Der renommierte US-Kardiologe und Digital-Health-Experte Eric Topol plädiert in einer aktuellen Analyse leidenschaftlich dafür, künstliche Intelligenz (KI) zum Standard für jede Mammographie zu machen. Angesichts einer Fehlerquote von etwa 20 % bei der herkömmlichen radiologischen Befundung*. sieht Topol in der KI ein Werkzeug mit „superhumaner Performance“ – digitale Augen, die Dinge sehen, die Menschen verborgen bleiben.
Überlegene Detektion und Effizienz
Die wissenschaftliche Basis für Topols Forderung ist eine „beeindruckende Menge an Evidenz“. Besonders die schwedische MASAI-Studie mit über 105.000 Teilnehmerinnen markiert nach Ansicht des Experten einen Wendepunkt: Die KI-unterstützte Befundung steigerte die Krebsdetektionsrate in der Screening-Phase um 29 %, während die Arbeitsbelastung für Radiolog:innen um 44 % sank.
Topol betont: „Es ist an der Zeit, KI als Ergänzung für alle Mammographien einzuführen“. Ein entscheidender klinischer Vorteil ist dabei, dass die Rate falscher Positivbefunde (Recall-Rate) in Studien wie MASAI trotz der höheren Sensitivität nicht anstieg.
Von der Diagnose zur Prädiktion
Ein Kernpunkt von Topols Argumentation ist der Wandel von der reinen Detektion zur echten Prävention. Moderne Algorithmen wie CLARITY Breast oder MIRAI können das Risiko für die Entwicklung von Brustkrebs in den nächsten fünf Jahren aus einem derzeit unauffälligen Mammogramm vorhersagen.
Frauen, die von der KI als hochrisikoreich eingestuft wurden, zeigten eine vierfach höhere Krebsinzidenz als der Durchschnitt (5,9 % vs. 1,3 %). Topol sieht hier die Chance für personalisierte Screening-Intervalle und den gezielten Einsatz von MRT oder Ultraschall, noch bevor ein Tumor sichtbar wird.
Der „2-für-1“-Vorteil für die Herzgesundheit
Ein innovativer Aspekt ist das Screening auf Brustarterienverkalkungen (BAC). Da Herzerkrankungen die führende Todesursache bei Frauen sind, bietet die KI hier einen wertvollen Zusatznutzen. Schwere Verkalkungen korrelieren mit einem um 91 % höheren Risiko für schwerwiegende kardiovaskuläre Ereignisse.
Implementierungshürden
Trotz der Datenlage kritisiert Topol bestehende Hürden, insbesondere zusätzliche „Out-of-Pocket“-Kosten für Patientinnen in den USA. Er fordert, die Software direkt in den Befundungsprozess zu integrieren, um Kosten durch frühere Diagnosen (Stadium 1 statt 3) massiv zu senken.
Topol schließt mit einer zentralen Frage: „Warum bieten wir nicht allen Frauen die besten verfügbaren Informationen über ihr Risiko und die Früherkennung an? Wenn nicht jetzt, wann dann?“. Die vorliegenden Daten seien so zwingend, dass KI den neuen Versorgungsstandard definieren müsse.
*Quelle: NCI (National Cancer Institute (USA)).
Anm.: In Europa wird die Rate an falsch-negativen Befunden aufgrund der Doppelbefundung und der hohen Qualitätsstandards im Rahmen von Screening-Programmen auf zwischen 10 und 15 Prozent geschätzt.