Österreich verfügt über eine starke Forschungslandschaft, qualifizierte Fachkräfte, innovative Unternehmen und ein Gesundheitssystem, das im internationalen Vergleich lange den Anspruch hatte, zu den Besten zu gehören. Doch genau dieser Anspruch steht unter Druck. Innovationen entstehen zwar auch in Österreich, kommen aber zu selten rasch in die Versorgung. Unternehmen entwickeln, forschen und investieren – stoßen dann jedoch auf zersplitterte Erstattungswege, komplexe Beschaffungssysteme oder regulatorische Lasten. Aus Sicht der AUSTROMED-Präsidiumsmitglieder Gerald Gschlössl, Präsident, und der Vizepräsidenten KommR Mag. Alexander Hayn, MBA sowie Dipl. BW Christian Braun ist es dringend an der Zeit, die politische Diskussion zu schärfen: Österreichs Industriestrategie braucht nicht nur ein paar Zeilen am Rande, die sich mit Lifesciences beschäftigen, sondern eine klare Strategie, die explizit auch einen Schwerpunkt auf Medizinprodukte setzt.
In der aktuellen österreichischen Industriestrategie 2035, die Innovation, Resilienz, nachhaltige Produktion und Wettbewerbsfähigkeit adressiert, sind Life-sciences ausdrücklich als einer von neun Schlüsseltechnologie- bzw. systemrelevanten Sektoren verankert. Damit wird der Bereich nicht nur als Gesundheitsthema, sondern als strategischer Standort- und Wettbewerbsfaktor verstanden. Zusätzlich ist laut Bundesregierung eine eigene Lifesciences-Strategie geplant, die branchenspezifisch ergänzen und insbesondere den Forschungs- und Produktionsstandort stärken soll.
Welche Rolle spielen Medizinprodukte in der Volkswirtschaft?
GSCHLÖSSL: Die österreichische Medizinprodukte-Branche erzielt gesamtwirtschaftlich betrachtet einen Umsatz von 18,6 Milliarden Euro. Jeder umgesetzte Euro generiert rund einen weiteren Euro Umsatz in Österreichs Wirtschaft. Die gesamte durch die Branche bewirkte Wertschöpfung beträgt 5,5 Milliarden Euro; rund 62.000 Arbeitsplätze hängen direkt und indirekt an ihrer Leistungskraft. Jede und jeder Beschäftigte in einem Medizinprodukte-Unternehmen sichert damit mehr als einen weiteren Arbeitsplatz in der heimischen Volkswirtschaft. Diese Zahlen machen deutlich: Medizinprodukte sind nicht nur ein Kostenfaktor im Gesundheitssystem, sondern ein relevanter Teil industrieller Wertschöpfung. Die Branche schafft qualifizierte Beschäftigung, stärkt Zulieferketten, verbindet Forschung mit Produktion und trägt zur regionalen Standortentwicklung bei.
Warum braucht Österreich eine starke Lifesciences-Strategie auch aus Sicht der Medizinprodukte-Branche?
GSCHLÖSSL: Lifesciences umfassen neben einer Reihe von Themen vor allem auch die Medizinprodukte, In-vitro-Diagnostika, digitale Gesundheitsanwendungen. Sie alle sind zentrale Bestandteile moderner Versorgung. Ohne sie gibt es keine Diagnostik, keine Operation, keine Intensivmedizin und keine strukturierte Patientenversorgung. Wenn Österreich den Lifesciences-Standort stärken will, müssen Medizinprodukte daher von Beginn an in eine Strategie integriert werden. Es ist auch notwendig, Forschung, Produktion und Versorgung gemeinsam zu betrachten, denn Innovation entsteht nur dort, wo gute Forschungsbedingungen, ein funktionierender Marktzugang und planbare Rahmenbedingungen zusammenkommen. Eine Lifesciences-Strategie muss definieren, welche Standortziele Österreich verfolgt, wie Forschung in Anwendung kommt, wie innovative Produkte rascher zu Patientinnen und Patienten gelangen und wie Unternehmen im internationalen Wettbewerb gehalten werden können. Sie ist kein industriepolitisches Bekenntnis, sondern muss operativ sichtbar werden.
Müssen Medizinprodukte in einer Lifesciences-Strategie ein eigenes „Kapitel“ sein?
GSCHLÖSSL: Sie müssen explizit Erwähnung finden. Der Begriff Lifesciences lässt meist an Biotechnologie, Biomedizin oder Pharmazie denken, doch ohne Medizinprodukte kommt vieles davon gar nicht in der Versorgung an. Diagnostik, Implantate, digitale Anwendungen, Robotik, Daten, Therapieunterstützung, Homecare und Prävention greifen ineinander. Die Medizinprodukte-Branche folgt eigenen Innovationszyklen, eigenen regulatorischen Anforderungen und eigenen Marktzugangswegen und muss daher ein eigenes Kapitel sein.
Welche Herausforderungen betreffen die Medizinprodukte-Branche derzeit besonders?
HAYN: Die Branche steht unter erheblichem Druck. Einerseits steigen Energie-, Personal-, Logistik- und Regulierungskosten. Andererseits nehmen die Anforderungen durch europäische Regelwerke, Dokumentationspflichten, Nachhaltigkeitsvorgaben und Beschaffungsprozesse deutlich zu. Medizinprodukte-Unternehmen sind häufig hochspezialisierte Unternehmen, darunter für Österreich typisch eben viele Klein- und Mittelbetriebe (KMU). Für sie sind zusätzliche Berichtspflichten, lange Verfahren oder unklare Zuständigkeiten nicht nur administrativer Aufwand, sondern ein echter Standortfaktor. Oft muss Personal aufgestockt werden, um die vielen neuen Regularien überhaupt erfüllen zu können, und das können sich viele KMU nicht mehr leisten.
Wenn Innovationen später in die Versorgung kommen, betrifft das nicht nur Unternehmen, sondern unmittelbar Patientinnen und Patienten, Gesundheitseinrichtungen und alle im Gesundheitswesen Tätigen. Standortpolitik ist daher immer auch Versorgungspolitik. Genau dieses Spannungsfeld zwischen regulatorischen Anforderungen, Kostendruck und der Attraktivität Österreichs als Forschungs- und Produktionsstandort bleibt eine zentrale Herausforderung in der Umsetzung und erst recht, wenn es gar keine passende Strategie dazu gibt.
Was bedeutet Versorgungssicherheit bei Medizinprodukten konkret?
BRAUN: Versorgungssicherheit bedeutet, dass benötigte Produkte, Services und Dienstleistungen rechtzeitig, zuverlässig und in ausreichender Qualität verfügbar sind – vom sterilen Einmalprodukt über Diagnostiksysteme bis zur Hightech-Ausstattung im OP. Globale Lieferketten, Rohstoffabhängigkeiten und geopolitische Unsicherheiten zeigen, wie verletzlich diese Versorgung sein kann. Gleichzeitig spielt der Preis im Gesundheitswesen eine hohe Rolle, denn die Budgets sind knapp und die Anforderungen steigen. Wer ausschließlich den billigsten Anbieter auswählt, riskiert Abhängigkeiten, Qualitätsverluste und mangelnde Resilienz. Österreich braucht daher Beschaffungsmodelle, die Qualität, Liefersicherheit, Service, Schulung, Nachhaltigkeit und Innovationswert berücksichtigen. Ein strategischer Zugang zu Life Sciences muss Medizinprodukte als kritische Infrastruktur anerkennen.
Welche Rolle spielt Forschung und Innovation für den Medizinprodukte-Standort Österreich?
GSCHLÖSSL: Eine sehr zentrale Rolle. Österreich verfügt über starke Universitäten, Fachhochschulen, Kliniken, außeruniversitäre Forschung und innovative Unternehmen. Dieses Potenzial muss besser in marktfähige Lösungen übersetzt werden. Gerade Medizinprodukte entstehen häufig an der Schnittstelle von Technik, Medizin, Daten und Anwendungspraxis. Dafür braucht es klinische Testumgebungen, rasche Ethik- und Genehmigungsprozesse, Zugang zu Gesundheitsdaten, klare Zuständigkeiten und eine engere Kooperation zwischen Forschungseinrichtungen, Spitälern und Unternehmen. Die Industriestrategie 2035 setzt mit Innovation, Resilienz und Wettbewerbsfähigkeit wichtige Eckpunkte, aber entscheidend ist nun, diese Ziele auch für Medizinprodukte konkret umzusetzen.
Wo sehen Sie beim Marktzugang den größten Handlungsbedarf?
HAYN: Innovative Medizinprodukte müssen schneller und strukturierter in die Versorgung kommen. Das wird angesichts der vielen Regularien, allen voran der EU-Verordnungen für Medizinprodukte und In-vitro-Diagnostika (MDR und IVDR), immer schwieriger und eher langsamer. Entscheidend ist darüber hinaus eine Nutzenbewertung, die nicht nur Anschaffungskosten betrachtet, sondern den gesamten Versorgungsprozess, also etwa die Vermeidung von Komplikationen, kürzere Spitalsaufenthalte, weniger Folgebehandlungen, bessere Arbeitsabläufe und höhere Lebensqualität. Unser Credo lautet daher: Sparen mit und nicht an Medizinprodukten.
Welche Erwartungen haben Sie an die Politik?
GSCHLÖSSL: Österreich braucht eine integrierte Standortpolitik für Lifesciences, in der Medizinprodukte eine gleichwertige Rolle spielen. Dazu gehören weniger Bürokratie, raschere Verfahren, eine innovationsfreundliche Beschaffung, die bessere Nutzung von Gesundheitsdaten, gezielte Forschungsförderung, eine Fachkräfteentwicklung und das klare Bekenntnis zu Produktion und Wertschöpfung in Europa. Wichtig ist auch eine ressortübergreifende Umsetzung. Der Input zeigt klar, dass nachhaltige Lösungen nur durch abgestimmtes Handeln von Politik, Wissenschaft und Wirtschaft entstehen können. Genau das braucht es jetzt auch für die Medizinprodukte-Branche.
Was steht für den Standort Österreich auf dem Spiel?
BRAUN: Es geht um mehr als einzelne Brancheninteressen. Es geht um die Frage, ob Österreich ein aktiver Innovations-, Forschungs- und Versorgungsstandort bleibt oder zunehmend von Entwicklungen anderer Märkte abhängig wird. Medizinprodukte sind ein Schlüsselbereich für ein leistungsfähiges Gesundheitssystem, für industrielle Wertschöpfung und für qualifizierte Arbeitsplätze. Wer den Standort stärkt, stärkt daher zugleich die Versorgung der Patientinnen und Patienten. Österreich hat gute Voraussetzungen, jetzt braucht es klare Prioritäten und rasche Umsetzung.
Warum ist das Innovationsklima in Österreich unter Druck?
GSCHLÖSSL: Ein Kernproblem ist der Transfer von Innovation in den Markt. Österreich fördert Forschung, Pilotprojekte und technologische Entwicklung. Doch die Brücke in die reguläre Versorgung bleibt häufig schwach. Kurz gesagt: Österreich entwickelt und fördert, andere Märkte verkaufen. Für den Standort ist das doppelt problematisch. Erstens wandern Wertschöpfung und Wachstum ab. Zweitens profitieren österreichische Patientinnen und Patienten oft gar nicht oder zu spät von Innovationen, die im eigenen Land mitentwickelt wurden. Eine Lifesciences-Strategie mit Medizinprodukte-Schwerpunkt muss daher nicht nur Forschung ermöglichen, sondern auch Marktzugang, Erstattung und Anwendung abbilden.
BRAUN: Besonders kritisch ist das Erstattungssystem. Innovative Produkte und Lösungen werden im österreichischen Gesundheitssystem oft nach Produkt- oder Stückkosten beurteilt, anstatt Gesamtkosten, Patientennutzen, Prozessverbesserungen und Folgekosten zu berücksichtigen. Das ist für uns klar innovationshemmend. Ein Medizinprodukt kann zum Beispiel Operationen verkürzen, Komplikationen vermeiden, Pflege entlasten, Spitalsaufenthalte reduzieren oder Prävention verbessern. Wenn solche Effekte nicht ausreichend bewertet werden, bleibt der kurzfristig billigere Einkauf oft attraktiver als die langfristig bessere Versorgung.
HAYN: Dazu kommt die bekannte Trennung zwischen intra- und extramuralem Bereich. Innovationen scheitern häufig nicht daran, dass sie medizinisch keinen Nutzen hätten, sondern daran, dass sie in keiner passenden Finanzierungslogik landen. Was im Spital Kosten verursacht, kann im niedergelassenen Bereich Nutzen bringen und umgekehrt. Eine moderne Lifesciences-Strategie müsste daher eine Gesamtkostenbetrachtung verankern und Finanzierung stärker an Versorgungsergebnissen ausrichten. Dazu kommt, dass Medizinprodukte häufig erklärungsbedürftig, an Schulung und Service gekoppelt, in klinische Abläufe eingebettet und abhängig von Anwendererfahrung sind. Bei Medizinprodukten müssen Beschaffung und Preis auch Qualität, Versorgungssicherheit, Servicefähigkeit, Schulungsaufwand, Lebenszykluskosten und Innovationsnutzen berücksichtigen. Eine Strategie sollte deshalb nicht nur billigere Beschaffung anstreben, sondern bessere Beschaffung.
Deutschland zeigt, wie eine politische Aufwertung der Medizinprodukte-Branche aussehen kann. Ist das auch für uns ein gangbarer Weg?
GSCHLÖSSL: In Deutschland wurden Medizinprodukte im Koalitionsvertrag 2025 ausdrücklich als Teil der industriellen Gesundheitswirtschaft und als Leitwirtschaft adressiert. Zudem wurde Versorgungssicherheit auch für Medizinprodukte festgeschrieben, einschließlich der Rückverlagerung kritischer Produktionsstandorte nach Deutschland und Europa. Der deutsche Schwesternverband BVMed beschreibt darüber hinaus einen vom Bundeskanzleramt initiierten, koordinierten und ressortübergreifenden Strategieprozess: Die Pharmastrategie und der Pharmadialog wurden um Medizintechnik erweitert; Ziel ist ein Pharma- und Medizintechnikdialog mit konkreten Maßnahmen zur Verbesserung der Rahmenbedingungen. Wir müssen auch unsere Größe berücksichtigen. Ein kleines Land wie Österreich kann im internationalen Wettbewerb nicht gewinnen, indem es langsamer, komplizierter und weniger planbar ist als größere Märkte. Wenn Nachbarländer ihre Standorte strategisch stärken, muss Österreich umso klarer definieren, wo es attraktiv sein will: bei Forschung und Entwicklung, bei klinischer Anwendung, bei Produktion, bei Start-ups, bei KMU, bei digitalen Lösungen, bei Exportfähigkeit und bei der Integration von Innovationen in die Versorgung.
Eine Lifesciences-Strategie mit Medizinprodukte-Schwerpunkt muss daher mehrere Handlungsfelder enthalten: schnellere und transparentere Wege für die Erstattung innovativer Produkte und Lösungen; Beschaffungsmodelle, die Gesamtnutzen und Lebenszykluskosten bewerten, sowie weniger Bürokratie bei Gründung, Wachstum, Dokumentation und Marktzugang. Die bessere Verzahnung von Forschung, klinischer Praxis, Unternehmen, Sozialversicherung und öffentlicher Hand ist ebenso zentral wie ein Bekenntnis zu Versorgungssicherheit und Standortresilienz. Eine solche Strategie ist kein Wunschzettel, sondern ein Instrument, um Patientennutzen, wirtschaftliche Stärke und Systemeffizienz zusammenzubringen.
Die AUSTROMED bringt Fachwissen und Markterfahrung mit, kennt die regulatorischen Anforderungen, die Hürden im Erstattungssystem, die Realität öffentlicher Beschaffung und die Innovationspotenziale in den Unternehmen. Genau dieses Wissen sollte in eine Lifesciences-Strategie einfließen und für eine Ausarbeitung stehen wir als Partner zur Verfügung.