurde. In Österreich plant die vor zwei Jahren gegründete Austrian Association of Emergency Medicine (Österreichische Vereinigung für Notfallmedizin) langfristig die Etablierung eines Faches Notfallmedizin. „Ein kurz- bis mittelfristiges Ziel ist aber auf jeden Fall eine strukturierte Ausbildung für klinische Notfallmedizin zu entwickeln, eventuell als Zusatzfachausbildung ähnlich wie Intensivmedizin, für Internisten, Chirurgen, Unfallchirurgen, Anästhesisten oder sonstige interessierte Fachabteilungen.“

Zukunftsmusik

Das KH Nord wird von der Raum- und Personalausstattung für 60.000 Notfallpatienten pro Jahr geplant werden. Umsetzung bzw. Bau werden wohl noch einige Jahre auf die Finalisierung warten, umso sinnvoller scheint die Strategie, sich schon heute mit künftigen Entwicklungen auseinander zu setzen – gerade nachdem hier das Rad kein zweites Mal erfunden werden muss, internationale Vorreiter gibt es viele. Für den Start rechnet Behringer damit, dass es ein fix der Abteilung zugehöriges Personal geben wird, das multidisziplinär die Patientenversorgung gewährleistet. „Die Vision ist sicherlich, dass in der Zukunft Notfallmediziner interdisziplinär alle Patienten in der zentralen Notfallabteilung versorgen und Spezialisten bei Bedarf hinzuziehen“, wünscht sich Behringer.

Nachgefragt bei …

… Mag. (FH) Andrea Schwarz-Rabsch, Geschäftsführerin der Roraco GmbH

Welche Rolle spielt Produktqualität in der Notfallmedizin?
Gerade in einem so sensiblen Bereich wie der Notfallmedizin müssen sich Ärzte und das Pflegepersonal 100% auf die Produkte verlassen können. Schließlich geht es meist darum, unter sehr hohem Zeit- und Leistungsdruck Menschenleben zu retten. Hohe Qualität und Verlässlichkeit dürfen daher nie in Frage stehen.

Wer gibt den Anstoß für die Entwicklung neuer Produkte?
Zu einem guten Teil der Markt selbst. Hier ist es wichtig, als Hersteller und Partner immer up to date zu sein. Wir müssen den Alltag und die Situationen der Ärzte und Pfleger genau kennen, um Produkte zu entwickeln, die den Anforderungen dieses Alltags sehr gut entsprechen. Nur so können wir dazu beitragen, auch entlastend und unterstützend mitzuwirken.

Mit welchen Produkten unterstützen Sie Notfallabteilungen in Krankenhäusern konkret?
Mit Absaugeinheiten, Wundmaterial, Defibrillatoren und Vakuummatratzen.

Welche Erfahrungen haben Sie mit Simulationsgeräten und -puppen in der Notfallmedizin?
Schwierige Situationen können gar nicht oft genug trainiert werden, um für den Ernstfall bestens gerüstet zu sein. Daher ist es gerade im Notfallbereich besonders wichtig, die Stresssituationen möglichst realitätsnah zu simulieren und zu trainieren. Wir haben seit rund 40 Jahren Markterfahrung mit unseren Simulationsgeräten und sind überzeugt, dass die Notfallmedizin wesentlich von diesen Trainingsmöglichkeiten profitiert.

MP 01|2011

Herausgeber: AUSTROMED – Interessensvertretung der Medizinprodukte-Unternehmen
Publikationsdatum: 2011-02-18