Toolkit: Intimität und Sexualität in der Onkologie-Pflege

Intimität ist ein zentraler Bestandteil menschlicher Lebensqualität – auch im Kontext einer Krebserkrankung. Dennoch wird sie im klinischen Alltag häufig nicht thematisiert.1 Ein innovativer Ansatz zur Enttabuisierung und strukturierten Integration dieses Themas in die Pflegepraxis ist die Entwicklung einer sogenannten „Intimitätsbox“.

Intimität im onkologischen Kontext: mehr als Sexualität

Im Kontext onkologischer Erkrankungen umfasst Intimität weit mehr als Sexualität. Sie beinhaltet Aspekte wie Körperbild, Selbstwahrnehmung, Nähe, Berührung, Partnerschaft sowie persönliche Grenzen und Identität. Dieses Verständnis entspricht einem biopsychosozialen Modell von Sexualität, das körperliche, psychische und soziale Dimensionen integriert.2
Krankheits- und therapiebedingte Veränderungen – etwa durch Operationen, Einnahme von oralen Tumortherapien oder Nebenwirkungen wie Fatigue oder Libidoverlust – können diese Dimensionen erheblich beeinflussen. Sexualitätsbezogene Veränderungen treten bei einem Großteil der Patient:innen auf und umfassen unter anderem verminderte Libido, Körperbildveränderungen und Beeinträchtigungen in Partnerschaften.2
Studien zeigen, dass Veränderungen der Intimität eng mit der Lebensqualität und psychosozialen Belastung von Patient:innen verknüpft sind.3 Zudem stehen sexuelle Funktionsstörungen und belastete Intimität in Zusammenhang mit Partnerschaftsqualität und psychischem Wohlbefinden.4 Darüber hinaus kann die Auseinandersetzung mit sexuellen Nebenwirkungen sogar Einfluss auf Therapieentscheidungen und die Adhärenz haben.5
Trotz dieser Relevanz bleibt das Thema in der Versorgung häufig unberücksichtigt.

Tabuisierung im Pflegealltag: Barrieren auf beiden Seiten

Die Gründe für die mangelnde Thematisierung von Intimität sind vielschichtig. Patient:innen berichten häufig von Scham, Unsicherheit oder der Annahme, dass ihre Anliegen in diesem Bereich „nicht angebracht“ seien.5 Gleichzeitig fühlen sich viele Pflegepersonen nicht ausreichend vorbereitet, um Gespräche über Intimität aktiv anzustoßen.1

Zu den häufigsten Barrieren zählen:

  • fehlende Gesprächsanlässe im klinischen Setting
  • Unsicherheiten im Umgang mit sensibler Sprache
  • mangelnde strukturelle Verankerung des Themas in der Pflegepraxis
  • unklare Abgrenzung zwischen pflegerischer Beratung und therapeutischer Intervention

Zusätzlich spielen Zeitmangel, fehlende Ausbildung sowie persönliche oder kulturelle Hemmungen eine wesentliche Rolle.1
Dies führt dazu, dass ein zentraler Aspekt ganzheitlicher Pflege häufig unadressiert bleibt.

Die Intimitätsbox: niedrigschwellige Enttabuisierung

Um diese Versorgungslücke zu schließen, wird eine „Intimitätsbox“ entwickelt. Ziel ist es, Intimität als legitimen Bestandteil pflegerischer Versorgung sichtbar zu machen und sowohl Patient:innen als auch Pflegepersonen einen strukturierten, niederschwelligen Zugang zu diesem Thema zu ermöglichen.
Die Intimitätsbox wird berufsgruppenübergreifend entwickelt und soll nach einer Testphase sowie nach dem Einholen von Patientenfeedback über die AHOP bezogen werden.
Die Intimitätsbox fungiert dabei nicht nur als Materialsammlung, sondern als visuelles und inhaltliches Signal für Offenheit, Kompetenz und Gesprächsbereitschaft. Sie unterstützt Pflegepersonen darin, Gespräche zu initiieren, Unsicherheiten zu reduzieren und Patient:innen Orientierung zu bieten. Strukturierte Tools und Materialien gelten als wichtige Voraussetzung, um Sexualität systematisch in die Versorgung zu integrieren.1

Inhalte der Intimitätsbox

Die Intimitätsbox kombiniert mehrere Elemente, die sowohl der Information als auch der Kommunikation dienen:

  • Factsheets für Patient:innen: leicht verständliche Informationen zu Veränderungen von Intimität, möglichen Unterstützungsstrategien und Ansprechpersonen
  • Factsheets für Pflegepersonen: fachliche Grundlagen, typische Veränderungen sowie Hinweise zur Gesprächsführung
  • Gesprächsstarter: kurze Impulse zur niederschwelligen Einleitung von Gesprächen
  • Kittelkarten: kompakte Leitfäden für den klinischen Alltag
  • Poster für Station/Ambulanz: visuelle Signale zur Enttabuisierung („Intimität ist Teil Ihrer Lebensqualität – sprechen Sie uns an.“)
  • Button für Pflegepersonen: sichtbares Zeichen von Ansprechbarkeit

Diese Kombination ermöglicht einen mehrdimensionalen Zugang – visuell, inhaltlich und kommunikativ.

Kommunikation als Schlüsselkompetenz: Ein zentrales Element der Intimitätsbox ist die Unterstützung von Pflegepersonen in der Gesprächsführung. Gerade in sensiblen Situationen kann ein strukturierter Zugang helfen, Sicherheit zu gewinnen und angemessen zu reagieren. Sogenannte Kitteltaschenkarten können Pflegepersonen unterstützen.
In der Tabelle sehen Sie ein Beispiel für den Inhalt einer Kitteltaschenkarte.
Die Forschung zeigt, dass strukturierte Kommunikationsansätze und regelmäßige Thematisierung von Sexualität entscheidend sind, da sich Patient:innen selten von sich aus äußern.5

Tab.: Gesprächsleitfaden zur Intimität in der onkologischen Pflege (eigene Darstellung)

Bedeutung für die onkologische Pflegepraxis

Die Integration von Intimität in die Pflege entspricht einem ganzheitlichen Pflegeverständnis und stärkt die patientenzentrierte Versorgung.
Durch die Intimitätsbox wird das Thema nicht nur enttabuisiert, sondern aktiv in den Pflegealltag eingebunden. Studien zeigen, dass strukturierte Interventionen, Schulungen und unterstützende Materialien die Kompetenz und Sicherheit von Pflegepersonen im Umgang mit Sexualität deutlich erhöhen.2 Gleichzeitig wünschen sich Patient:innen explizit mehr Information und eine proaktive Ansprache durch Gesundheitsfachpersonen.6

Langfristig kann die Auseinandersetzung mit Intimität dazu beitragen:

  • die Lebensqualität von Patient:innen zu verbessern
  • psychosoziale Belastungen zu reduzieren
  • die therapeutische Beziehung zu stärken.

Resümee

Intimität ist ein zentraler, jedoch häufig vernachlässigter Aspekt in der onkologischen Versorgung. Die Intimitätsbox bietet einen innovativen, praxisnahen Ansatz, um dieses Thema sichtbar zu machen und strukturiert in den Pflegealltag zu integrieren.
Durch die Kombination aus Informationsmaterialien, visuellen Signalen und Kommunikationshilfen sowie durch die berufsgruppenübergreifende Entwicklung mit anschließender Implementierung über die AHOP unterstützt die Intimitätsbox Pflegepersonen dabei, Intimität als selbstverständlichen Bestandteil ganzheitlicher Pflege zu adressieren.