Schlafstörungen: viele Optionen bei einem häufigen Leiden

Schlafen ist lebensnotwendig. In fast allen Organen finden währenddessen Regenerations- und Aufbauprozesse statt. Die Wahrnehmung äußerer Reize ist bei Schlafenden vermindert, das Bewusstsein aufgehoben. Im Gegensatz zur Narkose bleiben menschliche Schutzreflexe aber weiterhin aufrecht – wir sind jederzeit weckbar.1 Ein gesunder Schlaf hat dementsprechend einen hohen Stellenwert. Nicht verwunderlich ist es, dass Personen, die an Schlafproblemen leiden, in ihrem Alltag häufig deutlich beeinträchtigt sind.

Schlafstörungen lassen sich in folgende Gruppen einteilen: Insomnien (ungenügende Dauer oder Qualität), Hypersomnien (erhöhtes Schlafbedürfnis), Störungen des Schlaf-wach-Rhythmus und Parasomnien (Schlafwandeln, Albträume etc.). Insomnien haben einen besonderen Stellenwert, zu dieser Gruppe zählen sowohl Ein- als auch Durchschlafstörungen. Unterschiedliche Faktoren können diese Art der Schlafstörung auslösen: Stressreaktionen auf emotionale Belastungen, Umgebungsreize (Schichtarbeit, Lärm etc.), psychische Erkrankungen (u. a. sind Personen mit Depressionen häufig betroffen), organische Erkrankungen, Einnahme von Substanzen (zum Beispiel Alkohol, Diuretika, Coffein).1, 2

Behandlung

In der Apotheke werden vom Kunden gerne Tipps für die richtige Schlafhygiene entgegengenommen. Dabei gelten gemäß S3-Leitlinien folgende Regeln für einen gesunden Schlaf: ab Mittag keine koffeinhaltigen Getränke zu konsumieren, abends keine schweren Mahlzeiten zu sich zu nehmen und Alkohol zu meiden (vor allem nicht als Schlafmittel einsetzen). Weiters wichtig sind körperliche Aktivität untertags (vor dem Schlafengehen aber reduzieren – geistige Anstrengungen ebenso), eine gute Schlafzimmeratmosphäre (abdunkeln, Ruhe), nachts nicht auf die Uhr zu sehen und ein persönliches Einschlafritual einzuführen. Zusätzlich sollte vor dem Schlafengehen blauwelliges Licht (Handy, Laptop, TV) vermieden werden. Zur Stimuluskontrolle sollte auf Folgendes geachtet werden: abends erst bei Müdigkeit schlafen legen, das Bett nur zum Schlafen benutzen (nicht zum Fernsehen, Lesen etc.), morgens immer um dieselbe Uhrzeit aufstehen und tagsüber nicht schlafen, um den Schlafdruck zu erhöhen. Wenn Schlaflose länger als 15 Minuten wach im Bett liegen, sollten sie aufstehen, in ein anderes Zimmer gehen und sich erst bei Schläfrigkeit wieder hinlegen.3

Phytotherapie

Sollte die kognitive Verhaltenstherapie (Schlafhygiene, Stimuluskontrolle, Entspannungstechniken etc.) nicht zum Ziel führen, kann eine medikamentöse Therapie in Betracht gezogen werden. Es kommen vor allem Benzodiazepine, Z-Drugs, sedierende Antidepressiva und Antipsychotika zum Einsatz. Aus Richtung der Selbstmedikation bieten sich die rezeptfreien Phytotherapeutika an. Auch wenn diese noch nicht in die S3-Leitlinie zu Insomnie bei Erwachsenen aufgenommen wurden (laut Autoren sind derzeit nicht genügend hochqualitative Studien vorhanden), gibt es Empfehlungen von der EMA zum Einsatz von Baldrianwurzel, Passionsblume und Melissenblättern aufgrund von „well-established use“ oder „traditional use“.3 In der Apotheke sollte darüber aufgeklärt werden, dass durch die pflanzlichen Arzneimittel kein Soforteffekt erwartet werden kann, sondern eine Verbesserung der Symptome erst nach ca. zwei Wochen eintritt. Dafür dürfen die Vorteile nicht vergessen werden: Sie weisen ein günstiges Nebenwirkungsprofil auf, verursachen keinen „Hangover“ und haben eine gute Langzeitverträglichkeit.4

Alternativen

Als weitere Behandlungsmöglichkeit, unter anderem auch bei Jetlag, ist Melatonin verfügbar. Es handelt sich dabei um ein Serotoninderivat aus der Epiphyse, das abhängig vom Tag-Nacht-Rhythmus ausgeschüttet wird. Oft wird Melatonin von Betroffenen aufgrund seines natürlichen Vorkommens im Körper gerne genommen.5 Weiters sind die H1-Antihistaminika zu nennen: Doxylamin und Diphenhydramin aus der 1. Generation werden als rezeptfreie Hypnotika eingesetzt. Durch ihre gute Penetrationsfähigkeit ins Gehirn – sie können die Blut-Hirn-Schranke überwinden – wirken sie sedierend. Zu beachten sind mögliche Interaktionen mit anderen sedierenden Substanzen und Alkohol.


Literatur:

  1. Mutschler E, Geisslinger G, Kroemer HK et al., Mutschler Arzneimittelwirkungen – Pharmakologie, Klinische Pharmakologie, Toxikologie, 10. Auflag. Stuttgart: Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft mbH, 2013
  2. Dobos M, Fachinger F, Insomnie, in Basiswissen Psychosomatische Medizin und Psychotherapie, K. Frietzsche and M. Wirsching, Eds. Berlin Heidelberg: Springer, 2020.
  3. S3-Leitlinie 063-003, Nicht erholsamer Schlaf/Schlafstörungen – Insomnie bei Erwachsenen. https://www.awmf.org/leitlinien/detail/ll/063-003.html.
  4. Invernizzi C, Phytotherapie bei Schlafstörungen, Schweizer Zeitschrift für Psychiatr. und Neurol. 2011; 2: 12–15
  5. Crönlein T, Galetke W, Young P, Pharmaka in der Schlafmedizin, in Schlafmedizin 1×1: Praxisorientiertes Basiswissen, Berlin Heidelberg: Springer, 2020
AutorIn: Mag. pharm. Katja Steiner

Apo-K Sonderausgabe Stress und Psyche

Herausgeber: Ärztekrone VerlagsgesmbH
Publikationsdatum: 2021-03-11