Cancer Care 2020 – Comparator Report on Cancer in Europe

Auf einer Pressekonferenz im Cafe Museum in Wien wurde vom Gesundheitsökonomen Dr. Thomas Hofmarcher der aktuelle „Comparator Report on Cancer in Europe“ vorgestellt.*) Ausgewählte Eckdaten beziehen sich auf eine Verbesserung der 5-Jahres-Überlebensrate, die Abnahme der Mortalität und die Reduktion des Produktivitätsverlustes. Univ.-Prof. Dr. Matthias Preusser hat die Daten aus Sicht des Vorstands der onkologischen Abteilung der MedUni Wien kommentiert. Die Perspektive der Industrie wurde vom Generalsekretär der Pharmig, Mag. Alexander Herzog, eingebracht.

 

 

Die Sicht des Gesundheitsökonomen

3 von 5 Neuerkrankungen und 3 von 4 Sterbefällen betreffen Personen ab 65 Jahre, damit bleibt Krebs eine Erkrankung des Alters mit allen demographischen Herausforderungen. Laut IHE-Analyse ist der Anstieg der Neuerkrankungen in Österreich geringer als in Europa, wenngleich Neuerkrankungen in allen Ländern zunehmen: In Österreich erfolgte zwischen 1995 und 2017 ein Anstieg um 20 %, von 34.443 Krebserkrankungen (1995) auf 41.389 Fälle (2017). Im gleichen Zeitraum hat sich das Prostatakarzinom von Rang 3 (1995) der häufigsten Krebsarten auf Platz 1 im Jahr 2017 vorgeschoben, noch vor Brustkrebs (Platz 2) und Lungenkrebs (Platz 3). Waren Kolorektalkarzinome im Jahr 1995 noch die häufigsten Tumoren, so sind diese heute auf Rang 4 zurückgefallen. Zugenommen hat der Anteil an Melanomen (von Platz 9 auf Platz 6). Laut Dr. Thomas Hofmarcher wären rund 40 % aller Neuerkrankungen durch Lebensstilmodifikation vermeidbar – der modifizierbare Faktor mit der weitaus größten Wirkung (50 % Anteil) ist das Rauchen. Einmal mehr bestätigt wurde der Zusammenhang zwischen den Gesamtgesundheitsausgaben für Krebs und den Überlebensraten. In Europa liegen die Ausgaben für Krebs im Zeitraum 2005 bis 2015 relativ konstant bei 6 % der gesamten Gesundheitsausgaben. In Österreich liegt dieser Anteil im gleichen Zeitraum bei etwa 6,5 %. Länder mit höheren Ausgaben erzielen höhere Überlebensraten, wobei Österreich laut Dr. Hofmarcher nahe an der Trendlinie ist, die eine durchschnittlich gute Anwendung der Gesundheitsausgaben bedeutet: „Die Effizienz von Mitteleinsatz und Behandlungsergebnis könnte gesteigert werden.“ Aus volkswirtschaftlicher Sicht interessant ist eine Auswertung zu den indirekten Kosten, die durch Krebs anfallen, definiert als Produktivitätsverlust durch a) vorzeitigen Tod im erwerbsfähigen Alter und b) Morbidität im Sinne von Krankenstand und ständige Erwerbsunfähigkeit/Frühpensionierung. Diese indirekten Kosten sind in Europa um 15 % zurückgegangen, in Österreich um 21 %, d. h. laut Thomas Hofmarcher, „es fällt Menschen mit einer Krebserkrankung heute leichter, in das Erwerbsleben zurückzufinden“.

Die Sicht der Industrie

Das Verhältnis zwischen öffentlichen Ausgaben und Ausgaben der Industrie für die Krebsforschung liegt heute sowohl in Europa als auch in den USA bei etwa 1:6. Es gibt einen markanten Anstieg an zugelassenen Krebsmedikamenten mit 118 EMA-Zulassungen für neue Arzneimittel in der Onkologie im Zeitraum 1995 bis 2018. Besonders stark ist der Anstieg seit dem Jahr 2010 mit zielgerichteten und immunologischen Substanzen insbesondere in hämatologischen Indikationen. Daten der Statistik Austria belegen für Österreich eine Steigerung der 5-Jahres-Überlebensrate von 51 % vor dem Jahr 2000 auf 61 % in den frühen 2000er Jahren. Was die klinische Forschung betrifft, haben im Jahr 2018 insgesamt 6.064 Patienten an Industrie-gesponserten Studien teilgenommen. Den größten Anteil daran hatte die Onkologie mit 1.944 Patienten (32 %), vor Kardiologie, Pulmologie und Diabetes. Onkologie ist damit das am stärksten beforschte Gebiet der pharmazeutischen Industrie. Wesentlich war für Mag. Alexander Herzog der Hinweis auf die Bedeutung der klinischen Forschung für den Wirtschaftsstandort Österreich: So zeigt eine rezente Studie des Instituts für Pharmaökonomische Forschung, dass ein in die klinische Forschung investierter Euro der österreichischen Gesamtwirtschaft ca. 1,95 Euro Wertschöpfung bringt – also das Doppelte. Letztlich kommt man nicht umhin festzuhalten, dass die Anzahl der beantragten und laufenden klinischen Prüfungen in Österreich rückgängig und in den letzten Jahren stagnierend ist, was sich negativ auf die rasche Verfügbarkeit innovativer Arzneimittel und auf den Forschungsstandort insgesamt auswirken kann. Umso wichtiger ist es daher, dass österreichischen Krebspatienten der mehrheitlich rasche Zugang zu neuen Krebsmedikamenten garantiert bleibt.

Die Sicht des Onkologen

Krebs ist ein globales Problem, in Europa die zweithäufigste Todesursache, 26 % der Menschen in Europa versterben an Krebs. Der Inzidenzanstieg von 50 % erklärt sich in erster Linie durch das Älterwerden der Bevölkerung. 40 % der Krebsfälle sind durch relativ leichte Lebensstilmodifikationen vermeidbar, was Rauchen, Trinken, Bewegung oder einfachen Sonnenschutz betrifft. „Hat Krebs eine Achillesferse?“, stellt Univ.-Prof. Dr. Matthias Preusser als Frage in den Raum und meint: „Ja, wobei einer der entscheidenden Paradigmenwechsel, die Neuschreibung der Geschichtsbücher durch völlig neuartige Immuntherapien, gelungen ist.“ Die Zunahme des medizinischen Wissens ist enorm, veranschaulicht etwa als Verdopplungszeit gemessen an Publikationen: Betrug die Verdopplungszeit des medizinische Wissens im Jahr 1950 noch 50 Jahre, so sank diese Zahl 1980 auf 7 Jahre. Demgegenüber verdoppelt sich das medizinische Wissen im Jahr 2020 alle 73 Tage.

Forschung rettet Leben: Wir sind early adopters, sagt Professor Preusser, d. h., wir bringen neue Medikamente sehr schnell an den Patienten. Um Forschung weiterhin konkurrenzfähig betreiben zu können, sind Investitionen erforderlich. So sind etwa am Universitätscampus des Allgemeinen Krankenhauses Wien ein Zentrum für Präzisionsmedizin (Kosten ca. 60 Mio. Euro, Finanzierung offen/Fundraising), ein Zentrum für Translationale Medizin und Therapien (Kosten ca. 130 Mio. Euro, Finanzierung durch Bund und Stadt Wien) sowie ein Zentrum für Technologietransfer (private Finanzierung) geplant. Kosten von ca. 340 Mio. Euro für einen weiteren, räumlich nahegelegenen MedUni Campus werden vom Bund aufgebracht.

 

AutorIn: Gerhard Kahlhammer

SO 02|2020

Herausgeber: Univ.-Prof. Dr. Matthias Preusser, Univ.-Prof. Dr. Markus Raderer
Publikationsdatum: 2020-05-04