Demenz: Schwindel als Symptom einordnen

Schwindel und Gangunsicherheit sind mit zunehmendem Alter leider häufige Begleiter. Das gilt besonders für Menschen über 75 Jahren. Oftmals werden diese Beschwerden als unspezifisch und unabwendbar eingestuft. Dabei wird jedoch übersehen, dass sie in vielen Fällen auf potenzielle Erkrankungen und Störungen hinweisen. Möglich wären Defizite in den peripher- und zentralsensorischen Funktionen, muskuloskelettale Insuffizienzen wie Arthrose und Sarkopenie sowie kognitive und psychische Störungen wie Angst und Demenz.1

Gerade eine demenzielle Entwicklung verdeutlicht die Interaktion zwischen Gang und Kognition. Menschen höheren Alters, die an Demenz leiden, stürzen häufiger als gleichaltrige Personen, die kognitiv gesund sind. In frühen Phasen der vaskulären und frontotemporalen Demenz sowie bei der Alzheimerkrankheit treten Gangstörungen und Stürze als gleichzeitige Symptome des geistigen Abbaus auf. Studien haben auch gezeigt, dass die Beeinträchtigung des Ganges Voraussagen für ein späteres mögliches Demenzrisiko erlaubt.1

Die Auslöser für Schwindel im Rahmen einer neurodegenerativen Erkrankung sind unterschiedlich. Bei einer Multisystematrophie beispielsweise spielt der sehr niedrige Blutdruck eine Rolle. Bei der progressiven supranukleären Blickparese (PSP) sind die langsamen Augenbewegungen ein Hauptfaktor. Bei der Alzheimer-Erkrankung gelten reduzierte Vigilanz und die Beeinträchtigung kortikaler Funktionen als Auslöser.2

Auch Antidementiva können als Nebenwirkung Schwindel auslösen. Dazu zählen Acetylcholinesterase-Inhibitoren (vor allem in der Anfangsphase der Einnahme) und NMDA-Antagonisten.3

Zeigt Aufstehschwindel ein späteres Demenzrisiko an?

Eine im Jahr 2018 veröffentlichte Studie (n= 11.709, Durchschnittsalter 54 Jahre) lässt aufhorchen: Menschen, die im mittleren Alter von Aufstehschwindel betroffen sind, erkranken in späteren Jahren häufiger an Demenz (und weisen auch ein erhöhtes Schlaganfallrisiko auf). Die Risikoerhöhung betrug 54 % im Vergleich zu Personen, die beim Aufstehen keinen Schwindel hatten. Die Probanden mussten sich mehrmals 20 Minuten hinlegen und dann schnell aufstehen. Eine Kreislauf­störung wurde definiert, wenn der systolische Blutdruck dabei um mindestens 20 mmHg abfiel.4 Die Ergebnisse wurden 2020 von der American Academy of Neurology durch eine erneute Untersuchung bestätigt. Orthostatische Hypotonie im mittleren Alter erhöht demnach das Risiko für Demenz im Alter um rund 40 %.5

Wie es zu diesem Zusammenhang kommt, ist derzeit noch unklar; man erhofft sich jedoch neue Möglichkeiten in der Präventionsmedizin. Eine Option könnte sein, im mittleren Alter den Blutdruckabfall nach einem Lagewechsel zu messen und damit ein etwaiges Risiko für Demenz und Schlaganfall frühzeitig zu erkennen.4


 Literatur:

  1. Jahn K, Kressig RW, Bridenbaugh SA, Schwindel und Gangunsicherheit im Alter. Ursachen, Diagnostik und Therapie. Dtsch Arztebl Int 2015; 112:387–93
  2. Hain TC, Alzheimer‘s disease and dizziness. Chicago Dizziness and Hearing 2021
  3. Schmidt S, Pflege mini Psychopharmaka im Alter. Springer Verlag 2015
  4. Scinexx.de: Höheres Demenzrisiko bei Schwindel? Auf: https://www.scinexx.de/news/medizin/hoeheres-demenzrisiko-bei-schwindel/
  5. American Academy of Neurology, 6. 8. 2020: People who feel dizzy when they stand up may have higher risk of dementia. Auf: https://www.aan.com/PressRoom/Home/PressRelease/3810
Redaktion: Mag. Martin Schiller

Apo-K 04|2021

Herausgeber: Ärztekrone VerlagsgesmbH
Publikationsdatum: 2021-03-05