Österreichische Dermatologie − Durch Gemeinsamkeit Stärke entwickeln

Seit Kurzem sind Sie Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Dermatologie und Venerologie (ÖGDV). Welche wichtigen Aufgaben und Ziele hat die ÖGDV?

Die ÖGDV hat als Ziel den Austausch wissenschaftlicher und praktischer Erfahrungen des Fachgebietes Dermatologie und Venerologie einschließlich ­seiner Spezialdisziplinen. Typischerweise sind Fachgesellschaften für gängige klinische Standards, gesundheitspolitische Themen und die berufliche Ethik mit tonangebend – so auch die ÖGDV. Dieser Verantwortung sind wir uns bewusst. Als derzeitiges Führungs­team streben wir ein koordiniertes Vorgehen aller Interessengruppen innerhalb unserer Fachgesellschaft an, um unser Fachgebiet maximal zu fördern.

Gibt es Bereiche, die Ihnen besonders wichtig sind?

Besonders wichtig sind uns die Nachwuchsförderung und die gesundheits- und standespolitische Positionierung unseres Faches. Wir erleben eine Zeit des raschen Wandels, ständig wechselnder Reformvorhaben unter erheblichem Finanzdruck. Die Dermatologen sind eine vergleichsweise kleine Gruppe, die nur durch Gemeinsamkeit Stärke entwickeln und diese Herausforderungen bewältigen kann.

Was möchten Sie anders (besser) machen als Ihre Vorgänger?

Diese Frage würde ich gerne umdrehen, denn unser besonderer Dank gilt der Frau Präsidentin Angelika Stary und ihrer Generalsekretärin Claudia Heller-Vitouch, von denen wir eine ausgezeichnet organsierte Gesellschaft übernehmen. Als niedergelassene Dermatologinnen haben sie im Rahmen der ÖGDV-Jahrestagungen bemerkenswerte fachliche Akzente gesetzt. Gleichzeitig wurde die Sorge um die Vertretung der Interessen niedergelassener Dermatologen durch den Bundesfachgruppen-Obmann Johannes Neuhofer thematisiert mit der daraus resultierenden Gründung eines Berufsverbandes. Obwohl (oder gerade weil) die aktuelle Generalsekretärin Gudrun Ratzinger und ich an einer Klinik arbeiten, möchten wir die Zusammenarbeit mit den niedergelassenen Dermatologen besonders pflegen.

Welche zukünftigen Herausforderungen sehen Sie für die Fachgesellschaft bzw. für Ihr Fach?

Die größte Herausforderung sehe ich in der Wahrnehmung unseres Faches von außen. In Zeiten knapper Finanzen kann es passieren, dass die Versorgung im Gesundheitssystem besonders dort eingeschränkt wird, wo weniger bedrohliche Krankheitsbilder wahrgenommen werden. Deshalb müssen wir an dem Bild unseres Faches bei den anderen Spezialitäten und in der Öffentlichkeit arbeiten und die Dermatologie entsprechend praktizieren. Es muss klar sein, dass die Expertise des Dermatovenerologen für schwerwiegende Hautkrankheiten inklusive Systemkrankheiten unabdingbar ist (Dermatoonkologie, HIV/STD, Autoimmunkrankheiten, Dermatochirurgie, Dermatogenetik etc.) und die Dermatologie andererseits zur Lebensqualität wesentlich beitragen kann, nämlich durch die Behandlung besonders quälender Hautkrankheiten. Neben unserer Position im Konzert der medizinischen Sonderfächer ist die Bewusstseinsbildung bei den Entscheidungsträgern von großer Bedeutung.
Schlecht wäre es, wenn sich klinische und wissenschaftliche Dermatologie voneinander separieren. Im Gegenteil müssen gemeinsame Wege gesucht werden. Ich sehe die Förderung des klinischen und wissenschaftlichen Nachwuchses als Überlebensfrage für unser Fach.

Welche besonderen Forschungsleistungen bzw. Projekte kann speziell die österreichische Dermatologie vorweisen?

Die österreichische Dermatologie kann gewaltige Forschungsleistungen vorweisen. Sie ist in der internationalen Forschungslandschaft bestens integriert und anerkannt. Die Dermatologie erlebt umwälzende Fortschritte in Diagnostik und Therapie. Vieles hat in die Klinik Einzug gehalten und ist in den letzten Jahrzehnten Realität geworden, was früher unvorstellbar oder ein Wunschtraum war. Die immunologische Grundlagenforschung, die in Österreich über Jahrzehnte konsequent verfolgt wurde, ist eine wichtige Basis dafür. Die heute zum Alltag gewordenen, früher unvorstellbaren Erfolge in der Therapie des metastasierenden Melanoms, der Psoriasis und zuletzt auch der atopischen Dermatitis sind exzellente Beispiele hierfür.

Ein guter Teil der Forschung findet an Universitätskliniken statt. Gibt es hier Schwerpunktsetzungen an den verschiedenen Unikliniken?

Natürlich gibt es Schwerpunktsetzungen an den verschiedenen Universitätskliniken Österreichs. Zum Beispiel existieren in Wien Schwerpunkte in Immunologie, Dermatoonkologie, Keratinozytenbiologie und Endothelzellforschung, in Graz Allergologie, Psoriasis und Photodermatologie, in Salzburg Epidermolysis bullosa und Gentherapie, in Innsbruck schließlich Immunologie und Keratinozytenbiologie (Verhornungsstörungen), um nur einiges zu nennen.

Wie ist es um Forschungsnetzwerke/Kooperationen innerhalb Österreichs bzw. Europas bestellt?

Beispielgebende Netzwerke/Kooperationen sind das von Prof. Peter Wolf aus Graz geleitete Psoriasis Registry Austria (PsoRA) und die von Prof. Robert Zangerle aus Innsbruck geleitete Österreichische HIV-Kohortenstudie (OEHIVKOS). Auch die Arbeitsgemeinschaften und Arbeitsgruppen der ÖGDV bilden wichtige Kristallisationspunkte nationaler Kooperationen. Nicht zuletzt dienen die seit 2016 eingeführten ÖGDV-Forschungstage (Science Days) als neues Forum für nationale Forschungskooperationen und Koorperationen, die besonders die jungen Nachwuchsforscher ansprechen. Die genannten sind nur exemplarisch, es gibt noch viele weitere.
Auf europäischer Ebene sind die European Reference Networks (ERN) für seltene Krankheiten in der Etablierungsphase, ein entsprechender Antrag für ein ERN zum Thema Genodermatosen wurde kürzlich von der EU anerkannt. Die European Society of Dermatological Research (ESDR), der ich derzeit als Präsident vorstehen darf, bietet für die dermatologische Forschung Europas eine hochkarätige Plattform, die im Jahr 2017 erfreulicherweise auch wieder nach Österreich kommt (27.–30. September in Salzburg). Über die ESDR, die EADV und zahlreiche wissenschaftliche­ und klinische Kooperationen sind österreichische Kollegen auf Europaebene und darüber hinaus vernetzt. Die Rolle der österreichischen Dermatologie auf internationaler Ebene zeigt sich auch darin, dass der EADV-Kongress – der größte europäische Kongress der Dermatologie – 2020 bereits zum dritten Mal in Wien stattfinden wird.

Von der Forschung zum ärztlichen Alltag: Wie beurteilen Sie die dermatologische Versorgung in Österreich?

Fraglos gehört Österreich zu den Ländern mit einer hohen Dermatologendichte bezogen auf die Population. Wie in anderen Ländern werden auch in Österreich nicht für alle Leistungen die Kosten übernommen. Wir erleben das Phänomen einer zunehmenden Wahlarztdichte. Hier muss auf mehreren Ebenen strategisch geplant und gehandelt werden.

Wie sehen Sie die Zusammenarbeit zwischen niedergelassenen Dermatologen/Zuweisern und Spezialzentren?

Hierzu liegen keine systematischen Datenerhebungen vor. Ich halte es für ungemein wichtig, dass die Zuweisung von niedergelassenen Dermatologen an die Kliniken und Spezialzentren möglichst direkt und unkompliziert geschieht. Ich glaube, die größten Verbesse
rungen liegen im Abbau von Bürokratie und in direkten Zugangswegen.

Gibt es seitens der Dermatologie Anliegen oder gesundheitspolitische Forderungen?

Es muss bewusst gemacht werden, dass dermatologische Krankheitsbilder häufig sind. Sehr viele Menschen, die zum Arzt gehen, tun dies wegen einer Hautproblematik. Im Lancet wurde publiziert, dass in Bezug auf die sogenannten Disability-Adjusted Life Years (DALYs) Hautkrankheiten in der ersten Lebenshälfte zu den Top 10 sämtlicher Erkrankungen des Menschen gehören, was neben der Häufigkeit auch die Ernsthaftigkeit von Hauterkrankungen unterstreicht. Wir fordern deshalb exzellente Ausbildung und Forschung in unserem Fachgebiet. Außerdem gilt es, das Bewusstsein für Hauterkrankungen bei Allgemeinmedizinern zu steigern. Leider ist das mit der neuen Ausbildungsordnung gegenläufig, in der für Allgemeinmediziner die dermatologische Rotation nur mehr ein Wahlfach darstellt. Die ÖGDV hat sich stets vehement gegen diese Entwicklung gewehrt und fordert weiterhin eine obligate dermatologische Ausbildung aller Allgemeinärzte.
Der im vergangenen Jahr gegründete Berufsverband, dessen Leiter einen Sitz im ÖGDV-Präsidium innehat, bearbeitet die gesundheitspolitischen Interessen der niedergelassenen Dermatologen in Österreich, darunter die Förderung der Arbeitsbedingungen aller Fachärzte für Haut- und Geschlechtskrankheiten und die Begleitung der Ärztekammer bei Honorarverhandlungen.
Selbstverständlich verfolgt die ÖGDV die geplanten Reorganisationen im Spitalsbereich. Im KAV laufen Verhandlungen, wie spitalsgebundene dermatologische Versorgungsformen sinnvoll neu gestaltet werden können. Eine zu starke Zentralisierung würde die dermatologische Versorgung der Patienten, insbesondere jener mit schweren oder systemischen Hauterkrankungen, erheblich gefährden. Auch sollten dermatologische Abteilungen keineswegs von anderen Fachdisziplinen der Medizin isoliert werden. Unsere Interaktion mit Allgemeinmedizin, Interne, Chirurgie, Neurologie und anderen medizinischen Fächern ist essenziell. Wir müssen unsere Behandlungsergebnisse objektivierbar machen, uns an rationalen Wissenschaftskriterien messen.
An uns liegt es, als beste und erste Ansprechpartner in allen unseren Expertisefeldern zu fungieren, neben vielem anderen exemplarisch auch in der Wundbehandlung. Die Arbeitsgruppen der ÖGDV kämpfen für diese Qualität und Vorreiterrolle in den verschiedenen Teilbereichen.

Jungmediziner beklagen oft schlechte Ausbildungsbedingungen. Wie ist es im Bereich der Dermatologie um den Nachwuchs bestellt?

Obwohl es in der Dermatologie und Venerologie im Vergleich zu anderen medizinischen Fächern weiterhin viele Bewerber gibt, treten junge Ärzte bei der Fach- und Stellenwahl sehr (selbst-)bewusst auf und achten auf die Qualität der Ausbildungsangebote. Als Antwort darauf verbessern die Ausbildner die Attraktivität ihrer Ausbildungsrotationen, soweit das die Strukturen zulassen.
Es wäre zu begrüßen, wenn zukünftig auch Leistungen in der Lehre akademische Karrieren ermöglichen. Dieser Karriereweg könnte an den Universitäten mehr gefördert werden. Schließlich ist der wissenschaftliche Nachwuchs für unser Fach ganz besonders wichtig. Die ÖGDV hat kürzlich durch die Schaffung der ÖGDV-Forschungstage (Science Days) ein Zeichen gesetzt.
Eine gleichzeitige Ausbildung in klinischer Dermatologie und die Erbringung von Forschungs- und Lehrleistungen ist nach wie vor eine große Herausforderung. Die Gruppe derjenigen, die gewillt und motiviert sind, sowohl als Ärzte als auch als Wissenschaftler tätig zu sein (Clinician Scientist), ist nicht groß genug. Unsere Ausbildungspläne müssen dafür gerüstet sein.

Abschließend: Was wünschen Sie sich für die Dermatologie in Zukunft?

Ich würde mir wünschen, dass die ­Dermatologie auch in Zukunft ihren wichtigen Beitrag zur Gesamtmedizin leistet und dabei die ­besonderen Möglichkeiten wissenschaftlicher Entdeckungen am Hautorgan verwirklicht.

Vielen Dank für das Gespräch!

Interview mit: Univ.-Prof. Dr. Matthias Schmuth

Leiter der Universitätsklinik für Dermatologie, Venerologie und Allergologie, Medizinische Universität Innsbruck; Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Dermatologie und Venerologie (ÖGDV)


AutorIn: Dr. Eva Maria Riedmann

SD 01|2017

Herausgeber: Univ.-Prof. Dr. Hubert Pehamberger, Univ.-Prof. Dr. Rainer Kunstfeld
Publikationsdatum: 2017-03-07