Evidenzlage zur kardiovaskulären Protektion durch Training und Bewegung

Es wird generell nicht bestritten, dass Bewegung und Training und damit am Ende das Ausmaß an körperlicher Leistungsfähigkeit zentrale Faktoren für Gesundheit und Lebenserwartung darstellen, die weit über die Prävention und Therapie von Stoffwechselkrankheiten hinausgehen und in Wahrheit alle Bereiche eines modernen „bio-psycho-sozialen Gesundheitsmodells“ berühren.
Ebenso wenig ist allerdings zu bestreiten, dass die Klasse-I-Evidenz (Metaanalysen von RCT oder RCT) dazu eine Evidenz ist, die sich auf so genannte Surrogatendpunkte bezieht. Endpunkte also, die in einem plausiblen pathophysiologisch fundiertem Zusammenhang zu den so genannten harten Endpunkten stehen. Im Hinblick auf akute Koronarsyndrome und kardiovaskulären Tod existiert über weite Strecken „nur“ Evidenz der Klasse III (Beobachtungsstudien). Das ist allerdings dadurch erklärbar, dass es sehr schwierig ist, den Lebensstil in Studien zu randomisieren bzw. eine Lebensstilveränderung dauerhaft, kontrolliert aufrechtzuerhalten, wenn das nicht der direkten Intention des Betroffenen entspricht.
Im Folgenden sollen die Effekte von Training und Bewegung auf kardiovaskuläre Risikofaktoren wie auch Endpunkte – ­unabhängig von zugrunde liegenden Stoffwechseldiagnosen – dargestellt werden.

Bewegung (physical activity)

Das Ausmaß an Bewegung bestimmt letztendlich – auf Basis des genetischen Hintergrundes – die kardiorespiratorische Fitness. Höhere Bewegungsaktivität ist mit einem geringeren Risiko für kardiovaskuläre Ereignisse und kardiovaskulären Tod assoziiert (Evidenzklasse III). Dies gilt auch, wenn nur die berufsbedingte Aktivität beurteilt wird und Training damit keine Rolle spielen kann. Hier muss allerdings festgehalten werden, dass viele dieser Studien durchgeführt wurden, bevor sich unsere Gesellschaft von einer Produktions- zu einer Dienstleistungsgesellschaft gewandelt hat. Heute gibt es in Industrieländern nur noch wenige Berufe, die mit einer höheren körperlichen Aktivität einhergehen. Bewegungsaktivität in der Freizeit ist meist Sport – oft jedoch kein echtes Training. Diese Betätigung soll oft auch einen Ersatz für „Bewegungslosigkeit“ im Berufsleben darstellen. Eine rezente Metaanalyse dazu zeigt jedoch, dass sitzende Tätigkeit im Alltag durch Freizeitbewegung nicht völlig ausgeglichen werden kann (Biswas et al., Ann Int Med 2015).

 

 

Training

Aerobes kardiovaskuläres Ausdauertraining ist mit einem geringeren Risiko für kardiovaskuläre Ereignisse und kardiovaskulären Tod assoziiert (Evidenzklasse III). Eine Reihe von Interventionsstudien (Tab.) zeigt plausible Effekte des Trainings auf eine Reihe von kardiovaskulären Surrogatendpunkten (Risikofaktoren und Risikomarker).

 

 

Kardiorespiratorische Fitness

Die kardiorespiratorische Fitness, quantifiziert als maximale Sauerstoffaufnahme (VO2max) kann als die gemeinsame Endstrecke von Bewegung und Training gesehen werden. Epidemiologische Studien legen nahe, dass 30–50 % der individuellen VO2max genetisch determiniert sind. Zusätzlich unterliegt auch das Ausmaß der Verbesserung der VO2max durch Training einer genetischen Kontrolle. Auf Basis spezieller genetischer Polymorphismen zeigen ca. 6 % der untersuchten Personen eine stark unterdurchschnittliche Response auf kontrolliertes Training, und rund 50 % der erzielbaren Veränderung sind genetisch fixiert. Epidemiologische Studien zeigen einerseits einen kontinuierlichen Zusammenhang zwischen der VO2max (je höher) und dem kardiovaskulärem Risiko (desto niedriger, Evidenzklasse III). Ebenso zeigen Studien, dass bei Menschen, die auf freiwilliger Basis ihre kardiorespiratorische Fitness verbessern, das kardiovaskuläre Risiko um ca. 50 % reduziert wird (Evidenzklasse III). Vergleichende Studien legen nahe, dass die kardiorespiratorische Fitness ein robusterer Risikoprädiktor ist als die Quantifizierung der Bewegung. Dies kann aber sicherlich daran liegen, dass Letztere meist per Fragebogen erhoben wird, wohingegen Erstere einen tatsächlichen Messwert darstellt.

 

 

Welches Ausmaß an Bewegung bzw. Training ist notwendig?

Wie bei jedem Therapeutikum bedingt die Dosis im Rahmen einer Dosis-Wirkung-Beziehung den Effekt. Allerdings zeigen die vorhandenen Studiendaten ganz eindeutig, dass der größte Benefit hinsichtlich kardiovaskulärer Prävention erzielt werden kann, wenn „unbewegte“ bzw. völlig untrainierte Menschen beginnen, aktiv zu werden. Weitere Steigerungen bringen – wenn überhaupt – nur noch eine gering bessere präventive Wirkung. Die Abbildung zeigt eine Zusammenfassung der Daten für Ausdauerlaufen.

 

 

Gibt es ein Alterslimit für Änderungen der Bewegungsintensität?

Ein häufig in die Diskussion gebrachtes Argument ist, dass eine Änderung des Bewegungsmusters für ältere Menschen, die möglicherweise ihr Leben lang „unbewegt“ waren, nicht mehr in einem gesundheitlichen Benefit resultiert. Eine schwedische Studie, die zu Studienbeginn 50-jährige Männer über 35 Jahre beobachtet hat, konnte zeigen, dass eine Steigerung der körperlichen Aktivität in der Freizeit während des Follow-up nach einer Latenz von 5 Jahren das kardiovaskuläre Risiko im Vergleich zu den immer sportlichen Teilnehmern normalisierte (Byberg et al., BMJ 2009). Aus solchen Daten darf geschlossen werden, dass es eigentlich niemals zu spät ist, das Bewegungsmuster zu verändern, solange präventive Überlegungen in der Therapie noch eine Rolle spielen.

AutorIn: Univ.-Prof. Dr. Thomas C. Wascher

Fachbereich Diabetes, 1. Med. Abteilung, Hanusch-Krankenhaus, Wien

Foto: Wilke Fotostudio


DF 04|2015

Herausgeber: Österreichische Diabetes Gesellschaft, Univ.-Prof. Dr. Guntram Schernthaner
Publikationsdatum: 2015-09-09