Vorwort

Liebe Leserin, lieber Leser!

Als Vertreter des Faches Pharmakognosie, als Pharmakognost, liegt mir die Anwendung von Pflanzen zu therapeutischen Zwecken besonders am Herzen. Ich habe mich deshalb sehr gefreut, bei der Gestaltung des FOCUS Phytotherapie in dieser Ausgabe von SPECTRUM Urologie mitarbeiten zu dürfen!

Phytotherapie im modernen Sinn, als wichtiger Teil der konventionellen Medizin, vertritt die Anwendung pflanzlicher Arzneimittel (Phytopharmaka) auf medizinisch-naturwissenschaftlicher Grund­lage, beruhend auf langer Erfahrung und wissenschaftlichen Forschungsergebnissen. Der Terminus Pharmakognosie (pharmakon: Arzneimittel, gnosis: Kenntnis) wurde in Wien geprägt und erstmals 1811 publiziert. Man verstand unter diesem medizinischen Fach die Kenntnis der gesamten Materia medica, die vor 200 Jahren fast ausschließlich aus pflanzlichen Heilmitteln bestand.

Die stürmische Entwicklung von Chemie und Pharmakologie machte dann im 19. Jh. zunächst reine Wirkstoffe aus Pflanzen verfügbar (z. B. Morphin, Atropin, Cocain), denen synthetisch hergestellte Wirksubstanzen und Antibiotika folgten. Pflanzliche Arzneimittel verloren dadurch Anfang des 20. Jh. sehr an Bedeutung, in der Urologie erst später, etwa durch 5α-Reduktasehemmer und α-Blocker. Pflanzen verschwanden praktisch ganz aus dem Mediziner-Curriculum, blieben aber im Fach Pharmakognosie des Pharmaziestudiums erhalten.

Sehr überrascht hat uns ab den 1960er-Jahren ein breit aufflammendes, bis heute zunehmendes Interesse an Pflanzlichem (Stichwort Contergan, Thalidomid: „böse Chemie“ versus „Apotheke Gottes“). Arzneipflanzen wurden zunächst vielfach noch belächelt, bald jedoch zunehmend durch wissenschaftliche Forschung gestützt. Beispiel in der Urologie: Weidenröschentee, aus der „gläubigen“ Volksmedizin, „heilt alle Prostatabeschwerden“, dann immerhin Isolierung von Wirkstoffen (Hemmung von Prosta­glandinsynthese, von Aromatase und Alpha-Reduktase, vgl. Wirkmechanismus von Finasterid!).

Gerade in letzter Zeit gibt es für traditionell verwendete, längst als obsolet abgewertete Arzneidrogen spannende Befunde, die Pflanzen für die Urologie neuerlich interessant machen: Maisgriffel, Queckenwurzel, Selleriefrüchte, Hauhechelwurzel, mit antiadhäsiver Wirkung gegen UPEC oder Einfluss auf das Quorum sensing; aber auch Cranberry-Fruchtextrakte mit geschlechtsspezifischen Wirkunterschieden, neue Wirkstoffe/Wirkmechanismen von Cranberries, Wirkungen von Granatapfelextrakten; synergistische Effekte bei Kombinationen einzelner Arzneidrogen: Erklärung durch Wirkstoffzusammensetzung und unterschiedliche Wirkmechanismen!

Trotzdem: Von vielen Pflanzen kennen wir die Wirkstoffe noch nicht, und es gibt keine modernen klinischen Studien im Format einer eingeengten „evidence-based medicine“; ihre Wirksamkeit und gute Verträglichkeit sind aber aufgrund von Erfahrung evident, und damit erscheint auch ihre Anwendung gerechtfertigt.
Angesichts der Problematik zunehmender Antibiotikaresistenzen und im Hinblick auf unerwünschte Nebenwirkungen von Synthetika sind Untersuchungen an pflanzlichen Urologika äußerst wünschenswert und vielversprechend. Besonders wertvoll erwiesen sich dabei schon bisher Forschungskooperationen von Pharmakognosie, Pharmakologie und Klinik.

Die Arbeiten im vorliegenden Focus, für die allen Autoren auch an dieser Stelle herzlich gedankt sei, spiegeln das breite Interesse wider, das „Phyto-Urologika“ entgegengebracht wird. Die Artikel zeigen, welche Phytopharmaka bei welchen Indikationen aufgrund von Erfahrung und/oder klinischen Studien erfolgreich eingesetzt werden können, wie „Duftendes“ (ätherische Öle) gegen Keime wirkt, welche Wirkmechanismen eine Rolle spielen, dass Antibiotika und Phytos einander nicht ausschließen, sondern sogar synergistisch wirken können, welche behördlichen Anforderungen an Pflanzliches gestellt werden, und last not least, wie sich Phytopharmaka in Einzelfällen bewährt haben.

Ich hoffe, Sie finden bei der Lektüre etwas Interessantes auch für Ihre Praxis, und ich würde mich über Kommentare, Anmerkungen und Erfahrungen Ihrerseits sehr freuen! E-Mail

Mit herzlichen Grüßen,

Ihr

Wolfgang Kubelka

AutorIn: Univ.-Prof. Mag. Dr. Wolfgang Kubelka

Department für Pharmakognosie, Universität Wien


SU 03|2019

Herausgeber: Dr. Karl Dorfinger, Prim. Dr. Wolfgang Loidl
Publikationsdatum: 2019-09-24