Österreichs Life-Sciences-Sektor erlebt derzeit eine Phase intensiver regionaler Aktivität. Wien, Salzburg, Tirol, die Steiermark und andere investieren in Infrastruktur, Netzwerke und Finanzierungsinstrumente, um Forschung, Unternehmensgründungen sowie internationale Sichtbarkeit zu stärken. Die Bundesländer verfolgen dabei jedoch unterschiedliche Strategien – während sie ihre Standorte regional weiterentwickeln, bleibt eine zentrale nationale Gesamtstrategie aus, die nicht nur Ansiedlung und Wachstum, sondern vor allem die konsequente Markteinführung von Produkten in Österreich und damit eine Stärkung am Heimmarkt in den Fokus rückt.
Gerade diese Lücke wird zunehmend zum strategischen Thema für die Branche: Österreich verfügt über ein starkes Forschungs- und Innovationssystem, aber der Übergang von der Entwicklung zur breiten Anwendung und Marktdurchdringung bleibt fragmentiert. Zumindest Wien geht hier erste Schritte voraus. Im Digital-Health-Bereich befinden sich die Erstattungsprozesse erst im Aufbau, sagt Philipp Hainzl. Er leitet seit September 2020 die Wiener Life-Sciences-Plattform LISAvienna. Zudem ist er für die Start-up-Labs der Wirtschaftsagentur Wien am Vienna BioCenter verantwortlich. „Bei anderen Produktgruppen dient unser Land als attraktiver Testmarkt für den deutschsprachigen Raum. Wien punktet zudem mit herausragenden Forschungseinrichtungen, auch in der klinischen Forschung. Die Zusammenarbeit mit diesen spielt eine wesentliche Rolle bei der Vorbereitung des Markteintritts von Arzneimitteln, Medizinprodukten und In-vitro-Diagnostika“, so Hainzl. Er freue sich besonders, dass heuer das Center for Translational Medicine an der Medizinischen Universität Wien und damit ein neues Phase-I/II-Zentrum eröffnet wird, „um das uns ganz Europa beneidet“. Dieser Entwicklungsschritt werde in der Zukunft spannende neue Dynamiken mit sich bringen, ist Hainzl überzeugt.
Wien setzt auf ein breites Maßnahmenpaket aus Standortentwicklung, Finanzierung und internationaler Positionierung. Mit dem geplanten Life Sciences Center in Neu Marx entsteht bis 2029 ein rund 14.000 m2 großer Standortschwerpunkt mit Fokus auf künstliche Intelligenz in der Biomedizin und Biotechnologie. Rund 170 Mio. Euro werden dafür investiert. Mit „Aithyra“, einem Forschungsinstitut der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, das von der Boehringer Ingelheim Stiftung gefördert wird, ist bereits ein erster Großnutzer fixiert.
Parallel stärkt Wien die Unternehmensfinanzierung mit dem neuen Instrument „Wiener Wachstum“, das man gemeinsam mit Raiffeisen aufbaut. Es soll wachstumsorientierten KMUs zwischen 100.000 und 500.000 Euro Eigenkapital zur Verfügung stellen – insbesondere in den Zukunftsbranchen Gesundheitswirtschaft und Digitalwirtschaft. Ziel ist es, Wachstumsphasen zwischen Gründung und Skalierung besser abzusichern, in denen klassische Finanzierungen oft schwer zugänglich sind. „Wien zählt zu den attraktivsten Life-Sciences-Standorten Europas – nicht zuletzt dank der dynamisch wachsenden Niederlassungen internationaler Pharmaunternehmen wie Boehringer Ingelheim, Takeda und Octapharma“, berichtet Hainzl. Rund 650 Unternehmen sind in Wien im Life-Sciences-Bereich tätig, beschäftigen über 33.600 Menschen und erwirtschaften etwa 22,7 Mrd. Euro Umsatz jährlich – mehr als die Hälfte der gesamten Branche in Österreich. Produziert wird dabei aber überwiegend für den globalen Markt.
Neben Wien setzen auch andere Bundesländer stark auf strukturelle Clusterbildung. Salzburg hat mit der Gründung eines Life Sciences Centers die Zusammenarbeit zwischen Universität Salzburg und Paracelsus Medizinischer Privatuniversität institutionell gebündelt. Schwerpunkte liegen auf Krebsforschung, Neurowissenschaften und regenerativer Medizin. Bund und Land stellen dafür 15 Mio. Euro für die ersten drei Jahre bereit. Ziel ist es, Forschung schneller in Anwendung zu überführen und damit auch wirtschaftliche Effekte zu erzielen. Bereits heute erwirtschaften Life-Sciences-Unternehmen in Salzburg rund 1 Mrd. Euro Umsatz jährlich.
In Tirol wurde mit dem „Health Hub Tirol“ ein physischer Infrastrukturstandort geschaffen, der Labor- und Büroflächen für Unternehmen bietet. Rund 10 Mio. Euro wurden investiert, um ein Umfeld zu schaffen, das insbesondere Start-ups und Ausgründungen aus Universitäten erleichtert. Der Hub soll Talente, Wissenschaft und Kapital vernetzen und damit die Kommerzialisierung von Forschung beschleunigen.
Die Steiermark setzt mit dem „Health Tech Hub Styria“ stark auf internationale Vernetzung. Rund 300 Teilnehmer:innen aus 19 Ländern diskutierten zuletzt im Frühjahr in Graz aktuelle Entwicklungen in HealthTech und Life Sciences. Neben Forschung und Industrie standen insbesondere Start-ups und Kooperationen im Mittelpunkt. Die Veranstaltung verdeutlicht einen Trend, der sich österreichweit zeigt: Innovation entsteht zunehmend in Netzwerken zwischen Forschung, Unternehmen und klinischer Anwendung. Allerdings bleibt auch hier die Frage offen, wie diese Entwicklungen systematisch in marktfähige Produkte im Inland überführt werden.
Über alle Bundesländer hinweg zeigt sich ein konsistentes Muster: Der Life-Sciences-Sektor wird als strategische Zukunftsbranche verstanden und entsprechend gefördert. Es entstehen neue Forschungszentren, Finanzierungsmodelle und Innovationscluster. Gleichzeitig wird versucht, Unternehmen nicht nur anzusiedeln, sondern auch in Österreich zu halten und in ihrer Wachstumsphase zu begleiten.
Branchenvertreter wie der Pharmaverband PHARMIG betonen jedoch, dass genau diese Phase entscheidend ist: Neben Forschung und Produktion müsse vor allem der Marktzugang systematisch adressiert werden. Dazu zählen etwa effizientere klinische Prüfungen, bessere Rahmenbedingungen für Erstattung und Preisgestaltung sowie eine stärkere Verzahnung von Forschung, Industrie und Regulierung. Ohne solche strukturellen Anpassungen drohe ein klassisches Innovationsparadox: Forschung und Unternehmensgründungen sind stark, doch die Skalierung und Markteinführung innovativer Produkte bleiben hinter dem Potenzial zurück, argumentiert PHARMIG-Generalsekretär Alexander Herzog.
Trotz der Vielzahl an regionalen Initiativen fehlt Österreich bislang eine übergeordnete Life-Sciences-Strategie (LSS), die Forschung, Produktion und Marktzugang gleichermaßen integriert. Während Bundesländer erfolgreich Standortpolitik betreiben und neue Zentren schaffen, bleibt die Frage offen, wie daraus ein konsistenter nationaler Innovationspfad entstehen kann. Gerade die Verbindung zwischen wissenschaftlicher Exzellenz und industrieller Umsetzung wird damit zur entscheidenden Schnittstelle. Eine koordinierte Strategie könnte nicht nur die Wettbewerbsfähigkeit erhöhen, sondern auch dazu beitragen, dass mehr in Österreich entwickelte Innovationen tatsächlich am heimischen Markt und darüber hinaus zur Anwendung kommen.
Was fehlt, ist deshalb eine übergeordnete industriepolitische Klammer, die den gesamten Innovationszyklus abdeckt – von der Forschung über die Skalierung bis hin zum Marktzugang. Die PHARMIG fordert dazu seit Monaten eine eigene LSS von der Regierung ein. Diese hat den Sektor bisher aber nur als Teil der Industriestrategie formuliert. Herzog: „Enthält eine LSS lediglich Fördermaßnahmen für die Medikamentenforschung oder rein für deren Produktion, wird das aus unternehmerischer Sicht nicht reichen. Es geht um ein Gesamtpaket, das vor allem auch die Preis- und Erstattungspolitik in Österreich adressiert.“