Qualitätssicherung für die Radiologietechnologie

Ihr Schwerpunkt ist wissenschaftliches und evidenz­basiertes Arbeiten für Radiologietechnologen – was genau steckt hier dahinter?

Das Prinzip der evidenzbasierten Medizin (EBM) ist ein anerkanntes Prinzip aus der klassischen klinischen Anwendung. Bei den nicht ärztlichen Gesundheitsberufen hat sich EBM erst langsam eingebürgert und wird derzeit weiterentwickelt. So haben sich etwa die Physiotherapeuten des Themas angenommen und die Frage gestellt, ob EBM eine Struktur bietet, um Entscheidungen, die für die Behandlung von Patienten getroffen werden, auch gut begründet werden können. In der Radiotechnologie gibt es international seit einigen Jahren die Bestrebung, hier ebenfalls Antworten zu finden.

Ist EBM ein Trendthema angesichts der Spardiskussion im Gesundheitswesen oder eine zentrale Entwicklung in der sicheren Behandlung?

Natürlich können die Ergebnisse auch für eine gesundheitsökonomische Sicht genutzt werden, denn sie zielen direkt auf den Patienten ab. EBM ist kein Selbstzweck, sondern hat etwas mit individualisierten Entscheidungen auf Basis komplexer Wissenszusammenhänge zu tun. Und dieser Ansatz entspricht dem Trend der personalisierten Medizin.

Woher kommt die Evidenz in der Radiologietechnologie?

Aus klinischen Studien, wie in anderen Fachgebieten auch. Mir ist es aber besonders wichtig, den Gedanken überhaupt in die Ausbildung zu bringen, es geht um Awareness für die Frage, wie die Integration individueller klinischer Expertise mit der besten, verfügbaren, externen Evidenz aus systematischer Forschung in den Arbeitsalltag einfließen kann. Das erfordert einerseits entsprechendes Fachwissen, aber andererseits auch das Wissen, wie mit wissenschaftlicher Literatur und Forschungsergebnissen umzugehen ist und was diese Ergebnisse für die Anwendung am Patienten bringen können.

EBM heißt auch das Arbeiten nach Leitlinien. Stellt das aus Ihrer Sicht eine Einschränkung des Anwenders dar?

Es gibt so etwas wie die „interne Evidenz“, das sind fachliches Know-how und Erfahrung des Anwenders bzw. der Kollegen im Team. Leitlinien sind eine gute Richtschnur, ihre Anwendung muss man aber immer wieder auf die Bedürfnisse des Patienten abstimmen und auch auf die Rahmenbedingungen, unter denen gearbeitet wird. Was nützen die besten Leitlinien, wenn auf einer Abteilung die dazu nötigen Ressourcen oder erforderlichen Medizinprodukte nicht da sind?

Qualitätssicherung ist ein weiterer Schwerpunkt Ihrer Arbeit, wie stellt sich das in der Praxis dar?

Hier geht es um die Qualitätssicherung medizinisch-technischer Geräte. Also zum Beispiel die Durchführung technischer Qualitätskontrollen oder die Überprüfung entsprechend geltender Normen. Ein zweiter Teil ist die Qualitätssicherung im Sinne der Optimierung und kontinuierlichen Verbesserung von Untersuchungen im Hinblick auf Outcome und Kosteneffizienz. Und schließlich ist der dritte Aspekt die Qualitätssicherung der Ausbildung im Sinne von der Gestaltung des Curriculums, um auf die Anforderungen in der Berufswelt optimal vorzubereiten. Unser Feld ist sehr dynamisch, da wir von der medizintechnischen Entwicklung abhängig sind. Daher ist die Qualitätssicherung der Ausbildung auch eine gute Form der Marktbeobachtung für das eigentliche Berufsfeld.

Wo sehen Sie die großen Herausforderungen für die Radiologietechnologie in den kommenden Jahren?

Wesentlich ist sicher die Frage, welchen Beitrag wir im Bereich der Gesundheitsökonomie leisten und wie wir in Zukunft an der Patientenversorgung teilhaben können. Es gibt bereits Felder, in denen wir die Fachärzte für Radiologie entlasten können, das erfordert aber auch eine Weiterentwicklung in unserer Ausbildung. So ist etwa die Durchführung von Ultraschalluntersuchungen in unserem Berufsgesetz verankert, in der Praxis hat sie sich aber noch nicht weitgehend durchgesetzt. Ein weites Feld wird sich auch durch die Teleradiologie und ELGA eröffnen. Im Bereich der Forschung und Entwicklung werden die Optimierung von Untersuchungen und die Möglichkeiten der Visualisierung, insbesondere die computer­assistierte Chirurgie und Navigation, neue Herausforderungen bringen.

Interview mit: FH-Prof. Mag. Gerold Unterhumer

FH Campus Wien,

 

BIO BOX
Als Lehrender im Bachelorstudiengang an der FH Campus Wien konzentriert sich Mag. Gerold Unterhumer auf wissenschaftliches und evidenzbasiertes Arbeiten für Radiologietechnologen, qualitative Forschungsmethoden und Berufs- und Medizinethik. Seit 2008 leitet er zusätzlich den Masterlehrgang Radiologietechnologie, der neben dem fachlichen Update in den radiologietechnologischen Praxisfeldern den Teilnehmern die Gelegenheit bietet, einen Schwerpunkt in Schnittbildverfahren, Multimodalität, Strahlenschutz oder Medizintechnik und IT in der Medizin zu setzen. Seine Ausbildung zum Radiologietechnologen absolvierte er am Krankenhaus Hietzing der Stadt Wien. Nach mehrjähriger Tätigkeit in Instituten für Radiologie und Nuklearmedizin schloss der geprüfte Lehrer für radiologisch-technische Verfahren in Diagnostik, Strahlentherapie und Nuklearmedizin zusätzlich ein Diplomstudium der Bildungswissenschaften und Soziologie an der Universität Wien ab. In den Entwicklungsteams verschiedener Studiengänge hat er als Leiter oder Mitglied einen wesentlichen Beitrag zur Qualitätssicherung der Lehre an der FH Campus Wien geleistet. Er koordiniert die Forschungs- und Entwicklungsarbeit im Fachbereich Radiologietechnologie und ist als Repräsentant des Studienganges im „Higher Education Network for Radiography in Europe“ tätig.
Im Juni 2014 zeichnete die FH Campus Wien Gerold Unterhumer mit dem Titel „FH-Prof.“ für seine besonderen Leistungen in Lehre und Forschung aus.

MP 05|2014

Herausgeber: AUSTROMED, Interessensvertretung der Medizinprodukte-Unternehmen
Publikationsdatum: 2014-11-06