Phytotherapie bei muskulo­skelettalen Erkrankungen

Ao. Univ.-Prof. Mag. Dr. Sabine Glasl-Tazreiter vom Department für Pharmakognosie der Universität Wien stellte im Rahmen der Zentralen Fortbildung pflanzliche Optionen zur Linderung von Beschwerden des Bewegungsapparates vor.

Capsaicin

Der an Capsaicinoiden reiche Cayennepfeffer eignet sich gut bei Muskel- und Bewegungsschmerzen. Verantwortlich dafür ist das Geschehen am TRPV1-Rezeptor („transient receptor potential cation channel subfamily vanilloid 1“), der eine wichtige Rolle in der Schmerzwahrnehmung spielt und empfindlich für Scharfstoffe ist. Capsaicin fungiert an diesem Rezeptor als Agonist. Nach Bindung der Substanz an den Rezeptor kommt es zur Aktivierung, der Ionenkanal öffnet sich, Ca2+ strömt in die Zelle und löst eine intrazelluläre Kaskade aus, die letztlich zur Wahrnehmung des Schmerzes führt. Durch ständige Bindung des Agonisten und die damit verbundene dauerhafte Reizung kommt es zu einer Desensibilisierung durch „down regulation“ der Rezeptoren, was zu einer Schmerzlinderung führt, die bis zu drei Monate anhält. Der Effekt ist reversibel, weil die Rezeptoren bei Fehlen des entsprechenden Agonisten wieder exprimiert werden.

Teufelskralle

Die wichtigsten Inhaltsstoffe dieser zu den Pedaliaceae (Sesamgewächse) zählenden Pflanze sind Iridoidglykoside, vor allem Harpagid und Harpagosid. Therapeutisch relevant sind die in Südwestafrika beheimateten Arten Harpagophytum procumbens und Harpagophytum zeyheri. Sie wachsen in Randgebieten der Kalahari-Wüste.

Indikationen für die Einnahme der Teufelskralle sind Erkrankungen des Bewegungsapparates. Anwendung findet die Pflanzen im Alltag bei leichten Rücken-, Nacken- und Muskelschmerzen. Auch bei rheumatischen Beschwerden kommt sie zum Einsatz. Seit den 1980er-Jahren gab es 28 Studien mit einer Gesamtzahl von 6.892 Patienten. Davon befanden sich 615 Personen in doppelblinden Studien. Für die arzneilich verwendeten Extrakte existiert ein EMA-Assessment-Report aus dem Jahr 2016, in dem Harpagophyti radix als ein Produkt beurteilt wird, das die Anforderungen für ein traditionelles pflanzliches Arzneimittel erfüllt.

Beinwell

Beinwell oder Wallwurz (Stammpflanze Symphytum officinale) ist reich an Allantoin, Schleimstoffen und Phenolcarbonsäuren. Zur Herstellung von Präparaten werden pyrrolizidinalkaloidarme Züchtungen verwendet. Zubereitungen aus der Pflanze werden bei Prellungen, Zerrungen und Stauchungen angewendet, die Studienlage ist gut. Die Verwendung darf nur auf intakter Haut erfolgen, wie Glas-Tazreiter in ihrem Vortrag betonte.

Kurkuma

Verwendet werden der Wurzelstock von Curcuma longa sowie die Javanische Gelbwurz (Curcuma zanthorrhiza). Die Wasserlöslichkeit des Dicinnamoylderivates Curcumin ist schlecht, weshalb auch die Bioverfügbarkeit gering ist. Hersteller haben sich in jüngster Zeit allerdings sehr um die Galenik angenommen und erzielen heute durch spezielle Formulierungen eine gute Verfügbarkeit.

Jüngste Befunde deuten darauf hin, dass Kurkumaextrakte eine positive Wirkung auf den Gelenkknorpel haben, indem der Degeneration entgegengewirkt wird. Die Pflanze wird bei Osteoarthrose eingesetzt. Studien zeigen eine Reduktion von Gelenkschmerzen durch Kurkuma. In einer Untersuchung (n = 139) mit Osteoarthrosepatienten des Knies wurde die Anwendung von Kurkuma mit Diclofenac verglichen. Dabei zeigte sich, dass Kurkuma der Wirkung von Diclofenac nicht unterlegen war. Glasl-Tazreiter warnte allerdings vor dem Kauf von Produkten aus dem Internet. Hier würden oftmals Fälschungen verkauft, wie zum Beispiel in der Vergangenheit der Fall einer Fälschung mit Nimesulid, der in Schweden und Norwegen bei mehreren Personen zu Leberschäden, in zwei Fällen mit Todesfolge, führte.

Weitere Optionen

Arnika (Bergwohlverleih, Arnica montana) wird äußerlich zur symptomatischen Behandlung rheumatischer Beschwerden eingesetzt. Die Verwendung von Extrakten salicylathaltiger Pflanzen wie Mädesüß, Goldrute, Weide und Esche bewährt sich durch die analgetische Wirkung.

Wissenschaft: Ao. Univ.-Prof. Mag. Dr. Sabine Glasl-Tazreiter

Department für Pharmakognosie der Universität Wien


AutorIn: Mag. Martin Schiller

Apo-K 23|2019

Herausgeber: Ärztekrone VerlagsgesmbH
Publikationsdatum: 2019-12-06