FOPI-Grünbuch: „COVID-19 and beyond“

Für das Grünbuch des Forums der forschenden pharmazeutischen Industrie in Österreich (FOPI) wurden zwischen Anfang Juli und Ende September 36 Gespräche mit Vertretern verschiedener Bereiche (Ärzte- und Apothekerschaft, Krankenkassen, Patientenanwaltschaft, Selbsthilfegruppen, Politik, Medien etc.) geführt. So unterschiedlich manche Positionen der Gesprächspartner waren – aufs Wesentliche heruntergebrochen, lassen sich dennoch einige zentrale Überlegungen ableiten.
Am 13.11.2020 präsentierten die FOPI-Präsidiumsmitglieder Mag. Ingo Raimon, Tuba Albayrak, MBA, und Mag. Thomas Haslinger im Rahmen eines Online-Events die Conclusio des Grünbuchs.

 

 

15 wesentliche Erkenntnisse

 

  1. Die COVID-19-Krise hat viele seit Langem bestehende Stärken und Schwächen des heimischen Gesundheitswesens sichtbar gemacht. Unbestritten und zentral für alle Verbesserungen: Das Gesundheitswesen ist eine Kernaufgabe des Staates und Versorgungssicherheit muss oberstes Gebot sein.
  2. Ebenso außer Zweifel steht die Bedeutung der medizinischen Forschung – für die Gesundheit der Menschen und den Medizinstandort Österreich. Ein wirksames Investment in Forschung stärkt die Medizin in Österreich und letztlich die Gesundheitsversorgung der Österreicherinnen und Österreicher.
  3. Die Krise hat Kommunikationsschwächen offenbart. Alle Beteiligten im Gesundheitssystem sind verpflichtet, die medizinische Wissenschaft der breiten Öffentlichkeit verständlich näherzubringen. Diese Gelegenheit darf von keinem Partner im Gesundheitswesen dazu verwendet werden, ausschließlich die eigenen Interessen voranzutreiben. Kommunikation muss ehrlich und transparent gestaltet werden.
  4. Nur ein Schulterschluss aller europäischen Länder kann uns bei dieser Krise und ähnlichen Herausforderungen weiterbringen. Österreich muss seine Stärken nutzen und gleichzeitig Synergien mit einem starken gemeinsamen Europa aufbauen.
  5. Die Gespräche für das Grünbuch haben gezeigt, dass es ein klares Bekenntnis aller Stakeholder zur Zusammenarbeit gibt. Die verschiedenen Gruppen sollten daher dauerhaft in Gremien verankert werden, die für Pandemien und ähnliche Krisen zur Verfügung stehen.
  6. Sowohl Apotheker, niedergelassene Ärzte und Pflegepersonal als auch Patientenorganisationen und die Pharmaindustrie wollen an der in der Krise geborenen Gesprächskultur festhalten. Strukturierte Plattformen können Experten involvieren, Szenarien planen, Reformschritte mitgestalten und Know-how bündeln. Diese Zusammenarbeit aller Stakeholder im Sinne eines „An-einem-Strang-Ziehens“ muss dauerhaft implementiert werden.
  7. Die in der Krise entstandenen Netzwerke haben sich bewährt. Die Zuständigkeiten gehören dennoch besser geklärt. Derzeit sind die Kompetenzen dezentral auf Bundes- und Landesebene verteilt, was zu Sackgassen und Verantwortungslücken führt. Sinnvoll wäre
    – jedenfalls in Ausnahmesituationen wie einer Pandemie – eine Institution, bei der die Fäden zusammenlaufen und der die Steuerung im Gesundheitswesen obliegt. Es braucht schlagkräftige, einfach zu steuernde Strukturen, die von Weitblick und Expertentum getragen sind.
  8. Für die Bewältigung der aktuellen Krise, aber auch für alle künftigen Krisen ist eine bessere Vorbereitung zentral. Das Zauberwort für die Zukunft heißt Antizipation. Prophylaktisches Krisenmanagement muss auf allen Ebenen des Gesundheitswesens verankert und laufend am Leben gehalten werden – beginnend mit der Antizipation potenzieller Krisen über die Entwicklung möglicher Szenarien bis hin zu konkreter Krisenprophylaxe wie Bevorratung von Arzneien und Ausrüstung.
  9. Die Krise als „unfreiwilliger Modellversuch“ hatte auch positive Effekte: So brachten die über Nacht eingeführten e-Health-Instrumente spürbare Erleichterungen für Patienten, Ärzte und das Gesundheitssystem. Die nachhaltige Implementierung der e-Health-Innovationen ist ein Gebot der Stunde und muss im Interesse von Patienten und System kompromisslos vorangetrieben werden.
  10. Dazu wie auch für die krisenunabhängige Weiterentwicklung des Gesundheitssystems sind wissenschaftliche Analysen unverzichtbar. Die im System vorhandenen Daten müssen strukturiert erhoben und – mit aller gebotenen Sorgfalt – genutzt werden. Die Krise lehrt uns, den noch brachliegenden Datenschatz zu nutzen und Versorgungsforschung voranzutreiben.
  11. Eine schmerzhafte Lehre erteilte die COVID-19-Krise Österreich im Zusammenhang mit der laufenden Versorgung von Menschen mit anderen und vor allem chronischen Erkrankungen. Hier kam es zu Kollateralschäden, die nicht mehr passieren dürfen. Es braucht daher Resilienzpläne für die Regelversorgung, um künftig Kollateralschäden zu vermeiden.
  12.  Die Intensivierung der klinischen Forschung darf nicht nur im engeren Sinn verstanden werden. Es müssen auch im weiteren Sinn die Rahmenbedingungen für klinische Studien verbessert werden. Dazu gehören rasche Verfahren, international adäquate Preisniveaus, Vorhersehbarkeit und Rechtssicherheit sowie die Zusammenarbeit aller Player des Gesundheitswesens auf Augenhöhe. Es gilt die Reputation des Marktes gezielt zu verbessern, wenn langfristig die klinische Forschung erhalten bleiben soll.
  13. Die Rückholung der Arzneimittelproduktion nach Europa oder sogar Österreich wird von vielen gefordert – ebenso wie die Stärkung des Produktions- und Forschungsstandortes. Dafür will man industriepolitische Incentives auf den Weg bringen, um so die Abhängigkeit vom Ausland zu verringern. Dabei ist die Abhängigkeit von asiatischen Lieferanten keineswegs so groß, wie viele glauben. Die Absicherung der Arzneimittelproduktion in Europa ist jedenfalls ein sinnvolles Anliegen, muss aber im Zusammenhang mit dem Wert und dem Preis von Medikamenten diskutiert werden.
  14. Nicht zu vernachlässigen ist der Aspekt der Bildung: Es fehlt in der Bevölkerung an fundamentalem Wissen über gesundheitliche Zusammenhänge. Daraus entstehen Ängste und irrationale Verhaltensweisen. Aus diesem Grund ist eine viel weiter reichende Information und Aufklärung zum Thema „Gesundheit“ rasch und gezielt umzusetzen – quer durch alle Gesellschaftsschichten und möglichst in allen Bildungsbereichen. Denn Wissen hilft, Verunsicherung zu bekämpfen und Akzeptanz für Maßnahmen zu erreichen. Die Gesundheitsbildung muss nachhaltig und über alle möglichen Schulungswege erfolgen.
  15. Die Finanzierung des Gesundheitssystems ist mehr denn je ein Thema. Es müssen Überlegungen wie die Finanzierung aus einer Hand diskutiert werden, und auch die Finanzsituation der Sozialversicherung muss mit einem Blick über die unmittelbare Krise hinaus angegangen werden. Dem vorangestellt ist ein gesellschaftlicher Diskurs über die Ziele unseres Gesundheitssystems zu führen. Die Finanzierung des Gesundheitssystems muss auf Basis von Fakten und nach definierten Zielen transparent diskutiert werden.

 

Mehr Infos
Das Grünbuch steht unter www.fopi.at/news/#grünbuch als Download zur
Verfügung. Gedruckte Exemplare können per E-Mail  angefordert werden.
Redaktion: Mag. Nicole Gerfertz-Schiefer

PA 04|2020

Herausgeber: Dr. Wolfgang Tüchler
Publikationsdatum: 2020-12-16