Wer bremst, verliert!

Der Stellenwert von Innovationen in der Medizin ist extrem hoch. „Ein Gebiet, in dem derzeit sehr viel Neues mit neuem Nutzen entsteht, ist die digitale Medizin. Wir fokussieren uns dabei auf molekulare Strukturen und erfassen den Menschen sozusagen als Datensatz, um individuell auf den Einzelnen zugeschnittene Therapien zu finden. Diese Präzisionsmedizin oder personalisierte Medizin birgt enormes Innovationspotenzial“, erklärt Univ.-Prof. Dr. Markus Müller, Rektor der Medizinischen Universität Wien. Dank dieser medizinischen Neuerungen müssen schwere Erkrankungen wie Krebs, Diabetes oder Rheuma für die betroffenen Patienten längst nicht mehr das Ende bedeuten. Moderne Methoden der Genetik und Molekularbiologie machen es möglich, Krankheiten heute individuell zu diagnostizieren, was eine maßgeschneiderte Vorbeugung und Behandlung möglich macht.
Weit weniger überzeugt vom Nutzen des Neuen ist Müller auf dem Sektor von medizinischen Apps: „Wir haben derzeit rund 50.000 Applikationen am Markt, aber nur zehn oder fünfzehn haben vielleicht einen echten Mehrwehrt und Anwendernutzen. Der Rest ist interessant, aber nicht innovativ im Sinne von nützlich und neu.“

 

Wie innovativ ist Österreich?

Innovation bringt einem Land, einer Volkswirtschaft, dann Vorteile, wenn die lokale Wertschöpfung damit unterstützt wird. „Wir müssen uns die Frage stellen, ob wir als Standort in der Lage sind, Innovation selbst zu kreieren und am Patienten anzuwenden“, sagt Müller und ergänzt mit Beispielen: „Wir haben eine Reihe von onkologischen Studiengruppen, deren Forschungsergebnisse rasch Eingang in internationale Guidelines finden.“ Damit verfügt Österreich über medizinische Forschung, die auf einem international anerkannten Niveau stattfindet und unmittelbaren Nutzen für den Patienten bringt. Auch konkrete Medizinprodukte nennt Müller in der Riege der Top-Innovationen, wie etwa die bionische Hand. „Diese Vorzeigebeispiele braucht Österreich dringend, denn es bringt unserem Standort keinen Vorteil, wenn wir nur Innovationen einkaufen, die in anderen Ländern entstanden sind.“
Die Kritik, dass manche Innovationen nicht schnell genug zum Patienten kommen, sieht Müller differenziert, denn: „Kein Experte kann im Vorfeld beurteilen, ob eine rasche Anwendung am Patienten wirklich Vorteile bringt. Bei jedem Markteintritt neuer Produkte gibt es zuerst einmal Unwägbarkeiten. Die Abschätzung von Wirksamkeit und Sicherheit im breiten Feld ist nicht immer sofort möglich. Produkte profilieren sich erst im Lauf der Zeit und Langzeitwirkungen sind zu einem frühen Zeitpunkt nie abschätzbar. Daher ist es manchmal auch von Vorteil, wenn nicht sofort alle Neuheiten, die vordergründig einen Nutzen belegen, in der Medizin weit ausgerollt werden“, fasst der Mediziner zusammen. Werden Innovationen über einen Lebenszyklus hinweg betrachtet, kann es auch sein, dass sich der innovative Charakter erst später zeigt oder gar ins Gegenteil verkehrt. „Bei Coronarstents hat sich zum Beispiel gezeigt, dass die besonders innovativen Produkte zu einer höheren Thrombosegefahr geführt haben“, weiß Müller.

Der Skepsis begegnen

Nach Ansicht des Experten wird es lokalen Forschern nicht immer leicht gemacht in ­Österreich aktiv zu sein – die Folge: Innovation findet woanders statt, Wertschöpfung wandert ab und der Wirtschafts- und Wissenschaftsstandort verliert an Attraktivität. Damit das nicht passiert, fordert Müller die ­Entscheidungsträger vor allem auf, mutig zu sein und einen gesellschaftlichen Haltungswandel einzuleiten: „In den 70er-Jahren wollte jeder zum Mond fliegen. Die erste Herztransplantation hat einen wahren Boom in Richtung Wissenschaftsgläubigkeit initiiert. Die Ernüchterung und damit der Umschwung hin zu einer massiven Wissenschaftsskepsis folgte rasch. Tierversuche, Genforschung oder Atomversuche wurden pauschal verurteilt, heute erleben wir es mit der Datenforschung kaum anders“, beschreibt Müller. Die Skepsis gegenüber Neuem – und damit auch gegenüber medizinischen Innovationen – ist eine gesellschaftliche Haltung. Evidenz tritt hinter die Emotion. Begegnet wird diesem Trend vonseiten der Wissenschaft meist mit noch mehr rationalen Argumenten. Auf den Inhalt fokussiert werden Daten präsentiert und versucht zu überzeugen. Doch mehr Information bewirkt nicht automatisch auch mehr Vertrauen – „Storytelling“ ist das Gebot der Stunde nicht nur in der Werbung, sondern auch in der Kommunikation von Wissenschaftsthemen. Innovation muss erlebbar werden, durch Geschichten, Schicksale und Menschen, die für diese Neugierde zur „Weltverbesserung“ stehen.

AUSTROMED STANDPUNKT
Dass ein modernes Gesundheitswesen ohne Innovationen nicht mehr reüssieren kann, liegt auf der Hand. Nur an der Kostenschraube zu drehen oder den Unternehmen sowie Gesundheitsdienstleistern noch mehr Regulierungen aufzuerlegen, ist wenig innovativ. Es braucht wohl auch Innovationen in den politischen und wirtschaftlichen Reihen, um für die Medizin­produkte-Industrie wieder positive Impulse erkennen zu lassen.