Körperliche Aktivität, Sport und Schmerz

Es gibt zunehmend hochwertige Studien, die die positiven Auswirkungen von körperlicher Aktivität sowie von Übungsprogrammen auf den menschlichen Organismus und im Besonderen auch auf den Bewegungsapparat belegen. Bewegung, körperliche Aktivität und Sport sind wichtige Komponenten einer nichtmedikamentösen Therapie von Verletzungen, Erkrankungen und funktionellen Störungen des Bewegungsapparates.

Körperliche Aktivität ist definiert als jede Art von körperlicher Bewegung, hervorgerufen durch die Aktivität der quergestreiften Muskulatur, verbunden mit einem Energieverbrauch.

Körperliches Training kann als Untergruppe von körperlicher Aktivität aufgefasst werden, die geplant, strukturiert und durch Wiederholungen gekennzeichnet ist, mit dem Ziel, die körperliche Leistungsfähigkeit zu erhalten oder zu verbessern.

Bewegung ist als Überbegriff aufzufassen, der je nach Zielsetzung – strukturiert und geplant als Training oder ungeplant und unstrukturiert im Lebensalltag – umgesetzt wird.

Unter Sport wiederum verstehen wir ebenfalls Bewegungsaktivitäten unter besonderen Rahmenbedingungen.

Warum Bewegung?

Leben heißt Bewegung – in allen Bereichen, das heißt im physischen (körperlichen), im mentalen (seelisch-psychischen) und auch im sozialen Bereich. Im Sinne der heute zunehmend an Bedeutung gewinnenden „ganzheitlichen Betrachtungsweise“ des Patienten nach dem biopsychosozialen Modell muss die Bewegung als ein wesentlicher „Gesundheitsfaktor“ betrachtet werden. Körperliche Bewegung oder Sport haben großen Einfluss – auch auf andere Bereiche. So steigt bei Erhöhung der physischen Aktivität zum Beispiel die Durchblutung des Gehirnes deutlich an, was auch zu einer Verbesserung der Leistungsfähigkeit des Gehirnes beiträgt. Gute körperliche Fitness wirkt sich auch sehr positiv auf die psychische und soziale Fitness aus. Dies bedeutet eine bessere Teilnahmefähigkeit an den Alltagsaktivitäten und damit eine Erhöhung der Lebensqualität, was sich besonders im Alter auswirkt und die Pflegebedürftigkeit hinausschiebt.

„Schmerzmedikament“ Bewegung

Bewegung und körperliche Aktivitäten stellen aber auch, wenn sie in adäquater Dosierung und bei richtiger Indikation angewandt werden, ein hervorragendes „Schmerzmedikament“ dar. Das „Schmerzmedikament“ Bewegung kann über lange Zeit, ja lebenslang ohne schädliche Nebenwirkungen gegeben werden und ist ein wesentlicher Faktor einer gesunden Lebensführung. Schmerz und Sensomotorik stehen zueinander in vielfältiger Wechselbeziehung. Die Komplexität des sensomotorischen Systems und des Bewegungsverhaltens sowie die Komplexität des nozizeptiven Systems mit der multidimensionalen Natur der Schmerzempfindung sind eng miteinander vernetzt. So sind die Schmerzbahnen und die Leitungsbahnen der Tiefensensibilität verzahnt und beeinflussen sich gegenseitig.
Bei Steigerung der körperlichen Aktivitäten kommt es generell gesehen zu einer Verschiebung vom Vagus zum Sympathikus. Dies geht mit einer Steigerung der Muskulatur des Bewegungsapparates, einer Erhöhung der Konzentrationsfähigkeit, einer Erhöhung der Schmerzschwelle sowie Veränderungen vieler Funktionsabläufe, die allesamt dazu beitragen, den Organismus leistungsfähiger und belastbarer machen, einher.
Die Wirkung von Bewegung und körperlicher Aktivität auf den menschlichen Organismus muss immer als ganzheitlicher Prozess aufgefasst werden. Um dem Lebensprinzip „Anpassung“ gerecht zu werden, muss jeder Organismus bzw. jede Zelle immer wieder gereizt (Stress, Belastung) und ermüdet werden. Auf diese Belastungsphase muss dann jedoch immer eine Ruhephase anschließen, in der sich der Organismus wieder erholt. Ist die Pause lang genug, steigt die Leistungsfähigkeit auf einen höheren Wert (Superkompensation). Die nächste Belastung setzt dann schon auf einer höheren Stufe an. Der Organismus ist belastbarer geworden. Wir sprechen hier von einer positiven und gewünschten Anpassung (positiver Stress – Würze des Lebens). War die Erholungsphase (Ruhephase) zu kurz, kann keine Anpassung erfolgen, und die Belastbarkeit nimmt ab (dieser Stress macht krank). Zu geringe Belastungsreize, insbesondere eine Immobilisierung jeglicher Art bewirkt immer einen Abbau von Substanz und von Belastbarkeit. Der auf das Individuum bezogene und adäquate Wechsel von Belastung und Entlastung, von Anspannung und Ruhe stellen die Grundlage einer für den Lebensalltag notwendigen Belastbarkeit und Gesundheit dar.

Was bewirkt das „Medikament“ Bewegung?

Bewegung muss immer im Sinne einer ganzheitlichen Behandlung des Menschen gesehen werden. Körperliche Aktivität steigert die Durchblutung, erhöht die Regenerationsfähigkeit, senkt das Schmerzempfinden, fördert die Ausschüttung von Endorphinen, wirkt antidepressiv sowie Burn-out-hemmend und bewirkt vieles andere mehr, das dazu dienlich ist, gesund, beweglich und leistungsfähig zu bleiben. Gäbe es ein Medikament, das dies alles kann und das noch dazu nebenwirkungsfrei wäre – es wäre unbezahlbar.

Wie gehen Menschen mit Schmerzen um?

Hier müssen eigentlich drei Gruppen von Menschen unterschieden werden. Nichtsportler, Sportler und Leistungssportler.

Nichtsportler: Bewegung lindert hier die Schmerzsymptomatik am Bewegungsapparat sofort. Zum Beispiel kommt es häufig nach längerem, vorwiegend nach statischem Sitzen am Computer, zu einer Minderdurchblutung der Nackenmuskulatur. Dies führt zu einem Hypertonus und zu Schmerzen. Der Schmerz ist hier der Warnschrei einer an und für sich gesunden Muskulatur. Körperliche Aktivität verbessert die Durchblutung, und die Beschwerden verschwinden. Anders verhält es sich bei einem Muskelfaserriss. Hier schützt der unmittelbar nach der Verletzung auftretende Schmerz im Sinne einer vorübergehenden Immobilisierung vor weiterer Überlastung. Es kann und sollte aber auch hier die Ruhigstellung so kurz wie möglich sein und mit dem Einsatz des „Medikamentes“ Bewegung wieder schnell begonnen werden.

Sportler können vorwiegend am Bewegungsapparat auftretende Schmerzen besser verarbeiten, da es bei sportlichen Aktivitäten eben öfters zum Auftreten diverser Beschwerden kommt. Man kennt die Ursachen dieser Schmerzen, und dadurch werden die Ängste, die bei jeder Schmerzwahrnehmung auftreten, wesentlich besser verarbeitet und beherrscht. Der häufigere Umgang mit dieser Art von Schmerzen führt zu einer positiveren Wahrnehmung und zu einer besseren ganzheitlichen Verarbeitung.

Leistungssportler sind Spezialisten im Umgang mit Bewegungsschmerzen. Während des Trainings und insbesondere während des Wettkampfes ist der Adrenalinspiegel so hoch, dass Schmerzen nicht wahrgenommen werden. Hier wird die immense Überdosierung des „Schmerzmedikamentes“ Bewegung toleriert. Dies ist schädlich, hat mit Therapie nichts zu tun und zeigt eindrücklich, dass Hochleistungssport eben kein Gesundheitssport sein kann und dass hier die üblichen Therapie- und Präventionsprinzipien nicht gelten.

Zusammenfassung

Zwischen körperlicher Aktivität, Bewegung, Sport und Schmerz bestehen zahlreiche Interaktionen, die in einem sehr komplexen Zusammenhang stehen und sich gegenseitig intensiv beeinflussen. Das „Schmerzmedikament“ Bewegung ist integraler Bestandteil einer multimodalen Schmerztherapie. Es steht auf Augenhöhe mit der medikamentösen Therapie in einer ganzheitlichen individuellen Betreuung von Schmerzpatienten, und zudem stellt körperliche Aktivität einen wesentlichen Faktor im Rahmen einer gesunden Lebensführung dar.

 

Literatur beim Verfasser
AutorIn: Univ.-Prof. Mag. DDr. Anton Wicker, MSc

Medizinisches Zentrum Bad Vigaun


UIM 09|2019

Herausgeber: o. Univ.-Prof. Dr. Günter J. Krejs
Publikationsdatum: 2019-11-28