Hautersatz – Quo vadis?

Im Laufe der letzten drei Jahrzehnte wurden große Fortschritte bei der Erforschung der zellulären und molekularen Prozesse bei der akuten Wundheilung und der Pathobiologie von chronischen Wunden erzielt. Durch dieses Wissen konnte die Wundbehandlung verbessert werden: Das Abheilen von chronischen und akuten Wunden erfolgt rascher. Weiters konnten die funktionellen und ästhetischen Ergebnisse merklich verbessert werden. Durch das bessere Verständnis der grundlegenden Prozesse der Wundheilung konnten einige neue Produkte für die Behandlung von komplizierten Wunden entwickelt und auf den Markt gebracht werden.

Gewebeersatz – eine mögliche Lösung

Die Behandlung von komplizierten Wunden oder Wunden, bei denen kein primärer Wundverschluss möglich ist, wurde durch den Einsatz von Hautersatzmaterialien basierend auf Gewebeersatz revolutioniert. „Bisher wurde Gewebe auf zwei Arten – in vivo und in vitro – hergestellt. Die Laienpresse widmete der ‚InvitroMethode‘ viel Aufmerksamkeit, da mit ihr versucht wird, Organe in Gewebekulturen oder Bioreaktoren für eine Implantation oder einen Organersatz zu erzeugen“, erklärt Verbrennungsexperte Univ.Doz. Dr. LarsPeter Kamolz, Leiter der klinischen Abteilung für Plastische, Ästhetische und Rekonstruktive Chirurgie, Universitätsklinik für Chirurgie, Medizinische Universität Graz. Mit der „InvivoMethode“ wird hingegen versucht, eine azelluläre Matrix zu erzeugen, die auf die Wunde aufgebracht wird, die Wundheilung moduliert und als Gittergerüst für einsprossendes körpereigenes Gewebe dient. Im Idealfall sollte der Gewebeersatz die Wundheilung beschleunigen und die Bildung von neuem Gewebe unterstützen, das dem unverletzten Gewebe der Patienten strukturell und funktionell ähnlich ist.
Bei 2bgradigen und drittgradigen Verbrennungen ist die Standardtherapie eine frühzeitige Operation, wobei das verbrannte Areal entfernt (Nekrosektomie) und je nach Tiefe gedeckt wird. 2bgradige Areale werden in Abhängigkeit von der Lokalisation zum Beispiel mit Keratinozyten oder synthetischen Hautersatzmaterialien gedeckt. Bei drittgradigen Verbrennungen erfolgt routinemäßig eine Deckung mit Spalthauttransplantaten. „In funktionell wichtigen Regionen kommt heute auch häufi g eine kombinierte Rekonstruktion der Haut mittels dermaler Matrix und Spalthaut zum Einsatz. Bei freiliegenden Sehnen oder Knochen bedarf es der Deckung mit Lappenplastiken“, erklärt Kamolz.

Temporärer Hautersatz

Ist die Möglichkeit der ausreichenden Eigenhauttransplantation nicht gegeben – wenn etwa zu wenige Entnahmemöglichkeiten bei ausgedehnten Verbrennungen vorhanden sind, der Zustand des Patienten eine Operation vorläufi g nicht zulässt oder die nekrosektomierte Wunde für Eigenhauttransplantate noch nicht bereit ist –, werden zur Überbrückung verschiedene Formen des temporären Hautersatzes angewendet.

  • allogene Spalthauttransplantation (Spenderhaut) für einen vorübergehenden Wundverschluss
  • xenologe Transplantate (z. B. Schweinehaut) für einen vorübergehenden Wundverschluss
  • künstlicher Hautersatz zur vorübergehenden Wundabdeckung

Azellulärer Hautersatz

Suprathel® (PolyMedicsInnovations GmbH, Deutschland) ist ein vielversprechendes und vollständig synthetisches Co-Polymer mit einer porösen Membran und basiert hauptsächlich auf DLLaktid- Trimethylenkarbonat (>70 %), Trimethylenkarbonat und ε-Kaprolakton und ist in verschiedenen Poren- und Oberflächengrößen erhältlich. Es kann nach der Exzision und Hämostase bei 2-gradigen Verbrennungen sowie für Entnahmestellen verwendet werden. Ein großer Vorteil der Anwendung ist die schmerzreduzierte und beschleunigte Epithelisierung.

Dermale Ersatzmaterialien

Bereits 1981 wurde ein Kompositum von Rinderkollagen und Chondroitin-6-Sulfat aus Haiknorpeln mit einer äußeren Silikonhülle entwickelt. Dieses dient als organotypische Dermis bei Hauttransplantationen. Nach der Bedeckung der Wunde erlaubt das azelluläre Kompositum das Einwachsen autologer dermaler Fibroblasten und wird während der Zelleinwanderung abgebaut. Rund drei Wochen nach der Auflage wird das Silikonsheet wieder entfernt und die Wunde in einem zweiten Eingriff mit einem Autograft-Sheet bedeckt.
Ein einzeitiges Verfahren für die Bedeckung akuter Wunden ist prinzipiell nicht möglich. Dieses organotypische Dermismaterial wird erfolgreich bei Brandverletzungen eingesetzt und wurde von der FDA als Behandlungsmethode für diese Indikation zugelassen (Integra®, LifeSciences Corporation, USA). Seit einigen Jahren steht auch eine dermale Regenerationsmatrix zur Verfügung, die dazu geeignet ist, Hautdefekte in einem einzeitigen Vorgehen in Kombination mit Hauttransplantaten zu behandeln.
Matriderm® (Dr. Suwelack Skin & Health Care, Deutschland) ist eine dünne, poröse Membran, die aus nativem Rinderkollagen besteht und mit einem Elastin-Hydrolysat vom Nackenband eines Rindes ummantelt ist. Die Kollagen-Elastin-Matrix wird innerhalb einiger Wochen nach Anbringen vollständig in körpereigenes dermales Gewebe umgewandelt.

Konkretes Produkt für konkrete Anwendung

Das heutige Wundmanagement besitzt ein hohes Potenzial für interessante neue Ansätze und Entwicklungen beim künstlichen Gewebe- und Hautersatz für die konservative und chirurgische Behandlung. Bedenkt man die Vielzahl an Indikationen und klinischen Anwendungen, ist es wichtig, ein konkretes Produkt mit Bedacht für die jeweilige klinische Situation anzuwenden. Die Verwendung dieser Produkte sollte, ebenso aufgrund der damit verbundenen hohen Kosten, nur erfahrenen Spezialisen vorbehalten bleiben. Nur in deren Händen kann ein sensibles und Ressourcen-schonendes Produkt korrekt angewendet werden, um die Erwartungen der Patienten zu erfüllen. Trotz der Fortschritte, die gemacht wurden, ist die Entwicklung eines Hautersatzes, der universell anwendbar und strukturell und funktionell der Haut ebenbürtig ist, noch immer eine Herausforderung für die heutige und zukünftige medizinische Forschung.

MP 03|2012

Herausgeber: AUSTROMED – Interessensvertretung der Medizinprodukte-Unternehmen
Publikationsdatum: 2012-06-25