Zwischen Kostendruck und Innovation

Steigende Kosten, globale Lieferketten und immer schnellere medizinische Innovationen stellen den Einkauf von Krankenhäusern vor große Herausforderungen. Gleichzeitig müssen Produkte nicht nur wirtschaftlich sein, sondern vor allem den Anforderungen von Medizin und Pflege sowie dem Nutzen für die Patientinnen und Patienten gerecht werden. Mag. Stephan Kostner, Abteilungsleiter Zentraleinkauf tirol kliniken, im Gespräch darüber, warum der reine Anschaffungspreis zu kurz greift, welche Lehren aus der Pandemie gezogen wurden und wo die Grenzen eines zentralisierten Einkaufs liegen.

Krankenhäuser stehen unter enormem Kostendruck, gleichzeitig schreitet die medizinische Innovation immer schneller voran. Wie schafft man als Einkäufer diesen Spagat zwischen Sparen und Innovation?

Innovation ist für uns als Universitätsklinik natürlich von zentraler Bedeutung. Unsere Mitarbeitenden forschen und entwickeln aus der Praxis für die Praxis und gemeinsam mit Unternehmen. Davon profitieren dann beide Seiten. Eine gute, stabile und langfristige Partnerschaft zahlt sich damit doppelt aus: Wir sorgen gemeinsam für Innovation und können so auch dem Kostendruck gemeinsam besser standhalten.

Medizinprodukte spielen ihre Vorteile über den gesamten Behandlungsprozess aus. Wie schaffen Sie es, bei der Auswahl von Medizinprodukten nicht nur auf den Anschaffungspreis zu achten, sondern die Gesamtkosten im Blick zu haben?

Zuerst muss ich mit dem Mythos aufräumen, dass Einkäufer rein preisgetrieben entscheiden. Selbst in einem privaten Haushalt wiegt man bei größeren Investitionen den langfristigen Nutzen ab und hat Service und Qualität über die Nutzungsdauer im Blick. Nicht anders ist es bei uns auch. Wir müssen den gesamten Prozess im Blick haben, und das ist manchmal durchaus komplex.
Im Einkauf legen wir natürlich einen starken Fokus auf Preisverhandlungen, aber dem voraus geht immer die Gesamtbetrachtung eines Produktes im Anwendungszyklus. Wenn wir uns damit Liegezeiten oder Verbandswechsel sparen, dann ist natürlich ein auf den ersten Blick vielleicht teureres Produkt am Ende doch das günstigere. Dazu gehören auch Fragen, wie die Verfügbarkeit von Serviceleistungen oder Ersatzteilen. All diese Komponenten machen am Ende den Preis aus.

Wie kann Qualität oder Innovation bewertet oder gemessen werden?

Der Beschaffungsprozess beginnt immer damit, dass wie mit den Anwenderinnen und Anwendern, also dem medizinischen oder pflegerischen Personal, gemeinsam definieren, welche Aspekte wichtig sind. Zusammen werden Qualitätskriterien aufgestellt und bewertet. Natürlich eröffnet der Preis ein Spannungsfeld mit anderen Kriterien, aber am Ende stehen immer der Patientennutzen und das Behandlungsergebnis.

Haben Sie den Eindruck, dass das Beschaffungssystem innovationsfeindlich ist?

Innovationsfeindlich würde ich nicht sagen, aber unsere Budgets sind knapp und Entscheidungen daher schwierig. Der Preisdruck führt auch dazu, dass Anbieter außerhalb Europas oft günstiger sind und daher auch zum Zug kommen. Das heißt nicht, dass diese Produkte automatisch qualitativ schlechter sind. Wenn wir die Möglichkeit haben, dann bevorzugen wir europäische oder österreichische Anbieter, die auch oft mit Rohstoffen aus dem asiatischen Raum arbeiten müssen, weil es manches in Europa einfach nicht gibt. Sehr strikt sind wir zum Beispiel bei Lebensmitteln, die wir ausschließlich regional kaufen. Die Wertschöpfung in Europa oder in Österreich zu halten, ist uns ein großes Anliegen.

Gerade während der Pandemie wurde deutlich, wie abhängig Europa bei bestimmten Medizinprodukten von internationalen Lieferketten ist. Haben wir daraus ausreichend gelernt?

Wir haben aus der Pandemie gelernt, denn sowohl die Kliniken als auch die Lieferanten haben ihre Lagerbestände erhöht, um größere Puffer für mögliche Engpässe zu schaffen. Gleichzeitig schauen wir heute genauer darauf, wo Produkte und ihre Bestandteile herkommen, und versuchen verstärkt, österreichisch beziehungsweise europäisch einzukaufen. Ganz lösen lässt sich die Abhängigkeit von internationalen Lieferketten aber dennoch nicht. Viele Rohstoffe und Komponenten für Medizinprodukte werden heute außerhalb Europas produziert. Teilweise gibt es dafür hierzulande kaum noch entsprechende Produktionskapazitäten. Selbst ein Produkt, das in Europa hergestellt wird, kann daher auf Vorprodukte aus Asien oder anderen Weltregionen angewiesen sein. Eine stärkere Rückverlagerung der Produktion nach Europa wäre wünschenswert, ist aufgrund höherer Kosten und regulatorischer Rahmenbedingungen aber nicht einfach umzusetzen. Die Lieferketten bleiben deshalb global. Entscheidend ist, sie robuster zu machen und Risiken früher zu erkennen.

Die aktuellen Reformen im Gesundheitswesen sehen eine mögliche Lösung in einem österreichweiten Zentraleinkauf? Wie realistisch beurteilen Sie diesen Vorschlag?

Zentralisierung kann in vielen Bereichen effizienter sein, weil spezialisierte Teams größere Mengen bündeln und Prozesse vereinheitlichen. Im medizinischen Einkauf sehe ich jedoch klare Grenzen. Gerade bei innovativen oder hochspezialisierten Produkten braucht es den engen Austausch zwischen Einkauf, Lieferanten sowie Ärztinnen, Ärzten und Pflegepersonal. Nur so lässt sich beurteilen, welches Produkt zur jeweiligen Behandlung und zu den Anforderungen der Klinik passt. Herzklappen oder Implantate lassen sich daher nicht nach demselben Prinzip zentral beschaffen wie etwa Kopier- oder Toilettenpapier.
Die Bundesbeschaffung GmbH BBG leistet bei standardisierten Produktgruppen gute Arbeit. Eine österreichweite Zentralisierung hochspezialisierter Medizinprodukte sehe ich dagegen kritisch, weil dabei die Nähe zu den Anwenderinnen und Anwendern verloren gehen könnte. Sinnvoll sind gemeinsame Ausschreibungen dort, wo sie fachlich passen und größere Mengen bessere Konditionen ermöglichen.
Das praktizieren wir bereits heute, denn die tirol kliniken schreiben gemeinsam mit Bezirkskrankenhäusern aus und kooperieren je nach Produkt auch mit Krankenhausverbünden anderer Bundesländer. Dadurch lassen sich Beschaffung und Preise optimieren, ohne auf die notwendige medizinische Expertise vor Ort zu verzichten. Was mit mehr Kooperation im Einkauf erreicht werden soll, ist daher bereits gelebte Realität.