Zukunft beginnt heute

Welche großen Trends werden das Gesundheitswesen in den nächsten Jahren prägen?

Patienten fordern mehr Leistungen, Health Professionals müssen flexibel reagieren und können sich den neuen Anforderungen gar nicht verschließen. Das schließt natürlich auch die Anbieter von Medizinprodukten ein. Patienten tauschen sich online aus, sind gut informiert und wollen bestmöglich versorgt sein. Das müssen die Firmen auf dem Radar haben, um mit passenden Produkten und Dienstleistungen reagieren zu können. Das zentrale Stichwort heißt „Digitalisierung“ – hier wird sehr rasch sehr viel passieren. Der technologische Wandel eröffnet neue Behandlungsmöglichkeiten, der demografische Wandel erhöht den Bedarf an Gütern der Gesundheitswirtschaft, die Nachfrage steigt durch ein neues Gesundheitsverständnis und steigenden Wohlstand. Die Gesundheitswirtschaft etabliert sich als bedeutender Bestandteil der nationalen Ökonomie mit deren Produktivität, Verflechtung, Vorleistungsstruktur, Exportmöglichkeiten und Beschäftigten.
Neben der Digitalisierung gibt es einen zweiten Trend, der dieser Entwicklung in die Hände spielt, das sind die mehrfach chronisch Kranken. Wir können immer mehr Erkrankungen behandeln, aber nicht heilen, denn die Zusammenhänge zwischen den einzelnen Erkrankungen bleiben bisher unbeachtet. Das stellt die Medizin der Zukunft und das gesamte Gesundheitswesen vor ganz neue Herausforderungen.

Was davon ist im Gesundheitssatellitenkonto abgebildet?

Ein Gesundheitssatellitenkonto (GSK) ist ein Teil der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnungen, es erfasst Verflechtungen der Gesundheitswirtschaft mit der restlichen Wirtschaft und macht sie sichtbar. Damit können Effekte der bestehenden Nachfrage, aber auch potenzieller Nachfrageänderungen berechnet werden. Ein wirtschaftlicher Fußabdruck kann dargestellt werden, das sind Auswirkungen von Investitionen eines Unternehmens der Branche oder der öffentlichen Hand. Auch Investitions- und Wachstumsziele können damit überprüft werden. Daher wissen wir, dass die Bedeutung der Gesundheitswirtschaft für Österreich hoch ist und der Wachstumsmarkt vermutlich weiter boomen wird. Der Kernbereiche der Ärzte, der Spitäler und der Pharmaindustrie wirken stabilisierend, also auch bei rückläufiger Konjunktur wird die Nachfrage nicht weniger. In den erweiterten Bereichen wie beispielsweise Sport, Ernährung oder Tourismus sind Konjunkturschwankungen stärker spürbar, gleichzeitig ist das Wachstum größer.

 

 

Wie schätzen Sie die Rolle der Medizinprodukte-Branche in diesem Umfeld ein?

Ich denke, dass die Medizinprodukte-Branche eine sehr große Rolle in der heimischen Wirtschaft spielt. Die zu erwartenden Verschärfungen der Marktzulassung durch die Medizinprodukte-Verordnungen werden einen bremsenden Effekt haben. Es wird sehr entscheidend sein, wie gut sich Politik und Wirtschaft darauf vorbereiten. Für größere Unternehmen wird das kein Grund zur Sorge sein, aber wir wissen, dass die heimische Medizinprodukte-Branche aus vielen Klein- und Mittelbetrieben besteht, die massiv betroffen sind.

Werden Innovationen künftig noch Platz im Gesundheitswesen haben?

Natürlich ist das nicht innovationsfördernd, aber das war auch nicht das Ziel der Regularien. Ziel war die Verbesserung der Patientensicherheit. Wir benötigen dringend ein Bewusstsein bei den Start-ups, dass eine gute Idee allein noch nicht reicht. Es muss vorausschauend geplant werden. Jeder, der heute ein Produkt entwickelt, muss sich von Anfang an auch mit Dokumentationspflichten und Market Surveillance auseinandersetzen. Jeder, der in der angewandten Produktforschung arbeitet, auch an Universitäten und Forschungseinrichtungen, muss wissen, was in diesen Verordnungen stehen wird. Jede zusätzliche bürokratische Anforderung bringt natürlich eine gewisse Wachstumshemmung mit sich. Die Frage ist, ob uns die höhere Sicherheit das wert ist. Aber auch Unsicherheit ist ein Faktor, der für das Wirtschaftswachstum nicht förderlich ist.

Experten erwarten große Beschäftigungseffekte aus der Gesundheitswirtschaft. Haben wir überhaupt das Potenzial, die Nachfrage mit qualifiziertem Personal zu decken?

Gesundheitseinrichtungen, Behörden, Unternehmen und Zulassungsstellen buhlen jetzt schon um die wenigen Experten in diesem Sektor. Da ist ein Engpass vorprogrammiert, der schon seit vielen Monaten Thema ist und sich auch noch über Jahre hinziehen wird. Europa hat zu wenige Zulassungsstellen für neue Medizinprodukte, da braucht es zuerst die Einrichtungen und dann natürlich die Mitarbeiter. Langfristig ist es keine erfolgreiche Taktik, in anderen Teichen zu fischen. Wir müssen dringend selbst in die Ausbildung investieren und dafür Sorge tragen, dass Talente im Land bleiben.

 

In einem aktuellen Forderungspapier der AUSTROMED steht die faire und transparente Vergabe im Mittelpunkt. Die gesetzlich verankerteGewichtung von Preis und Qualität bei Vergabeentscheidungen soll festgeschrieben werden. Die Qualität muss dabei mit mindestens 50 % bewertet werden – bei lebenserhaltenden, lebensrettenden oder besonders innovativen Medizinprodukten mit zumindest 80 %. Eine nachvollziehbare, objektive Bewertung aller produktbegleitenden Dienstleistungen – so etwa auch von Serviceleistungen – ist für die Sicherung des Wirtschaftsstandorts Österreich entscheidend. Durch eine erweiterte sektorenübergreifende Kostenbetrachtung im Sinne der „Total Costs of Ownership“ durch die ausschreibende Stelle liegt der Fokus nicht auf einer kurzfristigen Stückkosteneinsparung, sondern auf einer nachhaltigen Optimierung der gesamten Behandlungskosten.

Dr. Thomas Czypionka

Leiter der Abteilung Gesundheitsökonomie und Gesundheitspolitik am IHS

Foto: Sabine Klimpt


MP 03|2019

Herausgeber: AUSTROMED, lnteressensvertretung der Medizinprodukte-Unternehmen
Publikationsdatum: 2019-10-23