Dem Ursprung auf der Spur: Stellenwert und Ablauf der Knochenmarkpunktion

Die Knochenmarkpunktion (KMP) zählt zu den zentralen diagnostischen Verfahren in der Hämatologie. Trotz erheblicher Fortschritte in der molekularen Diagnostik bleibt sie unverzichtbar, da sie einzigartige Einblicke in die Morphologie und Architektur des Knochenmarks ermöglicht.

Stellenwert und Indikationen

Die Knochenmarkpunktion stellt nach wie vor einen diagnostischen Grundpfeiler der Hämatologie dar, um lymphatische und myeloische Vorläuferzellen im Knochenmark untersuchen zu können. Sie kommt insbesondere dann zum Einsatz, wenn Veränderungen im peripheren Blutbild nicht eindeutig erklärbar sind. Dazu zählen beispielsweise unklare Zytopenien, Leukozytosen oder Thrombozytosen sowie der Nachweis atypischer oder unreifer Zellen im Blutausstrich. Auch bei klinischem Verdacht auf eine hämatologische Systemerkrankung, etwa bei Lymphadenopathie oder Splenomegalie unklarer Genese, liefert die Untersuchung oft entscheidende Hinweise.

Staging: Neben der Erstdiagnostik spielt die KMP eine zentrale Rolle im Staging, in der Prognoseabschätzung sowie in der Therapiekontrolle hämatologischer Erkrankungen. Gerade bei akuten Leukämien, myelodysplastischen Syndromen oder myeloproliferativen Neoplasien ist sie für eine exakte Diagnosestellung unerlässlich. Dennoch sollte die Indikation stets kritisch gestellt werden, da nicht jede Erkrankung zwingend eine Knochenmarkuntersuchung erfordert.

Durchführung und praktische Aspekte

Die Durchführung der Knochenmarkpunktion erfordert neben technischem Geschick vor allem eine sorgfältige Vorbereitung der Patient:innen. Nach ausführlicher Aufklärung erfolgt die Lagerung – üblicherweise in Seiten- oder Bauchlage– sowie die sterile Vorbereitung der Punktionsstelle. Die Punktion selbst wird in der Regel unter Lokalanästhesie durchgeführt; ergänzend empfiehlt sich eine Analgosedierung, um den Eingriff für die Patient:innen möglichst schmerzarm zu gestalten.
Auch gerinnungsrelevante Aspekte sollten im Vorfeld berücksichtigt werden. Orale Antikoagulanzien sollten nach Möglichkeit etwa 48 Stunden vor dem Eingriff pausiert werden. Bei dualer Plättchenhemmung ist eine Reduktion auf eine Monotherapie nach individueller Risikoabwägung anzustreben, wobei diese am Punktionstag fortgeführt werden kann. Bei ausgeprägter Thrombozytopenie unter 50.000/µl wird eine präprozedurale Substitution mittels Thrombozytenkonzentrat empfohlen.1
Nach einer kleinen Hautinzision wird die Punktionsnadel – meist im Bereich des hinteren Beckenkamms – vorsichtig bis zum Periost vorgeschoben. Anschließend erfolgt die Aspiration von Knochenmark, die von vielen Patient:innen als kurzzeitig unangenehm oder schmerzhaft empfunden wird. Ergänzend kann eine Biopsie (Stanze) entnommen werden, um die Knochenmarkarchitektur histologisch beurteilen zu können. Während des gesamten Eingriffs ist eine kontinuierliche und einfühlsame Kommunikation essenziell, um Angst zu reduzieren und die Kooperation der Patient:innen zu fördern.

Kontraindikationen: Absolute Kontraindikationen für eine geplante Knochenmarkpunktion sind eine fehlende Einwilligung, mangelnde Kooperationsfähigkeit, eine schwere kardiopulmonale Instabilität, eine nicht adäquat pausierte Antikoagulation sowie Infektionen im Bereich der Punktionsstelle. Relative Kontraindikationen umfassen insbesondere ausgeprägte Koagulopathien und Schwangerschaft, wobei in diesen Fällen eine individuelle Nutzen-Risiko-Abwägung erforderlich ist.

Probenqualität und diagnostische Möglichkeiten

Ein entscheidender Faktor für den diagnostischen Nutzen der Knochenmarkpunktion ist die Qualität der gewonnenen Probe. Eine rasche und korrekte Verarbeitung des Aspirats sowie artefaktfreies Biopsiematerial sind Voraussetzung für eine valide Beurteilung. Bereits kleine Fehler in der Handhabung können die Aussagekraft erheblich beeinträchtigen. Studien konnten belegen, dass eine geringe Aspiratmenge (2–3 ml) mit einer höheren Zellularität sowie einer geringeren Belastung der Patient:innen durch einen reduzierten Hämoglobinverlust einhergeht.2 Zudem sollte darauf geachtet werden, dass das Ausstrichpräparat unmittelbar nach der Aspiration erstellt wird und auf das Vorhandensein von Markbröckeln geprüft wird. Sind keine Markbröckeln ersichtlich, spricht man von einer sogenannten Punctio sicca, einer „leeren Punktion“. Bei bestimmten Erkrankungen ist das Knochenmark bereits stark hypozellulär, sodass eine flüssige Aspiration kaum möglich ist. In solchen Fällen kann die Stanze genutzt werden, um ein Abrollpräparat zu erstellen. Dabei ist darauf zu achten, dass dieses möglichst unfragmentiert entnommen wird und eine Länge von mindestens 1,5 cm aufweist.

Die diagnostischen Möglichkeiten sind vielfältig: Neben der klassischen morphologischen Beurteilung kommen zunehmend moderne Verfahren wie Durchflusszytometrie, zytogenetische Analysen und molekulargenetische Untersuchungen zum Einsatz. Erst das Zusammenspiel dieser Methoden ermöglicht eine umfassende Charakterisierung hämatologischer Erkrankungen und bildet die Grundlage für individualisierte Therapieentscheidungen (Tab.).

Tab.: Probengewinnung und Diagnostik

Nachsorge, Sicherheit und Komplikationen

Nach dem Eingriff wird die Punktionsstelle komprimiert und auf mögliche Nachblutungen kontrolliert. Insgesamt gilt die Knochenmarkpunktion als sicheres Verfahren mit einer niedrigen Komplikationsrate. Am häufigsten treten lokale Schmerzen oder kleinere Hämatome auf, während schwerwiegende Komplikationen wie Infektionen oder relevante Blutungen sehr selten sind.3
Entscheidend für die Sicherheit ist eine sorgfältige Patientenauswahl, die Berücksichtigung von Kontraindikationen sowie ein strukturiertes Vorgehen während des Eingriffs. Auch die interprofessionelle Zusammenarbeit zwischen Ärzt:innen und Pflegepersonal trägt wesentlich zur Qualität und Sicherheit bei.

Klinische Relevanz und Ausblick

Mit Blick auf die Zukunft zeichnen sich neue Entwicklungen in der hämatologischen Diagnostik ab. Moderne Technologien wie die Liquid Biopsy oder KI-gestützte Analyseverfahren könnten die bestehende Diagnostik ergänzen und in ausgewählten Fällen möglicherweise auch ersetzen. Eine Studie aus Innsbruck konnte beispielsweise zeigen, dass molekulargenetische Analysen aus dem peripheren Blut eine hohe Übereinstimmung mit entsprechenden Untersuchungen aus dem Knochenmark aufweisen.4 Zukünftig könnten daher zunehmend Erkrankungen bereits aus peripherem Blut diagnostiziert werden, wodurch Patient:innen in bestimmten Fällen eine invasive Knochenmarkpunktion erspart bleiben könnte.5
Dennoch ist davon auszugehen, dass die Knochenmarkpunktion auch langfristig eine zentrale Rolle in der Hämatologie behalten wird, insbesondere für komplexe diagnostische Fragestellungen.

Resümee

Die Knochenmarkpunktion bleibt trotz moderner diagnostischer Entwicklungen ein unverzichtbares Verfahren in der Hämatologie. Sie liefert entscheidende Informationen, die durch andere Methoden allein nicht vollständig ersetzt werden können. Eine sorgfältige Indikationsstellung, eine hohe technische Qualität sowie eine enge interprofessionelle Zusammenarbeit bilden die Grundlage für eine sichere und aussagekräftige Diagnostik.