Pädiatrischer Notfall: Dosisanpassung ist kein Kinderspiel

Ein Kindernotfall in der Praxis: Welche Adrenalin-Verdünnung soll ein Säugling mit anaphylaktischer Reaktion bekommen? Wie schwer ist das Baby wohl? Welche Beatmungsmaske und welcher Tubus passen? Für die meisten Notärzte und Rettungssanitäter ist ein Kindernotfall keine Routine, da der Anteil dieser Patientengruppe am Gesamtspektrum der Notfälle mit fünf bis zehn Prozent gering ist. Daher kommen falsche und potenziell gefährliche Arzneimitteldosierungen dreimal so häufig vor wie bei Erwachsenen.

Höchste Vorsicht bei Kinderdosierung

Nach Angaben der ÖGAN (Österreichische Gesellschaft für Qualität und Ausbildung in der Notfallmedizin) sind für rund 60 Prozent dieser Irrtümer einfache Rechenfehler, falsche Dezimalstellen oder das Dosierungsregime die Ursache. „Das Kind ist dem Notarzt nicht bekannt, auch über Gewicht und Vorerkrankungen fehlen meist die Informationen“, so die Erklärung von OA Dr. Martin Frossard, Universitätsklinik für Notfallmedizin am AKH Wien. „Werden dann vage erinnerte Medikamentendosierungen mit falsch geschätztem Körpergewicht multipliziert, potenziert sich der Irrtum“, gibt der Internist zu bedenken. Sogenannte Kindersichersysteme sollen Erleichterung bringen. Prinzipiell handelt es sich dabei um „einfache“ Hilfsmittel, mit denen nicht nur die Dosierung von Notfallmedikamenten, sondern auch die richtige Tubus- oder Spatelgröße sowie die Intubationstiefe ermittelt werden können.

Farbcodiertes Maßband

Großen Einsatz, vor allem im österreichischen Rettungsdienst, findet das vom Salzburger Notfallmediziner Ing. Dr. Alexander Franz entwickelte Kindernotfallband Peditape®. „Das ist ein simples, jedoch äußerst nützliches Hilfsmittel, um den Ablauf bei Einsatzsituationen mit erkrankten oder verunfallten Kindern zu optimieren und die Hilfsfrist drastisch zu verkürzen“, so Franz. Das Besondere daran ist die Farbcodierung, die mit der Körperlänge und auch dem Alter korreliert. Daraus wiederum lässt sich die erforderliche Medikamentendosis ermitteln. Sogar Informationen über die Volumensubstitution können direkt vom Peditape abgelesen werden.
„Langjährige Erfahrungswerte lassen nämlich den Schluss zu, dass sich das Gewicht von Kindern am besten mit der Körpergröße in Bezug setzen lässt“, so der Notfallmediziner. „Viele der gängigen Kinderdosierungsformeln, die auch noch eine Umrechnung von Milligramm auf Milliliter erfordern, helfen wenig, wenn das Körpergewicht und Patientenalter gar nicht bekannt sind oder falsch geschätzt werden.“ Das Maßband wird einfach neben das Kind gelegt, die richtigen Dosierungen, Größen und Normalwerte können neben dem Kopf des Kindes abgelesen werden. „Zusätzlich werden die kleinen Patienten anhand der Größe in Farbzonen eingeteilt“, erklärt Franz. Das beidseitig bedruckte Tape hilft gerade in Notfallsituationen, sehr viel Zeit zu sparen, da man auf der Vorderseite Atemwegs­hilfen und auf der Rückseite die Medikamentendosierung sofort ablesen kann. „Sehr praktisch sind die fix und fertig abgepackten Rucksäcke oder kleine Notfallkoffer mit den Medikamenten und Materialien in unterschiedlichen Einheiten und Größen“, sagt Franz. „Somit ist schnell alles verfügbar.“ Einziger Nachteil: Das Notfallband benötigt etwas mehr Platz als Linealsysteme und man braucht de facto zwei Personen zum Abmessen und Ablesen.

Grundstein in den USA

Die Grundidee der längenbasierten farbcodierten Dosierung wurde in den 80er-Jahren vom amerikanischen Kinderarzt Jim Broselow aufgegriffen, der das sogenannte Broselow-Tape entwickelt hat. Mittlerweile ist sein Farbcode für Kinder bis 150 cm Größe weltweit verbreitet und das System gut evaluiert. Franz und sein Team haben dieses Prinzip auf Perzentilen-Kurven von Längenwachstum und Gewichtsklasse zusammengeführt und das Peditape entwickelt. Dabei wurden die Skalen für in Österreich spezifische Medikamente und Materialien adaptiert.
Das Pendant in Deutschland heißt Pediasafe® und enthält ergänzend eine Info-Broschüre. Basierend auf dem Broselow-Tape können ­darin entsprechend den Broselow-Farbcodes Dosierungen, Angaben zu Vitalparametern, Defibrillations-/Kardioversionsenergien etc. abgelesen werden. Mitentwickler Dr. Thomas Oliver Zugck, Oberarzt am Westküstenklinikum Heide: „Vorgegebene, standardisierte Verdünnungen der Medikamente ermöglichen sichere Dosierungsangaben gleich in Milliliter und eliminieren dadurch Dosierungs- und Rechenfehler.“ Mittlerweile komplettieren auch diverse Apps und Softwarelösungen (Artemis, SafeDose), die teilweise kostenlos geladen werden können, das Programm. Der Vorteil an den mobilen Anwendungen liegt in der umfassenden, stets aktualisierten und schnell verfügbaren Anleitung für Medikamentendosierung in Notfallsituationen.

Schnell Maß nehmen

Nach demselben Prinzip funktioniert das Notfalllineal, dieses ist allerdings etwas platzsparender. Franz: „Ähnlich wie beim Notfallband werden im Segment „Neugeborenes“ drei, in allen folgenden Abschnitten zwei Längenbereiche jeweils mit einem Farbwechsel der Zentimeterskalierung gekennzeichnet. Dementsprechend werden in diesen Segmenten drei beziehungsweise zwei Dosierungsempfehlungen gegeben.“ Der blaue Skalierungsbereich ist jeweils in der Tabelle mit blauen Zahlen gekennzeichnet. Die Zuordnung von Länge zum Gewicht folgt der Normalverteilung. Bei deutlich über oder unter dem Durchschnitt liegendem Ernährungszustand kann der von der Länge eine Einheit nach oben oder nach unten abweichende Gewichtsbereich gewählt werden.

 

 

Ausbaufähig

Nach deutschem Vorbild, wo derartige Rettungsmaßnahmen schon häufiger im Einsatz sind, will man nun auch im österreichischen Rettungsdienst Initiativen starten, um die Notfallversorgung von Kindern sicherer zu machen. Alle Einsatzfahrzeuge und auch der Rettungshubschrauber sollten mit Kindernotfallband oder Notfalllineal ausgerüstet sein. ,Kommen mit einem Kind Broselow blau‘, könnte zum Beispiel die Anmeldung des Rettungsteams in der ­Klinik lauten“, so die Zukunftsvision des Notarztes. Ganz gleich, ob Notaufnahme, Kreißsaal, Schockraum, Intensivstation oder OP, diese farbcodierten Sicherheitssysteme würden schnelles Handeln unterstützen und die Therapie sicherer machen.

 

Nachgefragt bei …

… Prim. Univ.-Prof. Dr. Udo M. Illievich, Vorstand der Abteilung für Anästhesiologie und Intensivmedizin, LNK Wagner-Jauregg und Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Anästhesiologie, Reanimation und Intensivmedizin (ÖGARI)

AIC 2013
Jahrestagung der Österreichischen Gesellschaft für ­Anästhesiologie, Reanimation und Intensivmedizin 14.-16. November 2013, www.oegari.at
Dem Risk- und Qualitätsmanagement wird vermehrt Aufmerksamkeit geschenkt, das spiegelt sich auch im Programm des AIC 2013 wider. Wo sehen Sie derzeit die Schwerpunkte für die Patientensicherheit?
Um die Patientensicherheit im perioperativen und intensivmedizinischen Umfeld noch weiter zu erhöhen, haben wir vorgeschlagen, die medizinische Simulation bereits in der Ausbildung verpflichtend zu verankern und darüber hinaus bereits 2012 im Rahmen des AIC eine Arbeitsgruppe „Kennzahlen und Outcome in der Anästhesiologie“ gegründet, die Qualitätsindikatoren für die unterschiedlichen Säulen unseres Faches ausarbeiten und vorstellen wird.Obwohl es in vielen Bereichen der Wirtschaft und des täglichen Lebens eine Selbstverständlichkeit ist, dass Sicherheit einen Kostenfaktor darstellt, wird im medizinischen Bereich häufig unter dem Etikett „Ökonomie“ versucht, auch auf Kosten der Sicherheit Einsparungen zu erzielen. Als Beispiel möchte ich hier die zur Kostensenkung verwendete Praxis der Medikamentenumstellung auf das jeweils zu diesem Zeitpunkt günstigere Präparat anführen. Die dadurch entstehende Verwechslungsmöglichkeit der im Bereich der Anästhesiologie und Intensivmedizin verwendeten hochwirksamen Medikamente stellt eine bewusste Risikoerhöhung dar.
Wo liegen für Sie die wesentlichen Handlungsfelder der Fachgesellschaft in den kommenden Jahren?
Eine den individuellen Bedürfnissen der Patienten und deren Krankheitsbildern angepasste Therapie setzt Kenntnisse, Erfahrung und Fertigkeiten voraus, die häufig die Grenzen des einzelnen medizinischen Faches überschreiten. Ein besonderes Anliegen ist uns daher, die interdisziplinäre Zusammenarbeit mit anderen wissenschaftlichen Gesellschaften anzustreben.
Eine der wichtigsten Aufgaben der Fachgesellschaft wird sein, junge Kollegen für das Fach zu begeistern, bei der Reform der Ausbildungsordnung konstruktiv mitzuarbeiten und sich für das hohe Niveau der medizinischen Versorgung durch Fachärzte einzusetzen.

 

AutorIn: Prim. Univ.-Prof. Dr. Udo M. Illievich

Vorstand der Abteilung für Anästhesiologie und Intensivmedizin, LNK Wagner-Jauregg und Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Anästhesiologie, Reanimation und Intensivmedizin (ÖGARI)


MP 05|2013

Herausgeber: AUSTROMED – Interessensvertretung der Medizinprodukte-Unternehmen
Publikationsdatum: 2013-10-31