SARS-CoV-2: Was weiß man, was weiß man (noch) nicht?

Die Inkubationszeit wird mit 2–14 Tagen angegeben, im Durchschnitt mit 5 Tagen. Vor kurzem wurden 2 chinesische Untersuchungen publiziert, die in Einzelfällen auch längere Inkubationszeiten (24 Tage beziehungsweise 27 Tage) als möglich erachten. Was weiß man tatsächlich über die Inkubationszeit? Sind 24 oder 27 Tage als statistische Ausreißer zu erklären oder gibt es andere Erklärungen?

Monika Redlberger: Im Moment würde ich das als statistische Ausreißer sehen. Aus wissenschaftlicher Sicht gilt nach wie vor die in der Stellungnahme sowohl von WHO als auch ECDC angegebene Inkubationszeit von 2 bis 14 Tagen, das ist aus jetziger Sicht ausreichend. Die durchschnittliche Inkubationszeit liegt bei 5 Tagen.
Das Problem der von Ihnen angesprochenen Publikationen, die Einzelfälle von 21 oder 24 Tagen publizieren, liegt auch darin, dass ja nicht bekannt ist, ob diese Patienten nicht dazwischen noch andere Kontakte hatten, bei denen sie sich dann angesteckt haben.

Was weiß man zur Infektiosität des Virus? Von welcher MID ist auszugehen?

Hierzu sind die Forschungen erst im Laufen. Es ist im Augenblick noch zu früh, um Aussagen zur minimalen Infektionsdosis (MID) und zum R0-Wert machen zu können.

 

 

Virus: SARS-CoV-2
Erkrankung: COVID-19

Am 11. Februar wurde die offizielle Bezeichnung des Erregers von 2019-nCoV auf SARS-CoV-2 geändert. Die dadurch ausgelöste Erkrankung erhielt, wie die WHO verlautete, den offiziellen Namen COVID-19 (Coronavirus Disease 2019).

Warum ist das noch zu früh?

Weil derzeit die Dunkelziffer noch viel zu hoch ist. Die Rate der asymptomatisch Infizierten ist derzeit noch nicht bekannt. Dementsprechend ist es auch noch zu früh, um die MID oder den R0-Wert abschätzen zu können.

Gibt es Schätzungen für die Größenordnung des R0-Wertes?

Der R0-Wert sagt aus, wie viele Menschen durchschnittlich von einem Infizierten angesteckt werden. Masern ist mit einem R0-Wert von 12–18 eine hochinfektiöse Erkrankung, bei HIV liegt der R0-Wert bei 2, ebenso bei Influenza. Man sieht aus den derzeit verfügbaren Daten, dass SARS-CoV-2 wahrscheinlich infektiöser ist als Influenza, aber wie hoch der R0-Wert tatsächlich ist, ist Gegenstand der laufenden Forschung.

Von welcher Verweildauer auf kontaminierten Oberflächen ist auszugehen?

Das kommt auf die Umweltbedingungen an. Anfangs ging man von einem Bereich von nur einigen Stunden aus, mittlerweile ist davon auszugehen, dass es doch eher im Bereich von Tagen liegen dürfte. Generell können Viren umso länger an Oberflächen persistieren, je kälter es ist. Und je wärmer es ist, umso schneller werden sie inaktiviert. Bei kontaminierten Außenflächen bei winterlichen Temperaturen wird man daher von einer längeren Infektiosität ausgehen müssen als in Innenräumen bei Zimmertemperatur.

Es sind ja viele eher mildere Verläufe beschrieben, ebenso wie asymptomatische „Patienten“. Wie hoch wird die tatsächliche Erkrankungsrate nach einer Infektion geschätzt? Wie hoch die Rate an asymptomatisch Infizierten?

Nach derzeitigem Erkenntnisstand weiß man, dass etwa 80 Prozent der Infizierten entweder leicht oder gar nicht erkranken. Wie hoch die tatsächliche Rate an asymptomatisch Infizierten ist, lässt sich derzeit noch nicht beantworten, weil ja keine Abstriche bei asymptomatischen Menschen durchgeführt werden. Diese Daten werden jedoch nun, da das Virus in Europa Einzug gehalten hat, wahrscheinlich relativ bald verfügbar sein, weil mit den jetzt in Europa aufgetretenen Fällen ein intensives Contact Tracing erfolgt, Kontaktpersonen untersucht und Abstriche genommen werden. Erst mit diesen Daten wird erkennbar, welche Rate an asymptomatischen Verläufen es tatsächlich gibt. Wir warten hier auf erste Daten und Publikationen. Derzeit weiß man nur, dass größenordnungsmäßig 4 von 5 Infizierten entweder einen leichten respiratorischen Infekt haben oder asymptomatisch infiziert sind.

 

Klinische Manifestation assoziiert mit einer SARS-CoV-2-Infektion

  • milde Erkrankung der oberen Atemwege
  • milde Erkrankung der unteren Atemwege, gekennzeichnet durch milde Pneumonie
  • schwere Erkrankung der unteren Atemwege („SARI, severe acute respiratory infection“), gekennzeichnet durch schwere Pneumonie, ARDS und Sepsis

(AGES, abgefragt 27. 2)

 

Ab wann im Infektionsverlauf und wie lange gelten Erkrankte/Infizierte als infektiös?

Auch dazu laufen intensive Forschungen. Im Moment ist davon auszugehen, dass man 24 bis 48 Stunden vor Symptombeginn – wie bei jedem respiratorischen Infekt – schon Viren ausscheidet, sofern es einen Symptombeginn überhaupt gibt und der Betroffene nicht asymptomatisch bleibt.
Wie lange die Virusausscheidung erfolgt, ist offenbar unterschiedlich und abhängig vom Krankheitsverlauf. Wie die chinesischen Daten zeigen, waren 14 Tage Quarantäne für Erkrankte meist ausreichend, um negativ zu werden. Bei Patienten mit schweren Krankheitsverläufen hingegen waren Quarantänemaßnahmen von bis zu 7 Wochen notwendig. Erste europäische Daten deuten darauf hin, dass die Zeitspanne der Virusausscheidung 14 Tage oder eventuell auch kürzer ist. Auch das wird man in den europäischen Publikationen, die demnächst zu erwarten sind, sehen. Was man derzeit schon sagen kann, ist, dass die Virusausscheidung länger ist als bei Influenza.

Sie haben gesagt, dass man 24 bis 48 Stunden vor Symptombeginn – so ein solcher überhaupt kommt – schon infektiös ist. Das führt zur Frage: Ist davon auszugehen, dass auch asymptomatisch Infizierte das Virus übertragen können?

Nach derzeitigem Wissensstand: Ja!

Wie beurteilen Sie die Möglichkeit einer dauerhaften Viruspersistenz bei asymptomatischen Trägern?

Die Wahrscheinlichkeit, dass jemand asymptomatisch ist und dann dauerhaft Virus ausscheidet, erachte ich als nicht gegeben. Man weiß generell von respiratorischen Virusinfektionen, egal ob das RSV, Rhino- oder Influenzaviren sind, dass Immunsupprimierte wesentlich länger ausscheiden. Das sieht man jetzt auch bei SARS-CoV-2. Aber dass asymptomatische Virusträger dauerhaft Virus in Form einer latenten Virusinfektion ausscheiden, ist sehr unwahrscheinlich.

 

Auf den epidemischen Peak drücken – durch Intelligenz

Vorbereitet für die Epidemie: Corona-Verdachtsfälle und Leichterkrankte sollen zu Hause betreut werden. Die Spitäler stehen für schwer Erkrankte bereit.

Die gesundheitspolitischen Reaktionen auf die Entwicklung einer Pandemie durchlaufen mehrere Phasen. Die erste Phase, in der es darum geht, potenziell infizierte Personen zu identifizieren, wechsle nun mit der zweiten Phase, in der es darum gehe, eine Ausbreitung kleinräumig so rasch wie möglich zu unterbinden. Mit diesen Worten erläuterte der Gesundheitsstadtrat von Wien, Peter Hacker, das Vorgehen.

Spezialabteilungen, die bis vor kurzem noch Patienten zur Isolierung übernehmen konnten, müssen nun darauf vorbereitet werden, auf jene schätzungsweise 3-4% kritisch Erkrankten, mit denen – chinesischen Studiendaten entsprechend – zu rechnen ist, zu fokussieren. Die Versorgung der Leichterkrankten und jener, die im Abwarten eines Virustestergebnissens sind, muss in häuslicher „Absonderung“ erfolgen.

Mit dieser Strategie könne der Knotenpunkt Wartezimmer, egal ob in einer Ordination oder in einer Ambulanz, freigehalten werden von potenziell Infizierten, um dort keine Verbreitung zu ermöglichen, so Johannes Steinhart, Vizepräsident der Ärztekammer.

Wenig „Verkehr“ von Erkrankten

In Zeiten der Gefahr einer Epidemie sei es wichtig, möglichst wenig „Verkehr“ von Infektionsträgern hervorzurufen, erläutert KAV-Direktor Michael Binder. „Dadurch gelingt es erstens den möglichen Infektionsdruck zu senken. Zweitens bleiben die Krankenhäuser gerüstet, um schwer erkrankte Personen effizient behandeln zu können.“

Susanne Hinger

 

Wie lassen sich die niedrigeren Erkrankungsraten bei Kindern erklären?

In allen Beobachtungen, die sich auch an den Letalitätsraten bestätigen, hat sich gezeigt, dass Kinder entweder nicht oder viel, viel milder erkranken. Das ist mit ziemlicher Sicherheit mit dem Status des Immunsystems zu erklären. Je schwächer das Immunsystem ist, umso schwerer ist der klinische Verlauf und umgekehrt. Neben dem Immunsystem als ganz wesentlicher Faktor werden aber wohl auch andere Faktoren mitspielen, die derzeit noch erforscht werden.

Der Erregernachweis erfolgt mit PCR. Ist das die einzige diagnostische Möglichkeit?

Im Moment ja. Es ist aber auch die beste Möglichkeit, weil es ein direkter Erregernachweis ist. Der Test ist sehr rasch, sehr verlässlich, hoch genau und hoch sensitiv.

An welcher Körperstelle sollte die Probenahme erfolgen?

Am besten sollte, wie sich mittlerweile herausgestellt hat, ein kombinierter Nasen-Rachen-Abstrich erfolgen. Dieser ist dem respiratorischen Sekret vor allem bei nur leicht Erkrankten überlegen.

Am Anfang war man doch vom tiefen respiratorischen Sekret ausgegangen?

Generell sollte ein Abstrich immer dort erfolgen, wo die Symptomatik vorliegt. Bei Personen mit leichter Symptomatik wie Schnupfen, Halsweh et cetera ist von einer Infektion und Virusbelastung im Nasen-Rachen-Raum auszugehen. Deshalb sollte auch ein Nasen-Rachen-Abstrich erfolgen! Bei Patienten mit Pneumonie wiederum ist im respiratorischen Sekret mit hoher Virusbelastung zu rechnen, bei ihnen ist daher die Untersuchung von respiratorischem Sekret sinnvoll.

Es wurde immer wieder von Fällen berichtet, die zunächst negativ, dann positiv getestet wurden. Lassen sich falsch negative Fälle über eine Probenahme zum falschen Zeitpunkt im Infektionsverlauf erklären?

Es ist davon auszugehen, dass bei jenen Fällen, die zunächst negativ getestet wurden und dann positiv wurden, der Abstrich zu früh erfolgte. Das betraf Personen, die zum Zeitpunkt der ersten Abnahme keine Symptome hatten. Die Inkubationszeit ist daher zu bedenken.
Viele Personen wollen derzeit einen Nasen-Rachen-Abstrich durchführen lassen, weil sie gerade aus einem Risikogebiet zurückgekommen sind. Diesen Personen müssen wir erklären, dass ein negativer Abstrich beispielsweise am Tag 3 bei einer Inkubationszeit von 2 bis 14 Tagen nicht aussagekräftig ist.

 

Seit 24. Februar wurde das österreichische Influenza-Erfassungssystem um die Bestimmung von SARS-CoV-2 erweitert. Damit wird jede Probe, die von den über 90 Sentinel-Ärzten quer durch ganz Österreich abgenommen und zur Influenza-Bestimmung an das Zentrum für Virologie geschickt wird, nun automatisch auch auf SARS-CoV-2 untersucht. Damit soll es möglich werden, eine mögliche sogenannte „Hintergrundaktivität“ frühzeitig zu erkennen.

 

Sind andere Tests, Schnelltests oder Bedside-Tests, in Entwicklung? Wie aussagekräftig werden sie im Vergleich zur PCR sein?

Unter anderem sind Antigen-Schnelltests in Entwicklung. Wo die Sensitivität und die Spezifität dieser Tests liegt, kann derzeit noch nicht gesagt werden, weil es noch keine Vergleichsstudien zur PCR gibt.

 

Informationen Gesundheitsministerium

Tagesaktuelle Informationen gibt es auf der Website des Gesundheitsministeriums

Dort findet sich neben der tagesaktuellen gesundheitspolitischen Information auch eine umfassende Linksammlung, darunter eine Anleitung zum Vorgehen bei Verdacht auf SARS-CoV-2-Infektion, eine Anleitung zur Kontaktpersonennachverfolgung sowie eine Verlinkung zur aktuellen Risikoeinschätzung des ECDC.

Umfassende Informationen bieten folgende Websites

 

 

Vielen Dank für das Gespräch!
Interview mit: Priv.-Doz. Dr. Monika Redlberger

Zentrum für Virologie, Medizinische Universität Wien.


AutorIn: Susanne Hinger

Apo-K 05|2020

Herausgeber: Ärztekrone VerlagsgesmbH
Publikationsdatum: 2020-03-13