„Arzneimittel nicht nur als Kostenfaktor betrachten“  

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Ute Van Goethem ist seit dem Frühjahr Präsidentin des Forum der forschenden pharmazeutischen Industrie in Österreich (FOPI). Im Sommerinterview spricht sie zu Reformplänen.

Was sind die Schwerpunkte des FOPI? Wir vertreten 25 innovative forschende Unternehmen und wichtig ist den Wert von Innovation hervorzuheben. Und damit ist auch der rasche, unbürokratische Zugang für Patientinnen und Patienten zu Innovation verbunden. Ich denke, wir haben nach wie vor sehr viele Stärken in unserem Gesundheitssystem. Das spürt man auch, wenn man Zeit im Ausland verbringt. Wir wollen deshalb konstruktiv in den Dialog kommen, damit wir das Positive, das wir haben, halten und weiter verbessern können.

Was sind die konkreten Anliegen? Gerade im Spitalsbereich haben wir einen sehr raschen Zugang zu innovativen Medikamenten. Es wäre gut, wenn mit einer positiven Bewertung durch das Bewertungsboard auch der Zugang zu innovativen Medikamenten und die nationale Erstattung verbunden wäre. Hier braucht es aber eben noch die Verbesserung, damit Letzteres gesichert ist. Prinzipiell gibt es beim Zugang im niedergelassenen Bereich mit dem Erstattungskodex Herausforderungen. Ganz konkret geht es um die 10%-Regelung beim Erstattungspreis, wodurch eine neue Innovation günstiger sein muss als die billigste Vergleichssubstanz. Patientenfreundlichere Dosierungen oder Darreichungsformen werden vom System nicht als Verbesserung gesehen. Auch bei Indikationserweiterungen zeigen sich Defizite und neue Indikationen kommen immer öfter nicht mehr in die Regelverschreibung. Das sieht man besonders gut am Beispiel von pädiatrischen Darreichungsformen oder Indikationen, da sind mittlerweile 76 Prozent nur noch über chefärztliche Bewilligung verschreibbar und das ist aufwändig.

Viel wird derzeit zur Preisgestaltung bei Arzneimitteln diskutiert. Wie erleben Sie diese Diskussion? Es wäre wünschenswert, wenn Entscheidungsträger:innen innovative Arzneimittel als Investitionen in die Zukunft und nicht nur als Kostenfaktor betrachten würden. Entwickelte Länder sollen einen fairen Beitrag zu den Kosten für die neuesten Medikamente leisten und wesentlich zu den notwendigen Investitionen in Forschung und Entwicklung für neue Therapien beitragen. Wir müssen den Wert, den pharmazeutische Innovation bringt, stärker in den Vordergrund rücken: Eine Studie zeigt, dass Investitionen in Gesundheit in Österreich mehr Wert erzeugen, als sie kosten. Konkret: Investitionen von 5,9 Milliarden Euro im Gesundheits- und Pflegebereich generieren bis 2030 einen gesellschaftlichen Mehrwert von 7,1 Milliarden Euro. Gesundheit ist damit ein volkswirtschaftlicher Wachstumstreiber, und Österreichs Wirtschaft profitiert von diesem Wachstum.

Wie sehen Sie die Entwicklung? Die Ausgaben für Arzneimittel – gemessen an den Gesamtausgaben für Gesundheit – bleiben am österreichischen Markt seit Jahren prozentuell konstant niedrig. Zudem zeigt sich, dass in Österreich bei der Finanzierung von Arzneimitteln Preismodelle angewandt werden. Nach einer nicht repräsentativen Erhebung von FOPI und PHARMIG haben 80 Prozent der teilnehmenden Unternehmen Erfahrungen mit Preismodellen, die überwiegend aus ökonomischen Gründen gefordert wurden und eigentlich den Wert, den eine Innovation fürs gesamte System bringen kann, mindern. Das ist kritisch zu sehen. Die pharmazeutische Industrie trägt damit einen gewichtigen Beitrag zur Finanzierung des Gesundheitswesens bei. Durch die Rückzahlungen im Rahmen der Preismodellvereinbarungen fließen jedes Jahr Millionenbeträge von pharmazeutischen Unternehmen zurück an die Sozialversicherung. Im Jahr 2025 wurden in Österreich über sogenannte Preismodelle rund 600 Millionen Euro refundiert.

Sieht das die Politik auch so? Dass diese Dinge ankommen, denke ich schon. Wir wünschen uns, dass wir ins Tun und ins Umsetzen kommen. Die Life-Science-Strategie ist im Regierungsprogramm verankert. Bis jetzt sind es aber Überschriften, und die müssen jetzt gemeinsam mit klaren Aktionen besetzt werden. Sonst bleibt es bei Absichtserklärungen.

Haben Sie das Gefühl, dass da wirklich etwas passiert? Bis jetzt ist Life Science nur ein Absatz in der Industriestrategie. Die Life-Sciences-Strategie der EU war ein wichtiger Schritt, um Innovationen voranzutreiben und die Wettbewerbsfähigkeit Europas zu stärken. Die dazu passende österreichische Life-Sciences-Strategie ist hingegen bislang nur eine politische Absichtserklärung und befindet sich noch in Entwicklung. Wir hoffen, dass wir in der zweiten Jahreshälfte konkrete Konzepte mit den politischen Entscheidungsträger:innen diskutieren können, die dann auch umgesetzt werden. Die forschende pharmazeutische Industrie bringt sehr gute Produkte hervor und hat eine hohe Wirtschaftsleistung, denn nur durch Forschung entstehen pharmazeutische Neuerungen, die den derzeitigen Standard of Care voranbringen und Ärzt:innen sowie Menschen mit Erkrankungen helfen, mehr Lebensqualität durch eine optimale Therapie zu erhalten. Dazu ist es wichtig, dass die Medikamente auch bei Patient:innen ankommen – dieser Nutzen entsteht nicht durch die Erfindung allein, sondern durch die geeignete Anwendung. Um den Pharma-Standort Österreich nachhaltig zu stärken, braucht es attraktive Rahmenbedingungen – von der Erforschung bis zum Zugang für Patient:innen zu einem Arzneimittel. Klinische Forschung sollte in Österreich ein bestmögliches Umfeld finden. Hier müssen wir noch besser werden, wenn es darum geht, rasch und mit wenig bürokratischem Aufwand Studien zu starten. Auch beim Thema Patient:innenzugang gibt es Handlungsbedarf: In Österreich gibt es zwar klare Regeln, wie ein Medikament in die Erstattung kommt, aber diese Regeln sind über 20 Jahre alt und müssen dringend modernisiert und an die Realität angepasst werden. (Das Interview führte Martin Rümmele)