Coronavirus verschärft Lieferengpässe bei Medikamenten

Das Coronavirus SARS-CoV-2 hat das Potenzial, das bisherige Denken über die internationale Pharmaproduktion, globale Wertschöpfungsketten und Arzneimittelpreise nachhaltig zu verändern. Die Entwicklungen um das Virus zeigen die Schwächen der bestehenden Situation deutlich auf: die Abhängigkeit von China und Asien insgesamt sowie von wenigen Herstellern und die Konzentration auf Forschung auf der einen Seite und Marketing und Vertrieb auf der anderen. Die Produktion selbst wird möglichst ausgelagert und konzentriert.

Knappheit ab dem 3. Quartal

Wegen des Coronavirus könnte es aber nun zu neuen Lieferschwierigkeiten bei Medikamenten kommen, fürchtet etwa der deutsche Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU). Ähnlich argumentiert auch der Österreichische Gesundheitsminister Rudolf Anschober. Der Geschäftsführer des schweizerischen Verbandes Intergenerika, Axel Müller, betont, dass Generikahersteller in der Schweiz die aktuell ausbleibenden Lieferungen aus dem Reich der Mitte zwar dank Vorräten noch nicht spüren, spätestens im 3. Quartal des Jahres würde sich die bereits bestehende Medikamentenknappheit aber verschärfen, falls China die Produktion und Lieferung von Wirkstoffen nicht wieder im gewöhnlichen Ausmaß aufnimmt. Auch Wolfgang Andiel vom heimischen Generikaverband sieht das so.

Abhängigkeit von China

Noch habe sich die Coronaepidemie in China nicht auf die Medikamentenversorgung ausgewirkt, sagte auch DI Dr. Christa Wirthumer-Hoche, Leiterin des Geschäftsfeldes AGES Medizinmarktaufsicht und Vorsitzende des EMA-Managementboards. Es zeige sich aber, wie abhängig Europa von Medikamentenlieferungen aus China sei, sagt sie. Wegen der verhängten Produktionsstopps in China drohen Wirkstoffe in Europa knapp zu werden, argumentieren auch Wirtschaftsanalysten. Wirkstoffe für Schmerzmittel, Antibiotika, Blutdruck-oder Cholesterinsenker werden fast nur noch in China hergestellt. Europa sei bis zu 80 % abhängig von der Wirkstoffproduktion in Asien, sagt Anschober. Hier gehe es wie das Beispiel Corona nun zeige, auch um europäische Sicherheitsfragen, betont der Minister. In China wird etwa der Großteil des globalen Antibiotikabedarfs erzeugt. Doch dort steht die Produktion derzeit still.

Initiative auf EU-Ebene

Anschober kündigte nun Schritte auf EU-Ebene an, um die Industrieproduktion wieder aus Asien zurückzuholen. Auch Wirtschaftsministerin Margarete Schramböck (ÖVP) will die Pharmaindustrie unabhängiger von China machen. „Es kann nicht sein, dass wir zum Beispiel im Bereich Antibiotika und des Penicillins darüber nachdenken, Produktionsstätten in Europa zu schließen“, sagte Schramböck vor dem EU-Wettbewerbsrat in Brüssel. Erst vor Kurzem hat sich der deutsche Apothekerverband ABDA am Rande seiner Fortbildungsveranstaltung in Österreich für eine verstärkte Arzneimittelproduktion in Europa ausgesprochen. Die für viele Wirkstoffe von häufig verschriebenen Arzneimitteln komplette Auslagerung der Pharmaproduktion nach Asien aus Preisgründen sollte rückgängig gemacht werden. Zwar würden sich damit die Preise erhöhen, aber das sei für die Versorgungssicherheit notwendig, wurde argumentiert.

Sanofi plant Wirkstoff-Firma

Erste Schritte in diese Richtung gibt es auch aufseiten der Arzneimittelhersteller: Der französische Pharmariese Sanofi hat etwa angekündigt, ein neues Unternehmen für Arzneimittelwirkstoffe mit Sitz in Frankreich zu schaffen. Die Firma entstehe aus der Zusammenführung von sechs Produktionsstätten des Konzerns, kündigte Sanofi an. Das neue Unternehmen solle aktive pharmazeutische Inhaltsstoffe für andere Firmen herstellen und vermarkten, teilte der Konzern mit. Das Unternehmen würde dazu beitragen, die Produktion sowie die Lieferkapazitäten in Europa und darüber hinaus zu unterstützen und zu sichern, sagte der Konzern. Ein solcher Wirkstoff-Champion könne einen Beitrag dazu leisten, die starke Abhängigkeit Europas gegenüber Asien auszubalancieren.

Sandoz friert die Preise ein

Der zum Pharmakonzern Novartis gehörende Generikariese Sandoz wiederum friert wegen des Coronavirus die Preise von rund 20 antiviralen Medikamenten und Antibiotika ein. Mit dem Schritt will das Unternehmen nach eigenen Angaben Preisanstiegen angesichts drohender Lieferengpässe bei aktiven Wirkstoffsubstanzen, die oft in China hergestellt werden, vorbeugen.

AutorIn: Martin Rümmele

Apo-K 05|2020

Herausgeber: Ärztekrone VerlagsgesmbH
Publikationsdatum: 2020-03-13