Assoziationen zu Christine Lavant „Aufzeichnungen aus einem Irrenhaus“

Christine Lavant (geborene Thonhauser, ab 1939 verheiratete Habernig) wird am 4. Juli 1915 als neuntes Kind des Bergarbeiters Georg Thonhauser und seiner Frau Anna in Großedling bei St. Stefan im Lavanttal geboren. Kindheit und Jugend sind von Krankheit und Armut geprägt. Die Familie lebt in beengten Verhältnissen, in autobiografischen Erzählungen stellt Christine Lavant eine bedrückende Atmosphäre von Mangel, Schmerz, Hunger und Entbehrung dar.1 Bereits als Säugling leidet sie an Hauttuberkulose, erblindet fast, regelmäßig auftretende Lungenentzündungen schwächen das Kind zusätzlich. In der Schulzeit wird sie wegen ihres Aussehens − sie muss oft Verbände tragen − gehänselt, kann aber trotz ihrer Schwäche und ihrer Krankheiten 1929 die Volksschule abschließen, wird als gute und intelligente Schülerin beschrieben.2 Im 9. Lebensjahr droht neuerlich eine Erblindung, Christine Lavant wird von ihrer Schwester ins Krankenhaus nach Klagenfurt gebracht, wo sie geheilt wird. Dort lernt das Mädchen auch den Primarius der Augenabteilung Dr. Adolf Purtscher kennen, der gemeinsam mit seiner Frau Paula Christine Lavant in den nächsten Jahren unterstützen und fördern wird. Der achtwöchige Aufenthalt an der Augenabteilung im Jahr 1924 wird in der 1948 erstmals erschienenen Erzählung „Das Kind“ eindrucksvoll beschrieben. Eine neuerlich aufflammende Hauttuberkulose wird im 12. Lebensjahr im Krankenhaus Wolfsberg mit Röntgenstrahlen behandelt, was zu Vernarbungen und Missempfindungen führt. Auch diese Erfahrungen fließen wohl in die im Jahr 2015 neu aufgelegte Erzählung mit ein, erwähnt Klaus Amann, der Herausgeber der Neuauflage, im Nachwort.3
In Wolfsberg behandelt sie der Primarius der chirurgischen Abteilung Dr. Robert Mann, der sie Jahre später nach einem Suizidversuch durch Medikamenteneinnahme mit einer „Ärztlichen Bestä­tigung“ vom 14. Oktober 1935 der psychia­trischen Abteilung des Krankenhauses Klagenfurt zuweist: „Fräulein Christl Thonhauser 20 Jahre alt, zuständig nach St. Stefan i. L. Kärnten leidet an derartigen psychischen Alterationen, dass ihr Leben gefährdet erscheint und nur durch eine länger dauernde Behandlung auf der Psychiatrischen Abteilung des Landeskrankenhauses Klagenfurt eine Besserung zu gewärtigen ist.“4
Der Versuch des Besuches der Hauptschule muss 5 Jahre zuvor abgebrochen werden, 1930 führt eine Ohrentzündung zur fast vollständigen Ertaubung des rechten Ohres. Christine Lavant bleibt so zu Hause bei ihren Eltern, trägt zum knappen Familienbudget durch Handarbeiten bei, schreibt Gedichte und Prosa, ein erster Roman wird im Jahr 1932 von einem Verlag abgelehnt, was die Neigung zu depressiven Verstimmungen verstärkt haben dürfte. Sie vernichtet alles bis dahin Geschriebene.

Die Krankenakte

Die Geschichte der psychiatrischen Abteilung des Krankenhauses Klagenfurt ist gut beforscht und bereits publiziert.5, 6 Am 18. 11. 1877 wurde das jetzt auch noch betriebene Hauptgebäude der heutigen Abteilung für Psychiatrie und Psychotherapie nach Einweihung durch Kaiser Franz Josef bezogen. Ungefähr zu jener Zeit (1887) lässt sich die junge Journalistin Nellie Bly undercover in die New Yorker Abteilung für Frauenpsychiatrie auf Blackwell’s Island einweisen. Ihre spannende, vor allem aber bedrückende Reportage wird am 9. und am 16. Oktober 1887 in der Zeitung „New York World“ abgedruckt. Das Buch dazu erscheint im Dezember 1887 unter dem Titel „Ten Days in a Mad-House“; es wird im Jahr 2011 vom Germanisten Martin Wagner im AvivA Verlag neu aufgelegt.7 Nellie Blys Bericht erregt Aufsehen, der Blick hinter die Kulissen der Psychiatrie zu jener Zeit ergibt ein Bild von Willkür, Entwertung, emotionaler und körperlicher Gewalt und hat Konsequenzen; es kommt zu Einvernahmen und zur Erhöhung des Budgets für entsprechende Abteilungen.
Alte Krankengeschichten aus der Landesirrenanstalt, wie die Abteilung in Klagenfurt damals hieß, sind erhalten geblieben, älteste Akte datieren auf das Jahr 1873 und wurden bereits vor Jahren dem Kärntner Landesarchiv übergeben. Die Geschichte der Abteilung ist eine historisch sehr belastete: In den Jahren 1939 bis 1945 wurden Menschen gemäß dem „Gesetz zur Verhinderung erbkranken Nachwuchses“ nicht nur zwangssterilisiert8, sondern 1.500 Menschen im Rahmen von 4 Transporten nach Hartheim gebracht und dort vergast, später im Rahmen der wilden Euthanasie direkt an der Abteilung oder nach Überstellung ins sogenannte Hinterhaus, Teil der Landessiechenanstalt, getötet.9 Quellen für die Beforschung dieser Auswüchse der menschenverachtenden nationalsozialistischen Rassen­ideologie sind die Gerichtsakten des Niedermoser-Prozesses, viele Unterlagen, die das „Gesundheitssystem“ der damaligen Zeit charakterisieren, und das historische Archiv der psychiatrischen Abteilung. Eine sehr umfangreiche Darstellung dieses düstersten Kapitels der Geschichte der Psychiatrie in Kärnten wurde kürzlich veröffentlicht.10
Neben vielen anderen Krankenakten aus der Zwischenkriegszeit, die auch erhalten geblieben sind, sticht die von Christine Lavant hervor. Sie besteht aus einer beige-gelben Mappe, auf der der Name Christine Thonhauser in großen schwarzen Lettern prangt und der Aufenthaltszeitraum verzeichnet ist: „24. 10. 1935 bis 30. XI. 1935“. Das oben erwähnte ärztliche Attest von Dr. Robert Mann ist ebenso im Original erhalten wie der mit Bleistift in Kurrent ausgefüllte Aufnahmebogen mit soziodemografischen Angaben zur Person. Ein zweiter Aufnahmebogen ist mit Maschine beschrieben. Darin ist das Herzstück der Akte enthalten: eineinhalb eng beschriebene Seiten mit einer Kurzzusammenfassung des Grundes der stationären Aufnahme, einer ausführlichen Darstellung des Erstgespräches mit der Patientin, Unterredung genannt, mit sehr persönlichen Mitteilungen Christine Lavants zu ihrer Biografie und ihrer Familie und sieben kurzen Pflegedekursen. Am 30. November wird Christine Thonhauser gebessert entlassen. „Wird heute entlassen. Will zuerst heim, dann nach St. Pölten zum Arbeitsdienst, wenn sie aufgenommen wird. Ist dankbar, hat die besten Vorsätze.“ 11

Die Aufnahme

Christine Lavant gibt in der Unterredung an, seit dem 13. Lebensjahr „Selbstmordgedanken“ zu haben, mit „14 Jahren wollte sie sich in der Schule mit Kupfervitriol ? vergiften, ließ es aber wegen des schlechten Geschmackes stehen. Mit 16 Jahren im Lebensüberdruß 20 Aspirintabletten genommen. Wurde immer mehr nervös, nach außen hin blieb sie aber ruhig. Am 13. d. M. war sie allein daheim, dachte immer an das Ende, hatte kein Buch zur Hand, war ganz verzweifelt. Hatte für die Mutter vom Arzt verordnete Schlaftabletten geholt, die am Abend nahm (sic), den Namen und die Menge kann sie nicht angeben. Habe sich dann gelegt, alles sei herumgegegenangen (sic), dann wisse sie nichts mehr. Am 14. wurde sie geweckt, schleif (sic) aber bald wieder ein, am 15. stand sie vormittags auf, war noch taumelig. Einmal erbrochen. Daraufhin schrieb ihr der Arzt das Zeugnis.“ 12
Bis zur Aufnahme vergehen also noch einmal neun Tage. Während des mit dem zuständigen Psychiater vereinbarten sechswöchigen Aufenthaltes wird Christine Lavant auf Kosten der Heimatgemeinde betreut. Sie erhält eine Arsenkur − man nutzte den appetitfördernden, allgemein roborierenden Effekt dieses Elements −, einmal auch eine Schlaftablette und verbringt die Zeit mit Gesprächen mit dem Pflegepersonal, kurzen Visiten, Kontakten zu MitpatientInnen, sie liest viel − was auch im Dekurs vom 19. 11. 1935 vermerkt ist −, schreibt, aber sie tut vor allem eines: Sie beobachtet scharfsinnig ihre Umgebung, ihr soziales Umfeld und gibt so einen faszinierenden Einblick in die Psychiatrie zu jener Zeit.
„Ich bin auf Abteilung ,Zwei‘. Das ist die Beobachtungsstation für die ,Leichteren‘, und man kommt eigentlich von Rechts wegen nur hinein, wenn man ,Drei‘ schon hinter sich hat. Ich habe ,Drei‘ noch nicht hinter mir, und das nehmen mir hier die meisten übel.“ 13
Da sie obendrein noch durch die Bekanntschaft mit dem Primarius privilegiert scheint, schreiben darf, abendliche Entspannungsbäder angeordnet bekommt, wird sie nicht nur von den MitpatientInnen argwöhnisch beäugt.
„Gestern hörte ich die Königin zu Renate sagen (zwei Mitpatientinnen; Anmerkung des Autors): ,Mit Augengläsern und Aktentasche ist die hier einmarschiert, der Teufel soll sie holen! Was hat sie auch da bei uns zu tun? Wahrscheinlich spionieren, was auch sonst?!‘“ 14
Auch wenn Christine Lavant zu diesem Zeitpunkt selbst dringend Hilfe brauchte und wohl auch sehr mit sich selbst beschäftigt war – „Ist mitunter sehr verstimmt, weil ihr die Zukunft Sorgen macht“15 –, beschreibt und analysiert sie das komplexe soziale System, in dem sie sich wiederfindet, genau; sie entlarvt, stellt bloß und kritisiert scharfsinnig.

 

 

Umdeutung der Lebensumstände

In den 1960er-Jahren, der Hochzeit der antipsychiatrischen Bewegung, werden tatsächlich PseudopatientInnen in psychia­trische Institutionen eingeschleust, um echte oder vermeintliche Missstände aufzudecken, vor allem aber auch um zu demonstrieren, dass es den in diesen Institutionen arbeitenden Menschen nicht immer gelingt, zwischen psychisch krank und gesund zu unterscheiden, und die damals neu implementierten Diagnoseschemata (DSM) versagen. Acht gesunde Menschen – so beschreibt es Rosenhan in seiner Studie16 − erreichen es, in zwölf verschiedenen Krankenhausabteilungen durch Beschreibung eher diskreter Symptome (Stimmenhören, latente Depressivität) bis auf eine Ausnahme mit der Diagnose Schizophrenie aufgenommen zu werden. Die Symptome sistierten sofort nach der Aufnahme, danach benehmen sich die PseudopatientInnen völlig normal und verbringen die kaum strukturierte Zeit mit dem Versuch, mit MitpatientInnen Gespräche zu führen, und dem Anfertigen von schriftlichen Aufzeichnungen über ihre Wahrnehmungen. Die durchschnittliche Aufenthaltsdauer der PseudopatientInnen beträgt 19 Tage. Recht rasch werden die PseudopatientInnen von den echten Patienten als solche identifiziert, während dem Personal das nicht gelingt. Im Gegenteil, die Lebensumstände der PseudopatientInnen werden so umgedeutet, dass sie zur Diagnose „passen“ – ein Phänomen, das wir auch in Christine Lavants Aufzeichnungen finden. Auch ihr Verhalten im Kontext der Station wird als Ausdruck ihrer psychischen Erkrankung interpretiert und nicht als Reaktion auf eine hochgradig ungesunde und widernatürliche Atmosphäre in einer „totalen Institution“, wie sie Erving Goffman beschreibt.

Die totale Institution

Erving Goffman, ein bekannter Vertreter der Antipsychiatrie, veröffentlicht im Jahr 1961 das Buch „Asylums. Essays on the Social Situation of Mental Patients and Other Inmates“, in dem er sich kritisch mit der „sozialen Situation psychiatrischer Patienten und anderer Insassen“ beschäftigt, und prägt den Begriff der „totalen Institution“.17 Eine totale Institution – so Goffman – „läßt sich als Wohn- und Arbeitsstätte einer Vielzahl ähnlich gestellter Individuen definieren, die für längere Zeit von der übrigen Gesellschaft abgeschnitten sind und miteinander ein abgeschlossenes formal reglementiertes Leben führen“.

Charakteristika dieser totalen Institution sind laut Goffman:

  • Alle Angelegenheiten des Lebens finden an ein und derselben Stelle unter ein und derselben Autorität statt.
  • Die Mitglieder der Institution führen alle Phasen ihrer täglichen Arbeit in unmittelbarer Gesellschaft einer großen Gruppe Schicksalsgenossen aus, wobei allen die gleiche Behandlung zuteil wird und alle die gleiche Tätigkeit gemeinsam verrichten müssen.
  • Alle Phasen des Tages sind genau geplant, eine geht zu einem vorher bestimmten Zeitpunkt in die nächste über, und die ganze Folge der Tätigkeiten wird von oben durch ein System expliziter formaler Regeln und durch einen Stab von Funktionären vorgeschrieben.
  • Die verschiedenen erzwungenen Tätigkeiten werden in einem rationalen Plan vereinigt, der angeblich dazu dient, die offiziellen Ziele der Institution zu erreichen.
  • In diesen totalen Institutionen besteht eine fundamentale Trennung zwischen einer großen „gemanagten“ Gruppe, treffend Insassen genannt, auf der einen Seite und dem weniger zahlreichen Aufsichtspersonal auf der anderen.
  • Es herrscht eine stark eingeschränkte Transparenz der Pläne des Stabes, die Insassen erhalten von den Plänen ihr Geschick betreffend keine Informa­tion.
  • Totale Institutionen sind „Treibhäuser, in denen unsere Gesellschaft versucht, den Charakter von Menschen zu verändern. Jede dieser Anstalten ist ein natürliches Experiment, welches beweist, was mit dem Ich des Menschen angestellt werden kann.“17

Die Zeiten, in denen die institutionelle Betreuung psychisch Kranker den Charakteristika der totalen Institution entsprach, sind noch nicht allzu lange her. Ältere KollegInnen aus der Ärzteschaft und dem Pflegepersonal erzählen mir aber noch oft Geschichten von vor 40 Jahren, als die Patienten noch hoch mediziert, in riesigen Stationen mit über 100 „Insassen“, in Vielbettzimmern ohne Anregung und Beschäftigung vor sich hin vegetierten, rauchend im Kreis gingen und jeder Versuch, aus diesem dumpfen Dasein auszubrechen, als Ausdruck und Beweis ihrer Geisteskrankheit gesehen wurde. Zeiten, in denen kaum kommuniziert wurde, die PatientInnen dem Personal ausgeliefert waren und ihr Verhalten auch über allfällige Vergünstigungen und Bevorzugungen gesteuert wurde.
Christine Lavant, selbst Insassin einer totalen Institution, aber sehr privilegiert als Privatpatientin des damaligen Primarius, gibt Einblicke in diese Zeiten, auch wenn sie nicht die Akutstation (Abteilung „Drei“) beschreibt, sondern die Abteilung „Zwei“. Und doch gibt es einige wesentliche Unterschiede zwischen den Charakteristika Goffmans und der Darstellung Christine Lavants. Die scharfe Trennung zwischen PatientInnen und Personal finden wir z. B. in ihrer Beschreibung nicht, im Gegenteil, oft bleibt es in den „Aufzeichnungen“ lange unklar, wer zur Gruppe der PatientInnen und wer zur Gruppe des Pflegepersonals gehört. Gerade aber durch ihre Privilegien irritiert Christine Lavant die vertrauten Regeln der totalen Institutionen, was zu heftigen Reaktionen bei beiden Gruppen führt.

 

 

 

 

Psychiatrie heute

Von der totalen Institution sind wir heute inzwischen meilenweit entfernt, kleine und übersichtliche, größtenteils gemischtgeschlechtliche Stationen mit ansprechendem Ambiente (zumindest im Inneren der Gebäude), ein individuell abgestimmtes Betreuungsangebot, großzügige Besuchs- und Ausgangszeiten, starke Einbeziehung der Angehörigen und VertreterInnen extrastationärer Betreuungsangebote (Stichwort Nahtstellenmanagement), ein breites einzel- und gruppentherapeutisches Angebot, Bezugspflege, ausführliche Psychoedukation, stationäre Psychotherapie, sorgfältige Steuerung der Medikation, ein transparenter Umgang mit dem Unterbringungsgesetz und weitgehende Einbeziehung der Patientenwünsche und -bedürfnisse prägen heute den psychiatrischen Alltag. Die zentralen Ideen der therapeutischen Gemeinschaft und des „shared and informed decision making“ werden an den offenen Stationen umgesetzt und gelebt.
Die Zeiten kustodialer, also ausschließlich bewahrender, aber auch chronifizierender Psychiatrie haben wir hinter uns gelassen, die kurative, also heilende und unterstützende Psychiatrie ist das Credo unserer Generation. Eine starke Einbeziehung von Betroffenen in den psychiatrischen Bereich verbessert nicht nur die Behandlungsergebnisse (reduzierte Rehospitalisierungsrate, verbesserte Therapietreue, mehr Wissen über die Erkrankung), sondern wird daneben auch den veränderten epidemiologischen Bedingungen gerecht und wird daher von den politischen VerantwortungsträgerInnen und den Krankenkassen zu Recht gefordert. Im unmittelbaren Behandlungskontext sind die Prinzipien der Partizipation schon viel weiter umgesetzt als auf gesundheitspolitischer und institutioneller Ebene. Das von den PatientInnen geforderte Mitspracherecht, die ebenso geforderte Information und Transparenz ist in der individuellen Behandlung schon auf höherem Niveau. Und doch müssen wir uns bewusst sein, dass die Zeiten der totalen Institution noch nicht lange her sind und auch jene Zeiten der Deportation von psychisch kranken Menschen und aktiven Tötung von Menschen auch in Klagenfurt noch belasten und bewegen und eine historische Bürde für die Psychiatrie als Institution und ihre MitarbeiterInnen darstellen.

Lavants Beschreibungen

Es gibt in Lavants Text viele berührende und scharfsinnige Passagen. Auf eine besondere will ich im aktuellen Kontext noch etwas genauer eingehen, das Gespräch zwischen Christine Lavant, dem Gerichtspsychiater, dem Primarius und der Oberschwester.
„,Wir haben nicht viel Zeit‘ sagte er böse, und zum Primarius: ,Ist sie überhaupt vernehmungsfähig?‘ Der sah daraufhin einen Augenblick eigentümlich auf und sagte: ,Ich denke schon.‘ … ,Also bitte!‘ bohrte das Scheusal ungeduldig weiter. Ich sagte stur: ,Ich mag einfach nicht.‘ … ,Aber sie müssen doch einen Grund dazu haben. Wahrscheinlich hat sie der Freund verlassen und es war nicht gleich ein anderer da, wie?!‘ … ,Es war überhaupt nie einer da.‘ … ,Ach so, na schön, aber nun erzählen sie mir einmal, wie es zuhause zugeht. Sie haben ja noch Eltern, was sagen die, wenn sie solche Sachen aufführen? Wie?‘ … Hier warf der Primarius etwas von Not und Elend ein, was natürlich übertrieben ist, aber entweder hatte er von meinen Andeutungen tatsächlich dieses Bild bekommen, oder er wollte mir einfach ein bisschen helfen. Der Kleine fragte zu ihm hin: ,Aber warum arbeitet sie eigentlich nicht? Wenn sie auch etwas schwächlich zu sein scheint, so könnte sie immerhin einen leichteren Posten ausfüllen, und Arbeit vertreibt alle Dummheiten, die diese jungen Damen da im gewissen Alter manchmal ankommen. Von der Schule heraus auf einen ordentlichen, strengen Dienstplatz ist immer noch das beste Mittel gegen Hysterie. Na, vielleicht haben sie sie in einem Jahr so weit, dass man sie dann wo unterbringen kann‘ … ,Sie will ja nur dichten‘ sagte da die spitze Stimme (der Oberschwester; Anm. des Autors) vom Fenster her. Alle lachten, warum hätte ich nicht auch lachen sollen? … ,Ja, meine Teure‘ sagte da der Kleine, „diese Gewohnheiten wirst du dir freilich abgewöhnen müssen. Düchten mit Umlaut ü, gelt, wahrscheinlich kann sie nicht einmal ordentlich rechtschreiben, aber dichten will sie! Sehen sie, Kollege, solche Geschichten kommen heraus, wenn jeder Bergarbeiter schon glaubt, seine Sprösslinge in Hauptschulen und so schicken zu müssen. Also, mein Kind, das Düchten überlass du schön anderen Leuten, und wenn dich der Herr Primarius wieder zur Vernunft gebracht hat, so nach ein, zwei Jahren, dann sei froh, wenn du eine Gnädige bekommst, die dich zu allen häuslichen Arbeiten ordentlich abrichtet. Verstanden?‘“18
Der Gerichtspsychiater – auch wenn die Notiz zu diesem Gespräch in der Krankenakte mit „freiwillig eingetreten: Stimmungsschwankungen, Selbstmordneigung, psychische Dysharmonie“19 relativ harmlos erscheint − deutet die menschenverachtende Einstellung der kommenden Jahre an, stellt ein erschreckendes Beispiel herablassender Kommunikation dar, das sich schließlich zu jener Ideologie entwickelt, die zwischen „lebenswert“ und „lebensunwert“ unterscheidet.
Christine Lavant ahnt wohl auch die ihr drohende Gefahr. Sie taucht im Lavanttal unter, schreibt über Jahre nicht, weiß sicher auch von der veränderten Rolle der Ärztinnen und der Ärzte (Stichwort Meldepflicht) auch ihrer Umgebung zu jener Zeit. Christine Lavant dürfte vom Niedermoser-Prozess aus der Volkszeitung erfahren haben, auch wissen wir von der Androhung der ältesten Schwester von Christine Lavant im Jahr 1939, sie auf die Psychiatrie zu bringen, sollte sie den um viele Jahre älteren Habernig heiraten.20

Nach 1945

Erst nach 1945 erwacht sie aus ihrer Schreibhemmung, veröffentlicht wieder und widmet sich dem Text „Aufzeichnungen“. Ob sie dabei auf Notizen aus der Zeit des Aufenthalts zurückgreift oder aus der Erinnerung schreibt, bleibt unklar. Dass sie an der psychiatrischen Abteilung geschrieben hat, geht aber aus den Aufzeichnungen hervor.
Die Geschichte des Textes ist eine ebenfalls aufregende, er findet sich schließlich im Nachlass der Übersetzerin und Schriftstellerin Nora Purtscher-Wydenbruck, die ihn mit weiteren zwei Texten in einem gemeinsamen Buch in England zu veröffentlichen plante – wozu es allerdings nie kommt. Die Geschichte dieses Textes ist aber auch Ausdruck der hochgradigen Ambivalenz von Christine Lavant bezüglich einer allfälligen Veröffentlichung – zuerst schickt sie den Text zu einem Verleger, fordert ihn dann zurück, schickt ihn an Nora Wydenbruck und fordert ihn auch von der in einem Brief vom 21. 2. 195821 wieder dringend, fast flehend zurück, hat sie doch große Sorge um ihren Ruf und den ihrer Familie, denn 1950 wurde auch in Kärnten klar, wer sich hinter dem Pseudonym Christine Lavant verbirgt. Sie fürchtet aber auch die Kritik ihrer Familie, bezeichnet sie ihren Schwager doch mit dem Namen „Anus“, und gibt viele Einblicke in ihre Familiensituation –; ein weiterer Grund, jene Auszüge aus der Unterredung, in denen über allzu private Details aus der Familie Thonhauser berichtet wird, dem Leser vorzuenthalten. Vieles davon ist allerdings in ihren Werken nachzulesen. Schließen möchte ich nun mit einem Gedicht, das Christine Lavant vermutlich während ihres Aufenthaltes in der Landesirrenanstalt schrieb (siehe Kasten).

 

 

Nachwort

Das Gerücht eines weiteren Aufenthaltes von Christine Lavant (Thonhauser) in den 1950er- und 1960er-Jahren kann ich entkräften – Namensgleichheit. Die Krankenakte wurde im Juni 2017 dem Kärntner Landesarchiv übergeben und ist nun wieder Teil des historischen Archivs der ehemaligen Landesirrenanstalt.

1 Christine Lavant 2015
2 Klaus Amann: Nachwort zu Christine Lavant: Das Kind 2015; 61
3 ebda. 65
4 Ärztliche Bestätigung von Dr. Robert Mann. Aus der Krankenakte von Christine Thonhauser
5 Paul Posch 1987
6 Lisa Künstl 2017
7 Nellie Bly 2014
8 Herwig Oberlerchner, Helge Stromberger 2014
9 Herwig Oberlerchner, Helge Stromberger 2011
10 Wolfgang Freidl 2015
11 aus der Krankenakte von Christine Thonhauser
12 ebda.
13 Christine Lavant 2008; 5
14 ebda.
15 aus der Krankenakte von Christine Thonhauser
16 David L. Rosenhan 1973
17 Erving Goffman 1973
18 Christine Lavant. Aufzeichnungen aus dem Irrenhaus. 2016; 24 ff.
19 aus der Krankenakte von Christine Thonhauser
20 Klaus Amann: Nachwort zu Christine Lavant: Aufzeichnungen aus dem Irrenhaus 2016; 111
21 Annette Steinsiek, Ursula A. Schneider 2008, 92 f.
22 Gedicht von Christine Lavant. In: Annette Steinsiek, Ursula A. Schneider 2008; 94 f.

 

 

Literatur:
– Bly N (2011): Zehn Tage im Irrenhaus. Undercover in der Psychiatrie 2014. AvivA 2014
– Freidl W (Hg.): NS-Psychiatrie in Klagenfurt. Facultas 2015
– Goffman E (1961): Asylums. Suhrkamp 1973
– Künstl L: Die Geschichte der Klagenfurter Landes-Irrenanstalt. Von den Anfängen bis 1938. In: Oberlerchner H, Stromberger H: Sterilisiert, vergiftet und erstickt. Das Wüten der NS-Euthanasie in Kärnten. Drava: Klagenfurt/Celovec 2017
– Lavant C (2001): Aufzeichnungen aus einem Irrenhaus. Herausgegeben und mit einem Nachwort versehen von Steinsiek A und Schneider UA. Haymon 2008
– Lavant C: Aufzeichnungen aus dem Irrenhaus. Neu herausgegeben und mit einem Vorwort versehen von Amann K. Wallstein 2016
– Lavant C: Das Kind. Neu herausgegeben und mit einem Vorwort versehen von Amann K. Wallstein 2015- Lavant C: Zu Lebzeiten veröffentlichte Erzählungen. Wallstein 2015
– Posch P: Landeskrankenhaus Klagenfurt. Geschichte der Kranken-, Heil- und Pflegeanstalten des Landes Kärnten und der Klagenfurter Spitäler. Kärntner Druck- und Verlagsgesellschaft 1987
– Oberlerchner H, Stromberger H: Zwangssterilisationen: Die Klagenfurter Psychiatrie im Nationalsozialismus. In: Neuropsychiatr 2014; 33–9
– Oberlerchner H, Stromberger H: Die Klagenfurter Psychiatrie im Nationalsozialismus. In: Psychiatr Psychother 2011; 7–10
– Rosenhan DL: On Being Sane in Insane Places. In: Science 1973; 179:250–8
– Stromberger H: Die Ärzte, die Schwestern, die SS und der Tod. Drava. 2. Aufl. 1989