Kunstherz statt Transplantation: Eine Erfolgsgeschichte der Medizin

Seit mehreren Jahrzehnten nimmt eine Forschungsgruppe der Medizinischen Universität Wien und der Ludwig Boltzmann Gesellschaft bei Innovationen auf dem Gebiet der Kunstherzen weltweit eine führende Rolle ein. Vor 25 Jahren wurde das Wiener Kunstherz erstmals implantiert. Ursprünglich als Überbrückung bis zum Zeitpunkt einer Herztransplantation eingesetzt, ist ein Kunstherz mittlerweile auch eine dauerhafte Option für schwer herzkranke Patienten.

Spitzenwerte bei Überlebenschance

Nicht größer als ein Daumen ist eines der modernen Kunstherzen, mit denen die Wiener Wissenschaftler arbeiten. „Ein Kunstherz wird wie ein Turbolader in den linken Ventrikel des geschwächten Herzens eingesetzt und übernimmt den Großteil der Pumpleistung. Das unterstützte Herz und der gesamte Organismus können sich so wieder erholen“, erklärt Dr. Georg Wieselthaler, Chirurg und klinischer Leiter des Kunstherzprogramms an der MedUni Wien, der sein Know-how seit 25 Jahren bei der Entwicklung von Kunstherzen einbringt. „So können wir auch schwer kranke und geschwächte Patienten auf eine Herztransplantation vorbereiten und den Zeitraum bis zur Transplantation überbrücken.“ Vormals todkranke Menschen können damit ein weitgehend normales Alltagsleben führen, moderaten Sport ausüben und oft auch an den Arbeitsplatz zurückkehren. Einzig an einer Batterietasche an der Hüfte erkennen Insider die Kunstherzträger.
„Ein Kunstherz wird bei uns zunehmend zu einer dauerhaften Therapieoption“, meint DI Dr. Heinrich Schima, technischer Leiter des Wiener Kunstherzprogramms. „Wir haben Regelungssysteme entwickelt, die sich an den physiologischen Bedarf des Körpers anpassen und es ist uns gelungen, die Wechselwirkung zwischen der verbleibenden Herzfunktion und dem Implantat kontinuierlich zu beobachten. In einer von uns geleiteten Multicenter-Studie untersuchen wir die Anwendungssicherheit und Benutzerfreundlichkeit dieser Systeme. Daneben entwickeln wir auch Kanülen mit besonderer Blutschonung für zukünftige Systeme, die in „Knopflochchirurgie“ implantiert werden können. Insgesamt haben sich das Überleben und die Lebensqualität dieser Patienten extrem verbessert. Während vor zehn Jahren eine Transplantation zwingend notwendig war, da weniger als 50% der Patienten zwei Jahre überlebten, liegt das Zweijahres-Überleben in Wien derzeit bei 85% – ein weltweiter Spitzenwert. Erfolgsfaktor für diese Entwicklung ist nicht zuletzt auch die interdisziplinäre Zusammenarbeit von Experten unterschiedlicher Fachgebiete. So umfasst der Ludwig Boltzmann Cluster für Kardiovaskuläre Forschung Physiker, Chirurgen und Kardiologen, die unter anderem an einer verlässlichen Langzeitunterstützung arbeiten.

Meilensteine der Kunstherz-Geschichte

Aktuell sind 35 Patienten am AKH Wien mit Kunstherzen versorgt. Insgesamt wurden hier bisher mehr als 300 derartige Implantationen durchgeführt, einige davon als Pionierleistungen: Der erste Einsatz des selbst entwickelten „New Vienna Heart“, 1986 war zugleich die erste erfolgreiche Überbrückung bis zu einer Transplantation in Europa. Das New Vienna Heart war mit einer pulsierenden Membran und Klappen einem Herzen nachempfunden und wurde als Totalherzersatz anstelle des Herzens implantiert. 1999 wurde in Wien weltweit erstmalig ein Patient mit einer Rotationsblutpumpe, die einen gleichmäßigen Blutfluss erzeugt, nach Hause entlassen. 2006 wurde in Wien erstmals weltweit eine Rotationsblutpumpe mit hydromagnetischer berührungsloser Lagerung implantiert. Die jüngsten Innovationen sind eine automatische Regelung, die die Pumpenleistung an den physiologischen Bedarf anpasst und die Entwicklung einer Technologie, mit der die verbleibende Herzfunktion kontinuierlich überwacht werden kann.

MP 03|2011

Herausgeber: AUSTROMED – Interessensvertretung der Medizinprodukte-Unternehmen
Publikationsdatum: 2011-06-17