Chronische Wunden sind ein Beispiel dafür, dass immer noch Wohnort, sozialer Status, Alter oder Mobilität darüber entscheiden, wie gut die medizinische Versorgung im Krankheitsfall tatsächlich ist. Ein Umstand, der nicht nur für individuell Betroffene, sondern für die gesamte Volkswirtschaft unmittelbar relevant ist. „Chronische Wunden gehen häufig mit Schmerzen, psychischen Belastungen und Einschränkungen der Lebensqualität einher. Ihre Behandlung ist komplex und verlangt ein abgestimmtes Zusammenspiel von Allgemein- und Familienmedizin, Pflege, Wundexpertise und Krankenhäusern.

v. l. n. r.: Mag. Philipp Lindinger (Initiative Wund?Gesund!), Dr.in Anna Vavrovsky, MSc MSJ (Academy for Value in Health), Dir. Mag. Dr. Michael Müller (SVS), Gesundheitsstaatssekretärin Ulrike Königsberger-Ludwig, Mag.a Martina Laschet (Initiative Wund?Gesund!), DDr. Alexander Eisenmann (Gesundheit Österreich GmbH); © Initiative Wund?Gesund!/APA-Fotoservice/Krisztian Juhasz
Dieses Zusammenspiel ist derzeit nicht in allen Regionen Österreichs gleichermaßen gewährleistet. Damit bleibt auch die angestrebte Chancengerechtigkeit noch auf der Strecke“, bringt es Gesundheitsstaatssekretärin Ulrike Königsberger-Ludwig im Rahmen des Dialogforums der Initiative Wund?Gesund! auf den Punkt. Sie verweist zudem auf die mangelhafte Datenlage: „Noch immer fehlen valide Zahlen, weil chronische Wunden vielfach nicht systematisch erfasst werden. Ohne Transparenz über Häufigkeit, Versorgungssituation und regionale Unterschiede lässt sich kaum beurteilen, wo Angebote fehlen und welche Strukturen ausgebaut werden müssen. Valide Daten sind daher eine Voraussetzung für eine gerechte Planung und Steuerung.“
Ein wichtiger Schritt in diese Richtung ist der neue Qualitätsstandard zur integrierten Versorgung von Menschen mit chronischen Wunden, der von Bund, Ländern und Sozialversicherung gemeinsam erarbeitet wurde. Er schafft erstmals eine österreichweit abgestimmte Leitlinie auf S3-Niveau und beschreibt den Versorgungspfad von Prävention und Diagnostik über Therapie und Dokumentation bis zur weiteren Betreuung. Entscheidend ist für Königsberger-Ludwig, dass dieser Standard nicht auf dem Papier bleibt: „Patientinnen und Patienten sollen früher die richtige Diagnose und Therapie erhalten und nicht bei jedem Übergang im System wieder von vorne beginnen müssen.“
Auch Mag.a Martina Laschet, Sprecherin der Initiative Wund?Gesund!, versteht Chancengerechtigkeit nicht als Gleichmacherei. Vielmehr geht es darum, jedem Menschen den Zugang zu jener Versorgung zu ermöglichen, die tatsächlich benötigt wird. „Die Initiative Wund?Gesund! versteht sich als Plattform für Dialog und Lösungsentwicklung. Mit dem Wundreport wurde schon 2015 ein erster Schritt gesetzt, um valide Daten zu schaffen. Gemeinsam mit dem Österreichischen Gesundheits- und Krankenpflegeverband haben wir erreicht, dass diplomiertes Pflegepersonal Produkte der Wundversorgung verordnen darf“, beschreibt Laschet wesentliche Meilensteine des Engagements der Initiative.
Laschet nennt zudem drei zentrale Handlungsfelder, die es zu bearbeiten gilt: „Versorgungsgerechtigkeit darf nicht vom Wohnort abhängen, integrierte Versorgung muss sektorale Grenzen überwinden und Innovation sowie Digitalisierung müssen in die Regelversorgung gelangen.“ Moderne Wundversorgung darf nicht an Organisationsgrenzen enden, sondern muss Betroffene über den gesamten Behandlungspfad begleiten. Wissen und Expertise sind aus Sicht der Expertin dazu in Österreich ausreichend vorhanden, nun muss es auch in die flächendeckende Umsetzung kommen.
Dir. Mag. Dr. Michael Müller von der Sozialversicherung der Selbständigen (SVS) setzt noch früher an: „Chancengleichheit beginnt bei Prävention und rechtzeitiger Diagnostik.“ Mit einem Case-Management-Programm berücksichtigt die SVS auch die Folgen abseits der Erkrankung, wie etwa die eingeschränkte Arbeitsfähigkeit, wirtschaftliche Belastungen und den Zugang zu sozialen Unterstützungsangeboten – Themen, die gerade bei Selbstständigen die Problematik noch weiter verschärfen.
DDr. Alexander Eisenmann von der Gesundheit Österreich GmbH (GÖG) verweist auf den „Qualitätsstandard Integrierte Versorgung Chronische Wunden“. Dieser soll Versorgungsstrukturen besser verzahnen und Patientinnen und Patienten gezielter durch das System führen. „Die Leitlinie basiert auf einem breiten Konsens. 20 nationale Expertinnen und Experten waren in die Entwicklung und die Begutachtung eingebunden und es gab auch eine öffentliche Diskussion“, so Eisenmann.
Die Empfehlungen umfassen einen bundesweiten Versorgungspfad nach dem Prinzip des „Best Point of Service“. Bei chronischen Wunden soll Wundmanagement-Expertise eingebunden werden. Bleibt nach vier bis sechs Wochen eine ausreichende Heilung aus, ist eine weiterführende Versorgungsstufe vorgesehen. Umsetzung und Wirkung sollen künftig systematisch evaluiert und transparent gemacht werden.
Dr.in Anna Vavrovsky von der Academy for Value in Health betont, dass besonders an den Schnittstellen zwischen Krankenhaus, ärztlicher Versorgung, Pflege und häuslichem Umfeld Informationsverluste und Ungleichheiten entstehen. Entscheidend sei daher der Wert des gesamten Versorgungspfades – etwa Heilung, weniger Schmerzen und Komplikationen. „Gerechter Zugang und effiziente Versorgung sind keine Gegensätze. Kostspielig sind vor allem verzögerte Heilung, Fehlversorgung und vermeidbare Komplikationen“, so Vavrovsky.
Mag. Philipp Lindinger, Sprecher der Initiative Wund?Gesund!, fordert, diese Prinzipien nun konsequent umzusetzen. Erstattungssysteme seien vielfach noch zu wenig auf Ergebnisqualität ausgerichtet. Mehr Transparenz bei Verfügbarkeit, Erstattung und Zuständigkeiten sei deshalb wesentlich. Auch auf europäischer Ebene rücken die wirtschaftlichen Folgen chronischer Wunden stärker in den Fokus. „Wir müssen uns nicht fragen, ob Europa sich Investitionen in eine bessere Wundversorgung leisten kann, sondern ob es sich leisten kann, darauf zu verzichten“, so Lindinger.