Editorial 1/21

Liebe Leserinnen, liebe Leser!

Ich begrüße Sie herzlich zur neuesten Ausgabe von neurologisch! Die Redaktionsleitung, der wissenschaftliche Beirat und das Team des MedMedia Verlags haben wieder sehenswerte Arbeit geleistet, um Ihnen eine interessante Ausgabe mit vielen aktuellen Informationen und Themen zu präsentieren – an dieser Stelle einmal vielen Dank an alle Beteiligten!

Der Schwerpunkt der vorliegenden Ausgabe beschäftigt sich mit dem Thema „Neuromyelitis-optica-Spektrum-Erkrankungen und MOG-Antikörper-assoziierte Erkrankungen“. Die beiden Editoren, Univ.-Prof. Dr. Christian Enzinger und Priv.-Doz. Dr. Thomas Seifert-Held, haben in sehr dankenswerter Weise ausgezeichnete Beiträge namhafter Expert*innen zusammengestellt. All diese Autor*innen haben über die letzten zwei Jahrzehnte mit ihren wissenschaftlichen Beiträgen substanziell zum Verständnis dieser antikörpervermittelten Erkrankungen des zentralen Nervensystems beigetragen, vor allem aber zu der wichtigen Erkenntnis, dass Neuromyelitis-optica-Spektrum-Erkrankungen und MOG-assoziierte Autoimmunerkrankungen eigene Krankheitsentitäten darstellen, die von anderen entzündlich-demyelinisierenden Erkrankungen des zentralen Nervensystems, insbesondere Multiple Sklerose, pathogenetisch, klinisch und therapeutisch abzugrenzen sind.

Den Anfang des Themenschwerpunkts macht die Vorstellung einer Publikation zur Geschichte der Neuromyelitis optica von Dr. Sven Jarius und Dr. Brigitte Wildemann, Medizinischen Universität Heidelberg. Univ.-Prof. Dr. Christian Enzinger stellt dann in bewährt präziser Art die diagnostischen Kriterien vor und beschreibt vor allem auch die Charakteristika der hierbei relevanten MR-Bildgebung. Weil bei diesen beiden Erkrankungsgruppen sehr häufig eine Optikusneuritis auftritt, ist der Beitrag von Univ.-Prof. Dr. Paul Friedemann, Charité Berlin, zur Differenzialdiagnose der Optikusneuritis von großer klinischer Bedeutung. Wiewohl durch Beschreibungen durch Eugène Devic die Neuromyelitis optica seit über 100 Jahren bekannt war, so war es der Detektion der pathogenetisch und diagnostisch relevanten Antikörper gegen Aquaporin-4 vorbehalten, dieses neue Krankheitsspektrum zu definieren. Univ.-Prof. Dr. Markus Reindl, der mit seinem Team und seinen internationalen Kooperationen maßgeblich an den Entwicklungen zu den Antikörper-Assays beteiligt war, fasst den Wissensstand und die diagnostische Relevanz zu Aquaporin-4- und MOG-Antikörpern zusammen. Univ.-Prof. Priv.-Doz. Dr. Romana Höftberger, die mit Univ.-Prof. Dr. Reindl eine seit Jahren äußerst erfolgreiche wissenschaftliche Zusammenarbeit etabliert hat, hat ihrerseits erheblich zum neuropathologischen Verständnis klinischer Phänotypen aus diesen beiden Krankheitsspektren beigetragen. Gemeinsam mit Mag. Dr. Christian Lechner setzt sie sich in ihrem Beitrag mit MOG-Antikörper-assoziierten Erkrankungen auseinander und zeigt im Speziellen, warum diese in Abgrenzung zu den Neuromyelitis-optica-Spektrum-Erkrankungen eine eigene Krankheitsentität sind. Die hier besprochenen Antikörper sind nicht nur für Pathogenese und Diagnostik der gegenständlichen Erkrankungsgruppen zentral bedeutsam, sondern auch für die therapeutischen Konsequenzen und Optionen, sodass in weiterer Folge die spezifischen Therapieprinzipien zusammengefasst und diskutiert werden. Priv.-Doz. Dr. Thomas Seifert-Held beschreibt detailliert die bei antikörpermediierten Erkrankungen naheliegenden B-Zell-depletierenden Therapien. Eine weitere therapeutische Möglichkeit wird durch Dr. Helmut Rauschka hervorgehoben, nämlich die Inhibition bestimmter Faktoren des Komplementsystems. Nachdem in der B-Zell/Antikörper-vermittelten immunpathogenetischen Kaskade nicht nur das Komplementsystem aktiviert wird, sondern auch andere immunologisch relevante Moleküle eine zentrale Rolle spielen, beschäftigt sich Priv.-Doz. Dr. Harald Hegen abschließend mit den therapeutischen Möglichkeiten der Interleukin-6-Hemmung.

In der Rubrik „Gesellschaftsnachrichten“ berichtet Univ.-Prof. Dr. Wolfgang Grisold von einer wichtigen Initiative der World Federation of Neurology, der „Brain Health Initiative“. Der Begriff „Brain Health“ erscheint intuitiv selbsterklärend, aber bei genauerer Betrachtung eröffnet sich da einiger Interpretationsspielraum. Ungeachtet dessen wird sich die ÖGN natürlich an dieser Kampagne tatkräftig beteiligen, zumal diese sich auch sehr gut in die zuletzt vorgestellte ÖGN-Strategie zur Steigerung der öffentlichen „Awareness“ zur Neurologie einfügt.

Aktuelle und praxisrelevante Informationen bieten die interessanten Beiträge aus den einzelnen Arbeitsgruppen zu speziellen neurologischen Erkrankungen – das Potpourri reicht unter anderem von integrativer Schlaganfallversorgung in Österreich über neue Therapieansätze bei amyotropher Lateralsklerose, Empfehlungen zur SARS-CoV-2-Impfung bei Multipler Sklerose, den Bericht zu den Kongress-Highlights in der Neuroonkologie, Kopfschmerzen in der Schwangerschaft, Rehabilitation fokaler Dystonien bis zu funktionellen neurologischen Symptomen. Die Autor*innen haben wieder sehr lesenswerte Artikel für Sie verfasst. Sie können Neuigkeiten zu den von Ihnen favorisierten Themenbereichen erfahren – oder Sie lesen einfach alle …

Abschließend möchte ich Sie noch speziell auf die nahende Jahrestagung der ÖGN hinweisen und Sie herzlich einladen, sich aktiv durch Ihre Teilnahme und Ihre Diskussion an der virtuellen Jahrestagung aus Tulln am 9. und 10. April 2021 zu beteiligen. Es ist mir und, ich denke, uns allen leidig klar, dass eine virtuelle Jahrestagung keinen so liebgewonnenen und mittlerweile wieder sehr ersehnten persönlichen Kongress ersetzen kann. Aber schon die letztjährige sehr erfolgreiche Jahrestagung in Salzburg hat sehr eindrücklich bewiesen, dass aus einer Not auch eine exquisite Tugend gemacht werden kann. Das Team der niederösterreichischen Kongressorganisator*innen rund um Prim. Univ.-Prof. Dr. Walter Struhal und Prim. Univ.-Prof. Dr. Stefan Oberndorfer haben keine Anstrengungen und Mühen gescheut, ein attraktives wissenschaftliches Programm zusammenzustellen und die Qualität der technischen Voraussetzungen für eine virtuelle Jahrestagung nicht nur sicherzustellen, sondern hierzu auch noch neue Maßstäbe zu setzen. Im Namen der Kongressorganisator*innen und des ÖGN-Vorstands wird es mir eine Freude sein, Sie am 9. und 10. 4. 2021 bei der virtuellen Jahrestagung aus Tulln begrüßen zu dürfen!

Herzliche Grüße

Ihr

AutorIn: Univ.-Prof. Dr. Thomas Berger, MSc

Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Neurologie (ÖGN)


neuro 01|2021

Herausgeber: Österreichische Gesellschaft für Neurologie, Univ.-Prof. Dr. Thomas Berger, MSc, Präsident der ÖGN
Publikationsdatum: 2021-03-26