Kritische Vitamin-D-Versorgung bei Säuglingen?

Die Zusammensetzung der Muttermilch passt sich im Laufe der Stillzeit an die stetig veränderten Bedingungen des Säuglings an. Was den Mikronährstoffgehalt betrifft, so ist dieser von der Ernährung der Mutter abhängig. So zeigen Untersuchungen, dass Muttermilch in der Regel zu wenig Vitamin D enthält und der Mangel an den Säugling weitergereicht wird. Selbst die parallele Einführung der Beikost ändert an dieser Situation wenig.

Sonderstellung Vitamin D
Dabei nimmt Vitamin D sogar eine Sonderstellung ein. Während andere Vitamine über die Nahrung zugeführt werden müssen, kann Vitamin D endogen mithilfe von Sonnenlicht selbst synthetisiert werden. Dass diese in unseren Breiten insbesondere in der dunklen Jahreszeit fast vollständig zum Erliegen kommt und selbst in den Sommermonaten nur um die Mittagszeit effizient ablaufen kann, ist vielfach bewiesen. Zusätzlich können Faktoren wie Sonnenschutzmittel, Hauttyp, Sonnenexposition und Alter die körpereigene Bildung beeinflussen. Eine Ausgangssituation, die es selbst den Erwachsenen schwer macht, ausreichend Vitamin D zu produzieren. Für Säuglinge ist die endogene Synthese aufgrund ihrer empfindlichen Haut sowieso kaum möglich, da sie vor direkter Sonneneinstrahlung geschützt werden muss.

Vitamin-D-Bedarf für Säuglinge
Unbeeindruckt von dieser Tatsache benötigen Babys vom ersten Tag an Vitamin D. Die Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin (DGKJ) empfiehlt, schon kurz nach der Geburt eine Supplementierung von 400–500 I. E. (10–12,5 µg/Tag) Vitamin D täglich. Laut DGKJ gilt diese Empfehlung bis zum zweiten Frühsommer des Kindes. Als Vergleich: Der empfohlene Tagesbedarf für Säuglinge liegt laut den Ernährungsgesellschaften für Deutschland, Österreich und die Schweiz (D-A-CH) bei 400 I. E. (10 µg/Tag). Dass dieser ausschließlich über die Nahrung bzw. die Muttermilch erreicht werden kann, ist schwer argumentierbar, wenn wir die Versorgungslage der Mütter betrachten. So erreichen laut Ernährungsbericht 2017 in Österreich weder Männer noch Frauen die täglich empfohlene Vitamin-D-Zufuhr von 800 I. E. (20 µg/Tag). Es ist spannend zu erfahren, dass die D-A-CH-Empfeh­lungen für Schwangere und Stillende keinen Mehrbedarf berücksichtigen und bei den erwähnten 800 I. E. pro Tag quasi stagnieren.

Schlüsselfunktion im Stoffwechsel
Dabei übernimmt Vitamin D im menschlichen Körper wichtige Schlüsselfunktionen. Zahlreiche Studien der letzten Jahre zeigen, dass nahezu alle Organe und Gewebe unseres Körpers über eigene Vitamin-D-Andockstellen verfügen. Die bekannteste Funktion von Vitamin D ist jedoch jene als Knochenvitamin bei der Resorption von Kalzium und Phosphat sowie dem Einbau in die Knochenmatrix. Eine ausreichende Versorgung ist daher bereits bei den Kleinsten für ein normales Wachstum bzw. eine normale Entwicklung des Knochensystems von Bedeutung. Zudem leistet Vitamin D in der Ausbildung einer guten immunologischen Widerstandsfähigkeit einen wichtigen Beitrag.

Tropfen oder Tabletten?
Vitamin D ist in Flüssig-, Kapsel- oder Tablettenform erhältlich. Hier ist auf eine gute Produktqualität zu achten. Öle bzw. Tropfen oder Kapseln, die ohne technologische Zusätze auskommen, zeigen nicht nur in Sachen Resorptionsfähigkeit Vorteile. Produkte mit Alkohol sind verständlicherweise in diesem Fall eindeutig abzulehnen. Ideal sind hingegen Flüssigpräparate auf Basis hochwertiger Öle mit einem möglichst neutralen Geschmack. Das Öl kann auf einen Löffel, Schnuller oder die Brustwarze appliziert werden und gelangt auf diese Weise meist einfacher ans Ziel. Das Gleiche gilt für aufgelöste Kapseln oder Tabletten, bei denen, wie erwähnt, auf mögliche Zusatzstoffe und deren Verträglichkeit geachtet werden sollte.

Überdosierung vermeiden
Wer sich an die Empfehlungen von zusätzlichen 10–12,5 µg pro Tag hält, kann sich in Sicherheit wiegen. Die aktuellen offiziellen Empfehlungen der DGKJ sehen derzeit eine generelle Vitamin-D-Supplementierung für Babys bis zum zweiten erlebten Frühling vor. Warum die Einnahmedauer limitiert ist, hat folgende Hintergründe: Gesundheitliche Empfehlungen hinsichtlich einer Supplementierung, die eine ganze Altersgruppe betreffen, werden nur mit einer klaren Indikation angegeben. Bei Vitamin D wäre die klare Indikation in den ersten Lebensmonaten jene der Knochengesundheit. Da Prävention zwar begrüßenswert ist, aber keine Indikation darstellt, ist die Empfehlung für eine Vitamin-D-Supplementierung offiziell begrenzt, stellt aber kein Hindernis dar, die Ergänzung zu verlängern.

Umweg Muttermilch
Abschließend darf nicht unerwähnt bleiben, dass die Mutter bereits in der Schwangerschaft und insbesondere in der Stillzeit einen wichtigen Beitrag zur Vitamin-D-Versorgung des Säuglings leisten kann. Dies richtet sich vor allem an Mütter, die Bedenken haben, ihrem Kind Ergänzungen zu supplementieren. Eine gute Versorgung der Mutter macht sich in einem höheren Gehalt in der Muttermilch bezahlt. So kann nach einer Vitamin-­D-Status-Bestimmung eine tägliche Supplementierung bereits in der Schwangerschaft und in der Stillzeit mit zusätzlichen 800 I. E. (20 µg/Tag) durchaus sinnvoll sein. Wichtig zu erwähnen: Entscheidend ist ein gut eingestellter Blutspiegel der Mutter (empfohlen werden mindestens 40 ng/ml) bereits vom frühestmöglichen Zeitpunkt der Schwangerschaft.


Literatur:

  • Reinehr T et al., Vitamin-D-Supplementierung jenseits des zweiten Lebensjahres. Gemeinsame Stellungnahme der Ernährungskommission der Deutschen Gesellschaft für Kinder und Jugendmedizin (DGKJ e. V.) und der Deutschen Gesellschaft für Kinderendokrinologie und Diabetologie (DGKED e. V.). Monatsschr Kinderheilkd 2018; 166:814–22
  • Mansur JL, Vitamin D in pediatrics, pregnancy and lactation. Arch Argent Pediatr 2018; 116(4):286–90
  • Kramer CK et al., The persistence of maternal vitamin D deficiency and insufficiency during pregnancy and lactation irrespective of season and supplementation. Clin Endocrinol (Oxf) 2016; 84(5):680–6
  • Svejda B, Vitamin D und Frauengesundheit. J für Mineralstoffwechsel & Muskuloskelettale Erkrankungen. KUP. 2017; 24(1):9–13
  • Wagner CL et al., Post-hoc analysis of vitamin D status and reduced risk of preterm birth in two vitamin D pregnancy cohorts compared with South Carolina March of Dimes 2009–2011 rates. J Steroid Biochem Mol Biol jan 155(PtB) 2017; 245–51
  • Rust P et al., Österreichischer Ernährungsbericht 2017, BM für Gesundheit und Frauen. 2017
AutorIn: Mag. Larissa Grünwald

Ernährungswissenschafterin


Apo-K 21|2021

Herausgeber: Ärztekrone VerlagsgesmbH
Publikationsdatum: 2021-11-12