Prophylaktische (opportunistische, ­risikoreduzierende) Salpingektomie zur Ovarialkarzinom-Prävention

Hintergrund: Das Ovarialkarzinom ist die fünfthäufigste Krebstodesursache bei Frauen in Österreich und das Genitalkarzinom der Frau mit der höchsten Mortalität. In Österreich erkranken laut Statistik Austria jedes Jahr ca. 700 Frauen und versterben ca. 500 Frauen an einem Ovarialkarzinom. Es gibt für das Ovarialkarzinom keine zuverlässige Früherkennung. Auch die Ende 2015 veröffentlichten Ergebnisse des United Kingdom Collaborative Trial of Ovarian Cancer Screening (UKCTOCS) zeigten bei 202.638 randomisierten Frauen nach 6 Jahren (noch) keine Reduktion der Sterblichkeit an Ovarialkarzinom. Ein Teil des Problems der Früherkennung war, dass für das Ovarialkarzinom keine klare Vorläuferläsion, analog z. B. zur CIN/HSIL für das Zervixkarzinom, bekannt war.

Neue Hypothese zu Tubenfimbrien als Entstehungsort: 2001 beschrieben niederländische Pathologien überraschende „dysplastische Veränderungen“ in den Tuben von 6 Patientinnen, die wegen hohem familiärem Risiko einer prophylaktischen Adnexektomie unterzogen worden waren. Dieser Anstoß hat in weiterer Folge zu einem Paradigmenwechsel in unserem Verständnis über die Entstehung der Ovarialkarzinome geführt. Wir gehen heute davon aus, dass niedrig differenzierte („high grade“, Typ II) seröse Karzinome der Ovarien, der Tuben und des Peritoneums sich aus einer gemeinsamen Vorläuferläsion, dem sog. serösen intraepithelialen Karzinom (Serous Tubal Intraepithelial Carcinoma – STIC) im Bereich der Fimbrien der Tuben entwickeln. Abgeschilferte Tumorzellen können sich im Ovar bzw. Peritoneum implantieren und dort zu der typischen Karzinose führen. Bei bis zu 60 % aller „high grade“ serösen Ovarialkarzinome lassen sich invasive Läsionen im Bereich der Fimbrien nachweisen.

Risikoreduktion durch Salpingektomie als Proof of Principle: Zahlreiche wissenschaftliche und epidemiologische Arbeiten der letzten 10 Jahre unterstützen dieses Konzept. Zuletzt haben Falconer et al. (JNCI 2015) bei knapp 6 Millionen Frauen in Schweden gefunden, dass Frauen nach beidseitiger Salpingektomie eine Risikoreduktion von > 50 % haben, an einem Ovarialkarzinom zu erkranken.

Stellungnahmen von Fachgesellschaften: Diese Datenlage hat die Österreichische Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (OEGGG) und die Österreichische Gesellschaft für Pathologie (ÖGP) im Oktober 2015 zu einer gemeinsamen Stellungnahme veranlasst (www.oeggg.at). Die Gesellschaften empfehlen, entsprechenden Frauen mit abgeschlossener Familienplanung vor einer entsprechenden gynäkologischen Operation, einem Kaiserschnitt oder einer Tubensterilisation die Möglichkeit der prophylaktischen Salpingektomie anzubieten.
Diese Empfehlung gilt für Frauen ohne familiäres Risiko für Ovarialkarzinom bzw. ohne BRCA-1/2-Mutation. Die Empfehlung steht im Einklang mit Stellungnahmen anderer Fachgesellschaften (American College of Obstetricians and Gynecologists, Royal Australian and New Zealand College of Obstetricians and Gynaecologists, Royal College of Obstetricians and Gynaecologists , Society of Gynecologic Oncology).

AUSBLICK: Eine Umfrage Ende 2014 an öffentlichen gynäkologisch-geburtshilflichen Abteilungen in Österreich hat gezeigt, dass die Mehrzahl der Abteilungen solche prophylaktischen Salpingektomien bereits anbieten. Es ist zu hoffen, dass prophylaktische Salpingektomien langfristig zu einer Reduktion der Inzidenz und der Mortalität des Ovarialkarzinoms beitragen können.