Ruf nach Reformen in der Pflege

© Seventyfour – stock.adobe.com

Pflegeorganisationen sehen die Versorgungsqualität gefährdet und warnen langfristig vor höheren Kosten im Gesundheitssystem. Am 12. Mai ist internationaler „Tag der Pflege“.

Der Österreichische Gesundheits- und Krankenpflegeverband (ÖGKV) warnt vor einer zunehmenden De-Professionalisierung der Pflege. Mit dem Einsatz von weniger qualifiziertem Personal bei gleichzeitiger Einschränkung professioneller Kompetenzen gefährde man die Versorgungsqualität, hieß es am Wochenende. Wenn man an der Qualifikation spart, spare man am falschen Ende, erklärte ÖGKV-Präsidentin Elisabeth Potzmann auf einer Pressekonferenz im Vorfeld des „Tags der Pflege“ am 12. Mai. Die Folgekosten würden somit höher, während gleichzeitig die Qualität sinke und die Belastung für Patient:innen sowie Angehörige steigen würde. Potzmann verwies auch neuerlich auf Forderungen wie nach einer Kompetenzausweitung etwa bei der Medikamentenverschreibung durch diplomierte Kräfte.

Vorgestellt wurde auch eine aktuelle Umfrage des Meinungsforschers Peter Hajek im Auftrag des ÖGKV, demnach würde zwar eine knappe Mehrheit (56 Prozent) die Versorgung pflegebedürftiger Menschen in Österreich als „gut“ beurteilen – „noch“, wie Hajek betonte. Gleichzeitig hält jedoch rund ein Drittel die Versorgung für „eher schlecht“. Noch deutlicher ist die Verunsicherung mit Blick in die Zukunft: Nur etwa ein Drittel der Bevölkerung hat Vertrauen, dass die Politik die Pflege langfristig sicherstellen kann, während 65 Prozent „wenig“ oder „gar kein“ Vertrauen haben. Zudem mache sich eine klare Mehrheit Sorgen, im Pflegefall nicht ausreichend versorgt zu werden, hieß es. Mit der selbst oder in der Familie in der Vergangenheit schon erfahrenen Pflege ist die Zufriedenheit hingegen hoch: 80 Prozent gaben an, „sehr“ oder „eher“ zufrieden gewesen zu sein.

Besondere Kritik äußerte ÖGKV-Präsidentin Potzmann einmal mehr am „politischen Nichthandeln“ bei der geplanten Arzneimittelverschreibung durch Pflegefachpersonen. Konkret geht es dabei um das Ermöglichen der „Verschreibung“ von rezeptfreien OTC-Medikamenten durch diplomierte Pflegekräfte. Auch diplomierten Pflegekräften ist das eigenständige Besorgen und Weitergeben derartiger Medikamente derzeit nicht gestattet. Benötigt beispielsweise ein Heimbewohner ein in der Apotheke ohne Rezept erhältliches Kopfwehmittel, so muss das von einem Arzt verordnet werden – was mühsame Wege und Bürokratie nach sich zieht.

Ausständig ist dazu eine neue Arzneimittelverordnung, für die bereits im Herbst 2025 eine neue Medikamentenliste für diplomierte Gesundheits- und Krankenpflegepersonen (DGKP) angekündigt worden war. Zur Frage, wer hier säumig sei, sagte Potzmann, es sei ja festgehalten, dass es zur Umsetzung der Verordnung die Zustimmung sowohl der Ärztekammer als auch des Gesundheitsministeriums brauche – „das liegt beides nicht vor“. Hajek verwies darauf, dass laut der Umfrage rund zwei Drittel der Bevölkerung die Idee unterstützen, dass Pflegekräfte bestimmte Medikamente verschreiben dürfen. Ähnlich viele vertrauen demnach darauf, dass dies verantwortungsvoll erfolgt. Hier würden vorhandene Kompetenzen nicht genutzt, so Potzmann. Damit werde Innovation gebremst und Entlastung verhindert, was bei der hoch qualifizierten Berufsgruppe auch zu Frustration führe.

Gleichzeitig drängte sie darauf, dass derzeit delegationspflichtige Tätigkeiten in eigenverantwortliche Berufsausübung umgewandelt werden, etwa beim Wundmanagement oder bei einfachen Tests wie Blutzuckermessungen. Hierbei braucht es aktuell jeweils die Anordnung durch einen Arzt, das verursache „unnötige Reibungsverluste“. Die aktuelle Entwicklung sei aus volkswirtschaftlicher Sicht „nicht nachhaltig“. Wenn qualifizierte Pflege zurückgedrängt wird, würden an anderer Stelle höhere Kosten im System entstehen, etwa durch vermeidbare Komplikationen, verwies der ÖGKV etwa auf Stürze, Infektionen, Druckgeschwüre oder Medikationsfehler. Diese können zu längeren Aufenthalten und häufigeren Wiederaufnahmen führen.

Die Gewerkschaften GÖD-Gesundheitsgewerkschaft und younion forderten am Donnerstag Anreize für Vollzeitarbeit, die Existenzsicherung für Auszubildende und auch die Umsetzung sowie Ausweitung der Schwerarbeitsregelung. Man begrüße zwar die Berücksichtigung der Pflege im Doppelbudget, entscheidend sei jedoch, wie die Mittel eingesetzt werden und ob sie bei den Beschäftigten tatsächlich ankommen, hieß es in einer Aussendung. Als Maßnahmen schlagen die Gewerkschaften steuerliche Anreize ab der 32. Stunde vor, sowie eine existenzsichernde Anstellung aller Auszubildenden im Gesundheitsbereich. Studien würden bestätigen, dass viele Beschäftigte im Gesundheitswesen bereit wären, ihre Arbeitszeit zu erhöhen, „wenn sich das im Netto besser auswirken würde“, hieß es.

Bei der Schwerarbeitsregelung fordert die Gewerkschaft, dass die Regelung auf weitere Berufsgruppen ausgeweitet werden soll. Zwölf Arbeitstage im Schichtdienst müssten für die Schwerarbeitsanerkennung reichen – „egal für welche Berufsgruppe“, so Reinhard Waldhör, Vorsitzender der GÖD-Gesundheitsgewerkschaft. Auch der Pflegebonus müsse über 2028 hinaus durch den Bund abgesichert werden. „Wer die Versorgung absichern will, muss dafür sorgen, dass Menschen gerne in diesen Berufen arbeiten, länger gesund bleiben und für ihre Leistung die angemessene Anerkennung bekommen“, sagte auch Edgar Martin von der younion. (rüm/APA)