© Alexander Juerets Bianca-Karla Itariu, Präsidentin der Österreichischen Adipositas Gesellschaft über bevorstehende Neuerungen im Bereich Adipositas und die Herausforderungen in der nächsten Zukunft.
Wird es im Jahr 2026 neue Hilfen gegen Adipositas geben? Ja, vor allem durch neue Medikamente und Therapieansätze. Besonders spannend sind die neuen Abnehmpillen, wie zum Beispiel das Orforglipron, ein GLP-1-Rezeptoragonist in Tablettenform, der voraussichtlich im kommenden Jahr 2026 zugelassen wird. Orforglipron kann bei Übergewicht und Adipositas helfen, senkt aber auch den Blutzucker und wird daher außerdem bei Typ-2-Diabetes eingesetzt. In Studien haben die Teilnehmer:innen binnen zirka eineinhalb Jahren der Einnahme durchschnittlich 7,8 bis 12,4 Prozent ihres Körpergewichtes verloren. Auch bei Begleiterkrankungen von Adipositas und deren Therapie wird sich einiges tun. Für 2026 wird ein Medikament mit dem Wirkstoff Resmetirom erwartet, mit dem Fettlebererkrankungen behandelt werden, an denen Menschen mit Adipositas häufig leiden. In der metabolisch-bariatrischen Chirurgie werden endoskopische Verfahren an Bedeutung gewinnen. Generell geht die Adipositasbehandlung in Zukunft immer mehr in die Richtung von multidisziplinären und personalisierten Konzepten. Es werden Kombinationen aus Medikamenten, chirurgischen Verfahren und gezielten Lebensstilmaßnahmen abgestimmt auf die individuelle Lebenssituation angewendet und gemeinsam und ohne Zwang die besten Optionen für die Patient:innen ausgewählt. Ich hoffe auch, dass 2026 die Erstattung der Medikamente zur Adipositastherapie erfolgen wird, und dass in der Gesellschaft die Stigmatisierung der Betroffenen abnehmen wird.
Mit welchen Herausforderungen rechnen Sie in der nächsten Zukunft? Die Prävalenz von Adipositas wird stark steigen. Für 2050 wird prognostiziert, dass mehr als 60 Prozent der Erwachsenen übergewichtig bis adipös sind und bis zu einem Drittel der Kinder von Übergewicht und Adipositas betroffen ist. Damit werden sich die Kosten und Belastungen für das Gesundheitssystem erheblich erhöhen. Folgeerkrankungen des starken Übergewichts wie Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes, bestimmte Krebsarten, aber auch psychische Belastungen werden die finanzielle Situation zusätzlich verschärfen. Neben der steigenden Prävalenz und den ebenfalls steigenden Kosten sehe ich eine weitere Herausforderung darin, dass die Prävention nur schleppend vorankommt. Kommerzielle Interessen, fehlende politische Vorgaben und die mangelnde gesellschaftliche Akzeptanz verhindern Maßnahmen wie klare Lebensmittelkennzeichnungen oder Einschränkungen bei der Werbung für ungesunde Lebensmittel. Insgesamt steht der Bereich Adipositas damit vor einem komplexen Problembündel aus steigender Prävalenz, hohen Kosten, wachsender Krankheitslast und politischen Barrieren. Adipositas wird auch eines der großen Treiber für soziale Ungerechtigkeit sein.
Was lässt sich gegen die drohende soziale Ungerechtigkeit bedingt durch Adipositas tun? Die medizinischen Innovationen etwa in Form von neuen Medikamenten oder personalisierten Therapieansätzen werden wenig bewirken, wenn die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen gleichbleiben. Damit die Innovationen nicht zur Luxusmedizin werden, die für nur wenige verfügbar ist, während viele leiden, braucht es strukturelle Veränderungen und echten sozialen Zusammenhalt, eine solidarische Haltung gegenüber Menschen mit Adipositas, eine Gesellschaft, die allen Betroffenen den Zugang zu einer Therapie ermöglicht. (Das Interview führte Sabine Stehrer)
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