Glutenfreie Ernährung | „Zöliakie ist eine Unverträglichkeit, keine Erkrankung“

ARZT & PRAXIS: Die MedUni Graz ist Partnerinstitution des Projektes „CD SKILLS“, das die Lebenssituation Betroffener verbessern soll. Wodurch zeichnet sich das Projekt aus?

Univ.-Prof. Dr. Almuthe Hauer: Das Projekt betrifft die Donauregion mit 9 Ländern und 13 Partnerinstitutionen wie Universitätskinderkliniken, Selbsthilfegruppen und Magistraten. Es hat zum Ziel, das Bewusstsein bezüglich der Zöliakie zu schärfen, die Testmöglichkeiten zwischen den verschiedenen Ländern zu vergleichen und für die ärmeren Nachbarstaaten möglicherweise Standards zu entwickeln, die in Österreich schon erfüllt werden. Da sind wir zum Teil quasi ein Role Model, denn bei uns bekommen Familien mit Kindern mit diagnostizierter Zöliakie erhöhte Familienbeihilfe, damit sie sich die teurere glutenfreie Diät leisten können.

Warum ist die Unterscheidung zwischen Zöliakie und Glutensensitivität wichtig?

Zöliakie ist mit einer Prävalenz von 1–2 % in Industrienationen sehr häufig, und unerkannt hat sie starke Auswirkungen auf die Betroffenen. Es handelt sich um eine klar definierte Diagnose, und sie ist durch Glutenverzicht de facto heilbar. Das macht sie eigentlich zur Unverträglichkeit, nicht zur Erkrankung, denn jemand mit Zöliakie, der Gluten weglässt, ist ja dann gesund.
Bei der Glutensensitivität ist hingegen umstritten, ob es sie in dieser Form überhaupt gibt oder ob es sich einfach um eine schwer von außen objektivierbare Problematik handelt. Wichtig ist jedenfalls, dass von einem Facharzt die Differenzialdiagnosen Zöliakie und Weizenallergie nach aktuellen Diagnoserichtlinien ausgeschlossen werden. Hier existiert noch immer ein Missverhältnis zwischen tatsächlichen Diagnosekriterien und dem, was sich via Internet und „Doktor Google“ an Vermutungen ergeben kann.

Gibt es eine Zeit, in der es für die kindliche Darmentwicklung besonders günstig ist, glutenhaltige Produkte zu sich zu nehmen?

Bis vor Kurzem wurde angenommen und auch in Ernährungsempfehlungen formuliert, dass es beim Baby ein Zeitfenster gibt, in dem mit glutenhaltigen Produkten begonnen werden sollte. Im 5. und 6. Lebensmonat des reifen Neugeborenen, wenn das Kind noch gestillt wird, aber Darm, Darmschleimhaut und Immunsystem schon einigermaßen entwickelt sind, wurde angeregt, kleine Mengen an Gluten zu geben, in der Hoffnung, damit die orale Toleranz zu trainieren. Das basierte auf älteren epidemiologischen Studien, ohne dass eine kausale Erklärung zwingend vorlag. In zumindest einer umfassenden prospektiven, multizentrischen Studie, der PreventCD-Studie, ließ sich die Bedeutung dieses Zeitfensters allerdings nicht bestätigen.

Welche Rolle spielt eine glutenfreie Ernährung bei Personen, die unter keiner Erkrankung leiden?

Eine glutenfreie Ernährung ist für jemanden, der keine Zöliakie hat, nicht empfohlen. Trotzdem versuchen etwa 20 % der US-Amerikaner aktiv, glutenfreie Nahrungsmittel zu verwenden. Auch die Zahl der US-amerikanischen Bürger, die keine Zöliakie haben und trotzdem Gluten vermeiden wollen, hat sich zwischen 2009 und 2014 verdreifacht. Dazu hat sich ein richtiger Markt entwickelt – natürlich im Bestreben, gesünder leben zu wollen. Das Problem ist aber, dass eine glutenfreie Ernährung weniger Ballaststoffe, Mikronährstoffe wie Vitamin D, Vitamin B12 und Folsäure sowie Spurenelemente wie Eisen, Zink, Magnesium und Kalzium, aber umgekehrt mehr Zucker und mehr gesättigte Fette enthalten kann. Gleichzeitig ist die glutenfreie Diät ein Segen für Menschen mit Zöliakie, weil sich damit erwiesenermaßen die Dünndarmzotten wieder gänzlich erholen können.

Vielen Dank für das Gespräch!

Interview mit: Ao. Univ.-Prof. Dr. Almuthe Christine Hauer

Klinische Abteilung für Allgemeine Pädiatrie, Universitätsklinikum Graz
Leitung AG Gastroenterologie, Hepatologie und Ernährung der ÖGKJ
© Foto: Furgler


Redaktion: Markus Plank, MSc

A&P Pädiatrie

Herausgeber: MedMedia Verlag und Mediaservice GmbH
Publikationsdatum: 2021-09-22