Bedeuten höhere Gesundheitsausgaben auch mehr Gesundheit?

Die laufenden Gesundheitsausgaben beliefen sich für Österreich für das Jahr 2017 auf 38,107 Mrd. Euro (entspricht 10,3 % des BIP) (Tab. 1), wobei die Statistik zeigt, dass sich die Ausgaben seit dem Jahr 2000 fast verdoppelt haben; der Anteil am BIP ist allerdings nur um etwa einen Prozentpunkt gestiegen. Die Gesundheitsausgaben pro Kopf betrugen im Jahr 2015 durchschnittlich 3.800 Euro. Damit liegen sie mehr als 1.000 Euro über dem EU-Durchschnitt (Tab. 2), womit Österreich das sechstteuerste Gesundheitssystem in der EU hat.

 

 

Healthy Life Years als Leistungsindikator

Zur Beurteilung der Leistungsfähigkeit des Gesundheitssystems eines Landes wird als demografische Größe häufig die Lebenserwartung verwendet. Entsprechend den Zahlen aus dem Jahr 2016 lag die Gesamt-Lebenserwartung in Österreich bei 81,8 Lebensjahren und somit geringfügig über dem EU-Durchschnitt. Wie in anderen EU-Ländern auch besteht in Österreich ein deutlicher Unterschied in der Lebenserwartung zwischen Frauen und Männern (Tab. 3), wobei sich dieser Unterschied seit dem Jahr 2000 um ein Jahr verringert hat. Zwar ist die Gesamt-Lebenserwartung in den letzten Jahren und Jahrzehnten kontinuierlich angestiegen, die entscheidende Frage ist allerdings, ob die zusätzlichen Lebensjahre, die wir durch die gesteigerte Lebenserwartung gewonnen haben, in guter Gesundheit gelebt werden.

 

 

Um diese Frage zu beantworten, wurde der Indikator Healthy Life Years (HLY), also Lebensjahre in Gesundheit, entwickelt; er ist die wichtigste Messgröße für die relative Gesundheit von Bevölkerungsgruppen. Dieser Indikator liegt sowohl für österreichische Frauen als auch für Männer mit nur etwa 57 Jahren in guter Gesundheit, bezogen auf die Gesamt-Lebenserwartung deutlich unter dem EU-Durchschnitt (Tab. 3). Etwas besser sind die Zahlen für eine gesunde Lebenserwartung nach Erreichen des 65. Lebensjahres; demnach können österreichische Frauen und Männer ab diesem Alter noch erwarten, 41 % bzw. 49 % ihrer verbleibenden Lebensjahre ohne (selbst eingeschätzte) körperliche Einschränkungen zu verbringen (Tab. 4). Eines der Hauptziele der österreichischen Gesundheitspolitik muss es demnach sein, einen Zuwachs an gesunden Lebensjahren zu erzielen.

 

 

Große regionale Unterschiede

Tatsache ist, dass es auch in Bezug auf Gesamt-Lebenserwartung bzw. Lebensjahre in Gesundheit innerhalb unseres Landes selbst recht spannende Unterschiede gibt, wie eine Erhebung der Leistungskraft regionaler Gesundheitssystem in Österreich zeigt (Tab. 5). So unterscheidet sich der Gesundheitszustand der österreichischen Bevölkerung bundesweit erheblich, was sich unter anderem in den Headline-Indikatoren Lebenserwartung und Gesundheit widerspiegelt; es ist von einem deutlichen West-Ost-Gefälle auszugehen.

 

 

Die zu erwartenden Lebensjahre in (sehr) guter Gesundheit liegen im Westen Österreichs (Vorarlberg, Tirol und Salzburg) um das 70. Lebensjahr, im Osten (Wien und Burgenland) unter 65 Lebensjahren, wobei die regionalen Ergebnisse einerseits eindrucksvoll mit gesundheitsbeeinflussendem Verhalten und andererseits vor allem auch mit sozioökonomischen Umständen korrelieren. Während in Gesamtösterreich 80 % der Bevölkerung im höchsten Einkommensquintil ihren Gesundheitszustand als gut einschätzen, sind es bei der ärmsten Bevölkerungsschicht nur 60 %.

Sehr geehrte Frau Kollegin, sehr geehrter Herr Kollege,

zusammenfassend kann festgestellt werden, dass die Österreicherinnen und Österreicher im Vergleich zu anderen EU-Einwohnern zwar länger leben, aber weniger dieser zusätzlichen Jahre in guter Gesundheit verbringen, wobei vor allem verhaltensbedingte und sozioökonomische Risikofaktoren ernste Problem für die Gesundheit darstellen. Eine von der Statistik Austria durchgeführte Sonderauswertung der 2017 veröffentlichten EU-Sozialstudie (EU-SILC, European Community Statistics on Income and Living Conditions) zeigt, dass dauerhaft arme Menschen 10 Jahre früher sterben als der Rest der Bevölkerung. Zweifellos könnte also die Gesundheit der österreichischen Bevölkerung besser und die Lebenserwartung in guter Gesundheit höher sein, wenn größeres Augenmerk auf die öffentliche Gesundheit und in diesem Kontext insbesondere auf Vorsorge gelegt würde – vor allem auch bei den sozial benachteiligten Gruppen. Dies würde nicht nur dazu führen, dass sich die Lage des Einzelnen verbessert, sondern hätte auch einen positiven Einfluss auf die Gesundheitsausgaben. In Österreich werden jährlich insgesamt weniger als 2 % der laufenden Gesundheitsausgaben für Prävention ausgegeben, tatsächlich recht kurzsichtig: Schon Benjamin Franklin (1706–1790) hat festgestellt: „An ounce in prevention is worth a pound of cure.“ Oder, wie eine rezent erschiene Arbeit im „Journal of Epidemiology and Community Health“ zeigt: „Every £1 spent on public health in UK saves average of £14.“

1 Masters R. et al., J Epidemiol Community Health 2017; 71: 827–834. doi:10.1136/jech-2016-208141
AutorIn: em. o. Univ.-Prof. Dr. Sepp Leodolter

Universitätsklinik für Frauenheilkunde, Medizinische Universität Wien


GA 01|2019

Herausgeber: em. o. Univ.-Prof. Dr. Sepp Leodolter, Universitätsklinik für Frauenheilkunde, Wien
Publikationsdatum: 2019-02-21