Schlaue Chips zur Effizienzsteigerung

Sogenannte „intelligente Sensornetze“ optimieren seit Jahren Industrie und Handel. An Objekten aufgebrachte oder eingearbeitete Transponder erfassen und speichern kontaktlos Daten, übermitteln diese per Funk oder übernehmen sogar eigenständige Aufgaben. Über eine Vermittlungssoftware kann der Nutzer auf die Daten der schlauen Chips jederzeit zugreifen.
Auch das Gesundheitswesen begann schon vor einiger Zeit, sich mit den Möglichkeiten der RFID-Technologie (Radio Frequency Identification) intensiv auseinanderzusetzen. Die Erwartungen waren groß, lösten beinahe so etwas wie einen Hype aus: Das Krankenhaus der Zukunft, war da etwa in Expertenanalysen und wissenschaftlichen Essays zu lesen, werde mittels intelligenter RFID-Technologie gesteuert, der Klinikalltag „in den kommenden Jahren revolutioniert“.
Das Potenzial ist immer noch vorhanden, der Hype aber inzwischen einer sachlichen Betrachtung gewichen. „Eine gewisse ­Ernüchterung ist tatsächlich eingetreten“, bestätigt Dr. Thomas Königsmann vom Fraunhofer-Institut für Software- und Systemtechnik ISST. Das Institut arbeitet an IT-Lösungen für die gesamte Informationskette im Gesundheitswesen. Ziel ist es, mithilfe technologischer Ansätze mehr Qualität in das Gesundheitswesen zu bringen, Prozessabläufe innerhalb und zwischen den Einrichtungen zu verbessern und gleichzeitig Kosten zu senken.

Problembewusstsein

Die Prognosen, meint Königsmann, wonach die RFID-Technologie die herkömmlichen Barcodes innerhalb kurzer Zeit vollkommen ersetzen würde, hätten sich jedenfalls nicht bestätigt. Als mögliche Gründe nennt der Abteilungsleiter für Business Communication Management am Fraunhofer ISST unter anderem vergleichsweise hohe Investitionskosten und einen Mehraufwand in der Organisationsentwicklung gegenüber dem bestens etablierten Barcode. Der Blick der Klinikbetreiber auf die Chancen und Möglichkeiten der innovativen Technologie sei insgesamt „vielleicht nicht kritischer, aber problembewusster“ geworden. Zudem gelte es zu bedenken, dass die ureigenste Aufgabe des Krankenhauses die Behandlung der Patienten ist: „Das Krankenhaus kümmert sich primär um Patienten, RFID kümmert sich mehr um Begleitprozesse. Daher hat das Thema auch keinen so hohen Stellenwert.“ Oft sind es heute daher eher rein ökonomisch geführte Zulieferer oder Partnerfirmen, die RFID einsetzen, zum Beispiel Großwäschereien.
Ein anderer Grund für die Zurückhaltung in den Chefetagen der Krankenhausbetreiber sind möglicherweise auch noch immer Sicherheitsbedenken, etwa was den Einsatz der Funktechnologie in Kombination mit sensiblen medizinischen Geräten oder Implantaten betrifft. Natürlich gibt es elektrische Ströme, die im Krankenhausbetrieb zu berücksichtigen sind, um ungewünschte Wechselwirkungen zu vermeiden, bestätigt Königsmann. Dies sei aber technisch gut beherrschbar. Speziell für den Einsatz in einem Krankenhaus- bzw. Klinikumfeld entwickelte Lösungen stellen sicher, dass Medizingeräte und andere medizinische Anwendungen nicht gestört werden.

Breite Anwendungsmöglichkeiten

Potenziale für eine ganze Reihe von Anwendungen im klinischen Alltag sind durchaus gegeben, sagt Königsmann, die vorhandenen Möglichkeiten seien noch lange nicht ausgeschöpft. Das derzeit häufigste Einsatzgebiet betrifft das Wäschemanagement. Im Praxiseinsatz ist eine solche Lösung etwa bei der renommierten Charité in Berlin. Dazu wurden sämtliche Kleidungsstücke getagged – also mit einem Transponder versehen. Das war zwar mit einem beachtlichen Investitionsaufwand verbunden, sollte sich aber langfristig rechnen, ist Königsmann überzeugt, weil damit die Anzahl der benötigten Kleidungsstücke deutlich verringert und die Prozesse optimiert werden können.
2008 startete ein ähnliches Projekt in Österreich im Orthopädischen Spital Speising. Über eine Chipkarte bzw. einen Code wurden Kleidungsstücke in Größe und Typ den jeweiligen Mitarbeitern automatisch zugewiesen und auf maximal zwei Stück limitiert. Rund 500 Mitarbeiter wurden so täglich mit frischer Wäsche versorgt. Die Erfahrungen waren durchaus positiv. „Da eine namensbezogene Zuordnung entfällt, konnten die Lagerbestände und die Umlaufzeiten drastisch reduziert werden“, wurde etwa per Aussendung ein Jahr nach Projektstart vermeldet. In den Regelbetrieb hat es das System allerdings bis heute nicht geschafft. Im Rahmen des Projekts „Krankenhaus der Zukunft“ wurden im Orthopädischen Spital Speising zudem noch verschiedene andere Anwendungsmöglichkeiten erprobt. Umgesetzt wurde auch davon bisher allerdings nichts. Auf Nachfrage der Redaktion bestätigte der Sprecher des Hauses, Dr. Pierre Saffarnia, dass aktuell keine RFID-Technologie eingesetzt werde. Als Begründung führt Saffarnia die notwendigen Investitionskosten an, die letztendlich für die Klinik zu hoch gewesen seien.
Eine in Speising ebenfalls getestete, potenzielle RFID-Anwendung ist die Personenidentifikation mittels Armbändern, die mit einem Transponder ausgestattet werden. Bei der Einfahrt in den Operationssaal zum Beispiel könnten die Daten des Armbandes automatisch gelesen und die individuelle Krankengeschichte des Patienten auf einem Bildschirm angezeigt werden. Auch die Datenerfassung über ein mobiles Lesegerät, etwa im Zuge einer Visite ist möglich, ebenso Zutrittskontrollen. Selbst der direkte Login am PC ohne Eingabe eines Users oder Passwortes wäre problemlos umsetzbar. Der PC erkennt die ID des Senders und gibt den Zugriff für den Arzt, die Schwester oder sonstige Krankenhausmitarbeiter automatisch frei.
RFID-Armbänder könnten darüber hinausgehend noch andere Zusatzfunktionen übernehmen, etwa die Ortung von Personen. Königsmann berichtet von einem Projekt in Nordrhein-Westfalen, wo als Folge eines konkreten Entführungsfalles alle Mütter und Neugeborenen auf der Entbindungsstation getagged wurden. Sobald das Kind ohne Mutter die Säuglingsstation verlässt, erfolgt ein Alarm.
Was für Personen – für Patienten genauso wie für medizinisches Personal – möglich ist, gilt natürlich auch für das gesamte Inventar, für medizinische Geräte, chirurgische Instrumente oder etwa auch für Blutkonserven oder Medikamente. Damit könnten Einsatz und Verbrauch optimiert, aber auch nachträglich besser kontrolliert werden.
Am weitesten ist man diesbezüglich im dänischen Aarhus, wo die Klinik zur Gänze mit RFID-Schleusen ausgestattet wurde. Dadurch ist es möglich, jede Person und jedes Gerät raumgenau zu orten und auch deren Wege detailgenau nachzuvollziehen.

Problemfelder

Die technischen Möglichkeiten sind also vorhanden. Trotzdem bleibt – einmal abgesehen vom finanziellen Aspekt – noch eine Reihe von ungelösten Problemfeldern. Dazu zählen fehlende rechtliche Rahmenbedingungen genauso wie offene ethische Fragen, allen voran natürlich das Thema Datenschutz.
Ein anderes Problem ergibt sich aus dem Fehlen technischer Standards. RFID wird in der Regel nicht als eine einheitliche Infrastruktur verkauft, sondern in Form einzelner Anwendungen, erläutert Königsmann. Die Folge können unterschiedliche Systeme sein, die nicht nur untereinander, sondern zusätzlich auch noch mit der Krankenhaus-IT-Architektur verknüpft werden müssen. Als Beispiel nennt Königsmann die Charité, wo alleine im OP zwei völlig unterschiedliche RFID-Systeme zum Einsatz kommen. Einheitliche Standards würden nicht nur helfen, technische Schnittstellenprobleme zu vermeiden, sondern den Einsatz insgesamt auch kostengünstiger machen und die Investitionsanforderungen reduzieren. Damit wäre zumindest ein wichtiger Stolperstein aus dem Weg zum „Krankenhaus der Zukunft“ geräumt.

 

Was ist und was kann RFID?

RFID (Radio Frequency Identification) gehört wie der Strichcode zu den sogenannten „Auto-ID-Technologien“. Damit können Objekte mithilfe elektromagnetischer Wellen automatisch identifiziert und lokalisiert werden.
Im Gegensatz zum Strichcode erfolgt bei RFID die Datenabfrage via Transponder berührungslos und ohne Sichtkontakt, wodurch viele Objekte gleichzeitig erfasst werden können. Der Transponder kann so klein wie ein Reiskorn sein oder auch – etwa bei Menschen oder Haustieren – implantiert werden. Die Kopplung geschieht durch von einem Lesegerät erzeugte magnetische Wechselfelder geringer Reichweite oder durch hochfrequente Radiowellen. Damit werden nicht nur Daten übertragen, sondern auch der Transponder wird mit Energie versorgt. Es gibt aber auch sogenannte aktive Transponder, die über eine eigene Stromversorgung verfügen. Das System wird mittels einer eigenen RFID-Middleware mit den hauseigenen EDV-Systemen sowie externen und internen Datenbanken verknüpft.

Interview mit: Dr. Thomas Königsmann

Abteilungsleiter für Business Communication Management am Fraunhofer-Institut für Software- und Systemtechnik ISST


MP 02|2014

Herausgeber: AUSTROMED, Interessensvertretung der Medizinprodukte-Unternehmen
Publikationsdatum: 2014-04-22