Gesunde Zukunft

Welche Trends werden aus Ihrer Sicht das Gesundheitswesen in den nächsten ein bis drei Jahren prägen?

Die Trends beginnen mit Menschen, die Ambitionen haben, um Veränderungen einzuleiten. Kein Bereich schafft das alleine. Es braucht Schlüsselpersonen mit unterschiedlichen Backgrounds und viele von diesen kommen von außen, sind oft sogar Nichtspezialisten, die Lust und Engagement einbringen, aber noch nicht „verbrannt“ sind.

Ein Stichwort ist „Digitalisierung“– was ist wichtig, damit sich digitale Anwendungen, künstliche Intelligenz und Big Data in der Medizin und im Gesundheitswesen ­durchsetzen?

Wir haben ein Krankheitssystem, das diejenigen prämiert, die das Wirtschaftswachstum mit Kranken vorantreibt. Das Ziel kann nur sein, daraus einen negativen Business Case zu machen: Wir müssen ein Gesundheits­system aufbauen, das mit weniger Umsatz viel mehr erreichen kann für die Menschen, das den Fokus also auf Gesunde und Langzeitkranke legt. Transformationsprozesse sind nie einfach und nie ohne Rückschläge. In erster Linie ist das eine Frage des Vertrauens und der Vertrauensgewinnung. Aber wir reden hier auch nicht von zwei oder drei Jahren, sondern von den nächsten zehn bis 15 Jahren. Die Haltung und die Grobziele müssen daher stimmen. Wenn wir nicht ambitioniert sind und im Schlendrian die Sache angehen, wird das Gesamtsystem immer wieder zurück­kippen.

Liegt hier der Ball bei den Patienten, bei den Ärzten oder bei den politischen Entscheidungsträgern, damit die Umsetzung in die Gänge kommt?

Da es sich um ein Ökosystem handelt, natürlich bei allen Beteiligten in den Netzwerken. Aber es genügen wohl fünf bis zehn Prozent von sehr guten Führungspersönlichkeiten, die wiederum andere positiv beeinflussen können, damit der Wandel stattfindet.

Sie haben im Rahmen einer ­Veranstaltung gesagt: „Wenn der Populismus zunimmt, geht das Vertrauen weg von den Experten hin zu Peers.“ Wie sieht das in der Medizin aktuell aus? Welche Rolle spielt „Dr. Google“ und wohin geht der Trend?

Wir leben von wachsenden Ineffizienzen und Zumutungen, sodass grobe und schädliche Vereinfachungen, etwa Globalbudgets und lineare Streichungen, kommen können. Sachlichkeit macht der Verpolitisierung Platz. Je bessere Daten wir in wichtigen Anwendungsbereichen zur Verfügung haben, desto eher gewinnen wir kontinuierlich Vertrauen in die Technologie.

Schneller, billiger und „on demand“ ist das Gebot der Stunde, auch bei der ­medizinischen Versorgung. Medizin wird „on demand“ und beim Konsumenten passieren, also außerhalb der Spitäler oder Arztpraxen. Wie muss sich die Gesundheitspolitik darauf einstellen?

Man wird beispielsweise akzeptieren müssen, dass der Arzt nicht mehr das Zentrum ist für alle wichtigen Entscheidungen. Dank Technologie können bereits vor einer Sprechstunde oder einem Spitalseintritt unglaublich viele Vorabklärungen gemacht werden – von einem Rezeptionisten oder einer Telefonistin, mit E-Mails, elektronischen Checklisten oder mit dem Austausch von Fotos, die man von einem kranken Auge oder einer Verletzung gemacht hat, die dann simultan vorausgewertet werden können. Ich vermute, dass sich so über die Zeit 50 bis 70 Prozent der Arzt- oder Spitalsbesuche vermeiden lassen. Die Zukunft der Medizin ist außerhalb der Sprechstunde, außerhalb des Spitals oder der Praxis.

Die meisten Gesundheitsprobleme sind fehlgeleitete Kommunikationsprozesse. Können Maschinen eine Kurskorrektur ­bewirken?

Das kann man so sehen. Maschinen sind immer ein Support, werden häufig aber als Ersatz für Qualität in der Beratung eingesetzt. Aber auch wenn die Ärztin in der Sprechstunde immer nur im 90-Grad-Winkel zur Patientin sitzt und das Gesprochene in den Computer eintippt, geht viel gute Zeit einfach verloren. Wir brauchen horizontales und vertikales Wissen und Technologie kann uns das leicht beschaffen.

Sie meinen, dass wir bei der ­Digitalisierung vom „Tal der ­Enttäuschungen“ über den „Pfad der Erleuchtung“ in Richtung eines „Plateaus der Produktivität“ kommen werden. Woran erkennen wir das im Behandlungs­alltag konkret?

Das war ein genereller Hinweis darauf, dass wir bei innovativen Technologien zuerst viel zu hohe Erwartungen haben. Wenn sich der Erfolg dann nicht sofort einstellt, ist man enttäuscht und gibt auf. Darum ist es wichtig, einen starken Willen zu haben und auch kleine Erfolge messbar zu machen. Wer lernbereit ist, auch nach Enttäuschungen dranbleibt und die Chancen erkennt, hat langfristig den Erfolg.

Allein in Wien haben wir viermal so viele Privatärzte wie Kassenärzte. Die Zwei-Klassen-Medizin ist Realität. Wie viel Staat und wie viel „Privates“ brauchen wir im Gesundheitswesen künftig? Ist ein solidarisches System noch zeitgemäß?

Technologie kann vieles transparent machen und korrigieren helfen. Mit dem heutigen Ansatz einer angebotsinduzierten Nachfrage und einer silomäßig orientierten Versorgung hat der Arzt immer nur das Interesse, ein bestimmtes Einkommen zu erzielen. Das erreicht er spielend, solange er einfach Sprechstunden, Eingriffe und Medikamente verschreiben kann. Die Verantwortung und das Risiko sourct er ja sowieso aus – wie die Banker. Mehr Ärzte bringen mehr Kranke und mehr Umsatz. Aber Dienen kommt vor Verdienen. Die Ärztin von morgen ist mehr Sozialmedizinerin. Sie verabreicht nicht nur abstrakte Informationen, sondern kann auch erklären.

Eine gute Demokratie löst Probleme der Bürger, sonst wenden sie sich an denjenigen, der am lautesten schreit, oder an den Stärksten. In vielen europäischen Ländern beobachten wir diese Entwicklung aktuell sehr deutlich. Was muss passieren, damit wir wieder zu einer „guten Demokratie“ kommen?

Nehmen Sie die Fähigkeit zum Wandel und die Entwicklung von einem Krankheitssystem zu einem Gesundheitssystem als Prüfstein für eine gut funktionierende Demokratie.

 

 

Die AUSTROMED fordert seit Langem einen ­Wandel vom Produktdenken zum Prozessdenken. Gerade das Handeln unter dem Aspekt beschränkter Ressourcen zwingt uns dann dazu, neue Ideen entstehen zu lassen und neue Wege zu finden. Kurz gesagt: Innovation vorantreiben, und zwar mit einer höheren Geschwindigkeit. Die Medizinprodukte-Unternehmen bekennen sich zu Innovationen, aber nicht nur in der Diskussion, sondern auch im täglichen Tun. Billiger im Sinne der Stückkosten werden Innovationen nicht werden, aber wir müssen lernen, über ­ Sektorengrenzen zu denken. Wenn intra- und ­extramuraler Bereich endlich zusammenarbeiten, werden Medizinprodukte die Versorgung besser und günstiger zugleich machen können.

AutorIn: Dr. David Bosshart

Gottlieb Duttweiler Institute

Foto: GDI/Sandra Blaser


MP 03|2019

Herausgeber: AUSTROMED, lnteressensvertretung der Medizinprodukte-Unternehmen
Publikationsdatum: 2019-10-23