Beatmung in der Notfallmedizin

Prim. Dr. Helmut Trimmel, Vorstand der Abteilung für Anästhesie, Notfall- und Allgemeine Intensivmedizin am Landesklinikum Wiener Neustadt und leitender Flugrettungsarzt des ÖAMTC, erläutert die Problematik: „Grundsätzlich stellt das Atemwegmanagement eine große Herausforderung für Notärzte wie Sanitäter dar. Patienten verfügen über Abwehrreflexe, sodass – mit Ausnahme des Vorliegens eines Kreislaufstillstands – immer auch eine Medikation erforderlich ist, damit eine künstliche Beatmung toleriert wird“. Im Fall schwerer Traumata, Erkrankungen oder eben Kreislaufstillstand werden oft auch Atemwegsicherungen erforderlich. In der Ausbildung erfordert die Sicherung der Atemwege bzw. die Intubation umfangreiche Kenntnisse. So sieht das Sanitätergesetz für die Notfallkompetenz Intubation 40 Stunden Theorie und 40 Stunden klinische Praxis vor – dieser Umfang spricht für sich: Atemwegsicherung zählt nicht zu den einfachsten Übungen im Leben eines Retters.
„Die oft relativ geringen Vorerfahrungen von Ärzten und Sanitätern waren Anlass für Bemühungen, die Systeme zu vereinfachen, damit auch weniger Erfahrene gute Mittel zur Atemwegsicherung in die Hand bekommen“, sagt Trimmel, der sich intensiv für eine verbesserte Ausbildung einsetzt. Entsprechende Empfehlungen fanden daher auch Eingang in europaweit gültige Vorgaben des European Resuscitation Council. Eine Vielzahl an Studien aus Europa wie auch den angloamerikanischen Ländern bestätigt, dass Schwierigkeiten in der prähospitalen Atemwegsicherung mit einer hohen Letalität einhergehen. „Idealerweise erfolgt die Atemwegsicherung daher anhand eines Algorithmus“, meint Trimmel.

Alternativen zum Goldstandard

Grundsätzlich stellt die Intubation den Goldstandard dar – den Standard, der zwar das Optimum an verfügbarem Einsatz für die Atemwegsicherung bedeutet, aber nur Erfahrenen vorbehalten sein sollte, da eine Reihe von patientenbezogenen Gründen eine Intubation höchst schwierig bis unmöglich machen können. Alternativen für die Intubation benötigen also nicht nur weniger Erfahrung, sondern sind auch für Routiniers in problematischen Fällen hilfreich. Die Zahl der heute verfügbaren Alternativen zur Intubation ist allerdings schier unüberschaubar. Viele Methoden erleichtern die Atemwegsicherung enorm, scheitern jedoch in Spezialfällen etwa an verminderter Beatmungsqualität oder erhöhter Aspirationsgefahr. Zur Verfügung stehen in der Notfallversorgung in Wr. Neustadt unter anderem verschiedene Larynxmasken und der Larynxtubus, sowie natürlich Materialien für die endotracheale Intubation. Das Prinzip lautet: Intubationsbesteck für Laryngoskopie für Erfahrene und supraglottische Atemweghilfsmittel wie Larynxmasken, Larynxtubus für weniger Erfahrene oder bei Problemfällen. Zusätzlich sind auch Speziallaryngoskope mit Videofunktion verfügbar, die sich laut Trimmel im OP gut bewährt haben. „Die Bandbreite der Hilfsmittel zur Sicherung des Atemwegs ist enorm“, erzählt Trimmel. „Entsprechend vielfältig sind auch die dazugehörigen Studien, die einander mitunter auch widersprechen. Aus diesem Grund erscheint es jedenfalls ratsam, sich nach den Empfehlungen des Resuscitation Council zu richten.“ Extrem empfehlenswert sei jedenfalls die Vorhaltung eines an die eigenen Möglichkeiten angepassten Algorithmus für die Atemwegsicherung.
Die konventionelle Intubation birgt gerade in der Notfallversorgung in vielen Fällen große Hürden. „Wir setzen uns als Limit maximal drei Versuche“, erklärt Trimmel. „Inklusive der alternativen Laryngoskope. Wenn es dann nicht klappt, steigen wir auf supraglottische Atemwegsicherung um und nutzen Medizinprodukte, die gut trainiert sind, wie etwa Larynxmasken. Auch der Larynxtubus kann eine hervorragende Alternative darstellen.“ Nur wenn in sehr seltenen Fällen keine Beatmung möglich ist, wird ein chirurgischer Eingriff – eine Koniotomie – notwendig. Auch hier stehen verschiedene Systeme zur Verfügung.
Trimmels Abteilung reagiert mit entsprechenden Ausbildungsmodi auf die Problematik: „Wir bauen bei unseren Notärzten auf das grundlegende Erlernen der Techniken zur Sicherung der Atemwege auf Modelle und Intubationstrainer, in einem zweiten Schritt auf die klinische Tätigkeit und mindestens drei Monate Anästhesieausbildung im OP sowie auf die Simulation kritischer Situationen im Simulator-Teamtraining“, ist Trimmel stolz auf die umfassenden Schulungsmöglichkeiten im Landesklinikum Wiener Neustadt. Darüber hinaus werden selbstverständlich auch die weiterführenden Maßnahmen der Beatmung gelehrt und antrainiert.

Interview mit: Prim. Dr. Helmut Trimmel

Vorstand der Abteilung für Anästhesie, Notfall- und Allgemeine Intensivmedizin am Landesklinikum Wiener Neustadt und leitender Flugrettungsarzt des ÖAMTC


MP 01|2012

Herausgeber: AUSTROMED – Interessensvertretung der Medizinprodukte-Unternehmen
Publikationsdatum: 2012-02-20