Testen, testen, testen

Patienten wurden in den letzten Wochen rasch „umerzogen“: Arztpraxen sollen nur in Notfällen aufgesucht werden, strenge Hygienevorschriften sind einzuhalten und Rezepte gibt es via e-card direkt in der Apotheke. Viele Veränderungen, die auch außerhalb einer Pandemiezeit das Gesundheitssystem durchaus entlasten könnten und immer wieder diskutiert, aber nie in den Rollout kamen, sind über Nacht von der „Not zur Tugend“ geworden. So sehr Patienten jetzt in die Pflicht genommen werden, für ihre Gesundheit auch ein Stück selbst Verantwortung zu übernehmen, so wichtig ist es, manchen Entwicklungen Einhalt zu gebieten, etwa bei der Interpretation von Testergebnissen.

Infizierte früh isolieren

„Testen, testen, testen“, so lautet das Credo zur Bekämpfung der Pandemie. Denn: Je früher mit SARS-CoV-2-Infizierte erkannt werden, desto erfolgreicher lässt sich intervenieren. Doch Test ist nicht gleich Test: Der Nachweis von COVID-19 kann direkt über einen Virusnachweis – im sogenannten PCR-Test – oder indirekt über Antikörper, die sich im Zuge einer Infektion gebildet haben, erfolgen. Für die Frühdiagnostik einer Infektion ist derzeit der WHO Goldstandard der direkte Erregernachweis mittels qualitätsgesichertem PCR-Verfahren.Im Gegensatz zu PCR-Tests, die virale RNA, und zu Antigen-Tests, die Oberflächenproteine eines Virus nachweisen, werden bei Antikörpertests virusspezifische Antikörper im Serum nachgewiesen. Da Antikörper erst im weiteren Infektionsverlauf gebildet werden, ist mit einem Nachweis von Antikörpern durchschnittlich etwa 12 bis 14 Tage nach einer Infektion zu rechnen. Damit sind diese Tests für die Frühdiagnostik nicht geeignet. Das Vorhandensein von Antikörpern lässt darauf schließen, dass der Organismus bereits mit diesem Virus in Kontakt war. Jedoch kann selbst bei einem positiven Test nicht ausgeschlossen werden, dass es sich um mit anderen Coronaviren kreuzreagierende Antikörper handelt, dass immer noch aktive Viren vorhanden sind oder dass trotzdem kein verlässlicher und anhaltender Schutz gegen eine neuerliche Infektion vorhanden ist. Andererseits kann auch das Fehlen solcher Antikörper unterschiedliche Erklärungen haben, nämlich dass keine Infektion stattgefunden hat, dass es zwar eine Infektion gab, diese jedoch noch nicht lange genug zurückliegt, dass zu wenige und zu wenig spezifische Antikörper für einen positiven Nachweis gebildet wurden oder der Test nicht richtig durchgeführt wurde.

Mediziner immer einbinden

Die Interpretation von Antikörpertests sollte aber jedenfalls einem Mediziner vorbehalten bleiben und nicht etwa von den Patienten selbst vorgenommen werden. COVID-19-Erkrankte weisen unterschiedliche Typen von Antikörpern auf, die in verschiedenen Phasen der Krankheit auftreten. Das Testergebnis, meistens eine Kombination des Nachweises von zwei dieser Antikörper, ist also beispielsweise nicht mit einem Schwangerschaftsergebnis vergleichbar, dessen Ergebnis entweder positiv oder negativ ist. Das Ergebnis eines Antikörpertests muss professionell analysiert werden, um falsch-positive Befunde zu vermeiden, die die Betroffenen und ihr Umfeld in vermeintlicher Sicherheit wiegen. Darüber hinaus muss beachtet werden, dass eine COVID-19-Infektion eine meldepflichtige Erkrankung ist.Die Labordiagnostik spielt eine entscheidende Rolle bei der Bekämpfung der Verbreitung von SARS-CoV-2 in Österreich. Die Zahl der insgesamt hierzulande durchgeführten Testungen liegt nun bereits bei rund 500.000. Dank einer enormen gemeinsamen Kraftanstrengung von Politik, Industrie, Medizin und Forschungseinrichtungen konnten die Testkapazitäten seit dem Ausbruch von SARS-CoV-2 in Österreich deutlich gesteigert werden. „Die vergangenen Wochen haben einmal mehr deutlich gemacht, dass moderne und rasch verfügbare Labordiagnostik ein essenzieller Bestandteil unseres Gesundheitssystems ist, insbesondere bei der Bekämpfung von Pandemien“, betont DI Peter Bottig, Sprecher der Branchengruppe In-vitro Diagnostik der AUSTROMED. „Erstens ist es der Industrie in den vergangenen Wochen und Monaten gelungen, die PCR-Tests, mit denen eine COVID-19-Erkrankung durch direkten Virusnachweis diagnostiziert wird, zu automatisieren und in großer Zahl zur Verfügung zu stellen. Und zweitens konnte die Qualität der Antikörpertests bzw. auch der auf der Antikörperbestimmung basierenden Schnelltests, mit denen die Immunreaktion der Patienten auf eine vergangene Infektion mit SARS-CoV-2 überprüft wird, deutlich gesteigert werden.“

Optimierte Behandlung durch Labordiagnostik

Waren zu Beginn der Krise noch viele Antikörpertests am Markt, deren Ergebnisse teils sehr unzuverlässig waren, werden diese Tests nun zunehmend nach definierten Testprotokollen in enger Zusammenarbeit von Virologen, Labormedizinern und der Industrie evaluiert und empfohlen – vorausgesetzt, dass sie bereits die erforderliche hohe Genauigkeit aufweisen. In der Zukunft sollten sie im Idealfall auch zeigen, ob und wie lange die Person gegen eine neuerliche Infektion mit diesem Virus immun ist. „Aktuell gibt es jedoch noch zu wenige Daten, um darüber eine Aussage treffen zu können“, so Bottig. Insgesamt muss die von der Bundesregierung ausgegebene Devise „testen, testen, testen“ auch weiterhin gelten, denn: „Solange es keine Impfung gegen SARS-CoV-2 gibt, bleibt dies unsere beste Chance, eine zweite Welle von Erkrankungen zu verhindern.“ Auch abseits von SARS-CoV-2 erfordern viele therapeutische Entscheidungen professionelle Labormedizin. Diese umfasst neben dem fundamentalen Beitrag zur Diagnostik auch die Verlaufs- und Therapiekontrolle sowie die Aufbereitung von Daten zur Prognose von Krankheitsentwicklungen. Durch sichere und effiziente Diagnostik werden zu verhältnismäßig geringen Kosten rasche Entscheidungen und gezielte Behandlungen ermöglicht. Das bedeutet für die Patienten einen optimierten Behandlungsverlauf und damit mehr Lebensqualität. Medizinische Leistungserbringer profitieren von einer vertieften Entscheidungsbasis, verbunden mit Einsparungen im Gesundheitswesen. 60 bis 80 Prozent der Therapieentscheidungen und des -erfolges basieren auf einer korrekten hochqualitativen Labordiagnostik, wobei diese im europäischen Schnitt nur 0,8 Prozent der Gesundheitsausgaben verursacht.

 

Stand ● Punkt

Die AUSTROMED hat eine Broschüre aufgelegt, die Patienten über die Bedeutung und die Anwendungsbereiche von Labordiagnostik informiert: So profitieren Sie von Labordiagnostik zum Download verfügbar.

Interview mit: DI Peter Bottig

Sprecher der Branchengruppe In-vitro Diagnostik der AUSTROMED


MP 02|2020

Herausgeber: AUSTROMED, lnteressensvertretung der Medizinprodukte-Unternehmen
Publikationsdatum: 2020-06-30