Komplikationen der ­Immobilität

Mobilisation ist die Bewegung eines Menschen im Bett und aus dem Bett heraus. Darunter fallen alle Maßnahmen zur körperlichen Aktvierung. Ziel ist es, damit die Beweglichkeit und Selbstständigkeit zu erhalten und zu fördern. Nur so kann man die Komplikationen einer Immobilität minimieren oder verhindern, denn: Bewegung beugt Krankheiten vor, fördert die Entgiftungsprozesse und ist für das geistige und körperliche Wohlbefinden wichtig.
Der komplikationslos verlaufende Myokardinfarkt mit PTCA und Stent-Implantierung wird heute nach bereits nach 24 bis 48 Stunden mobilisiert, in den 80er-Jahren wurde noch eine Bettruhe von bis zu zehn Tagen verordnet. Bereits nach einer Zeitspanne von 24 bis 48 Stunden Bettruhe können erste und ernste Komplikationen auftreten und sind nicht auf eine bestimmte Altersgruppe beschränkt. Komorbidität und erhöhtes Alter beschleunigen und verstärken jedoch mögliche Komplikationen.

Auswirkungen der Immobilisation

Die Angst und Passivität, aber auch Aggression und Wut über die eigene Hilflosigkeit bzw. Eingeschränktheit gehen oft mit einem Verlust des Selbstwertgefühls einher. Die sich daraus ergebende Isolation kann zum Nachlassen kognitiver, aber auch emotionaler Fähigkeiten führen und die Entwicklung weiterer psychischer Veränderungen begünstigen. Bettruhe führt zur Abnahme des Herzschlagvolumens und des Herzminutenvolumens. Daher kommt es zu Schwäche und Schwindelgefühlen kurz nach dem Aufstehen bis hin zur Bewusstlosigkeit. Durch das Fehlen der Muskelpumpe beim Gehvorgang verlangsamt und staut sich der venöse Blutfluss in den Waden und die Grundlage für Thrombosen in den unteren Extremitäten ist gelegt.
Die Atmung bei lang anhaltender Bettruhe wird zunehmend langsamer, flacher und oberflächlicher, das Risiko der Atelektasenbildung steigt stark an. Dadurch kommt es zu einer Reduktion der Gasaustauschfläche. Bei unzureichender Hustentätigkeit und fehlendem Positionswechsel ist ein Sekretstau die Folge, der das ideale Milieu für das Wachstum von Bakterien und die Grundlage für eine Pneumonie bildet.
Auch der Appetit und die Nahrungsaufnahme werden durch Krankheit und Immobilisierung reduziert. Das Hungergefühl geht verloren, dadurch fehlt eine angemessene und ausgewogene Nährstoffaufnahme. Damit verbunden kommt es zu Muskelabbau und zu einem Kräfteverlust. Bei lang andauernder Immobilität fehlt auch der Stimulus für eine normale Ausscheidung. Die Folge sind eine unvollständige Entleerung des Darmes und die Gefahr von Obstipation und Ileus. Wenn Muskeln, Bänder, Sehnen oder Faszien nicht mehr gedehnt und bewegt werden, verkürzen sie sich. Zwangs- oder Schonhaltung von Gelenken führt zu schmerzhaften Bewegungseinschränkungen und zu unphysiologischen Bewegungsabläufen. Durch fehlende Bewegung und Stimulation oder Reize von außen kommt es auch zu Veränderungen und Reduktion des hyalinen Knorpelgewebes. Wird der Muskel nicht mehr aktiv bewegt, kommt es zur Reduktion des Muskelquerschnittes – nach vier Wochen liegt der Wert zwischen 10 und 60 %.
Eine Folge können auch Körperwahrnehmungsstörungen sein, wie beispielsweise Lateralitätsstörungen, bei denen rechte und linke Körperseite nicht voneinander unterschieden werden können, Halbseitenlähmungen sowie Neglect-Syndrome, bei denen die Existenz bestimmter Körperteile verleugnet wird.

Schwerpunkt: Druckgeschwüre

Dekubitus ist eine der bekanntesten und folgenschwersten Komplikationen der Immobilität, geht aber – wenn überhaupt – nur als untergeordneter Nebenbefund in medizinische Aufzeichnungen und gesundheitsökonomische Statistiken ein. Gefährdete Körperregionen sind Hautstellen über Knochenvorsprüngen wie Kreuz- und Steißbein, Wirbelsäule, Hinterkopf, Ferse, Ellenbogen, in Seitenlage die großen Rollhügel (Trochanter), die Knöchel des Sprunggelenks, Ohren, in Bauchlage Stirn, Nase, Kinn, Brustbein, Beckenkamm, Penis, Knie und Schienbein. Atypische Stellen für Druckgeschwüre entstehen etwa durch schlecht sitzende Gipsverbände oder medizinisches Material.
Die Druckgeschwüre sind für die Betroffenen sehr belastend, ihre Behandlung aufwendig und teuer, die Heilung langwierig. Aus medizinischer, pflegerischer, ethischer und gesundheitsökonomischer Perspektive muss das zentrale Anliegen daher sein, Druckgeschwüre konsequent durch erfolgreiche, kooperativ erbrachte Vorsorgemaßnahmen zu verhindern.
Je nach Art und Grad der Schädigung wird Dekubitus in verschiedene Schweregrade eingeteilt, abhängig davon, wie tief sich der Dekubitus im Gewebe ausgedehnt hat. Dazu sind unterschiedliche Beurteilungsskalen in Verwendung, die sich in ihrer Gradeinteilung ähnlich sind. Wichtig für die Dokumentation ist, dass in einem Krankenhaus eine einheitliche Beurteilungsskala zum Einsatz kommt. Gerade die komplexen Zusammenhänge von Dekubitusrisiko, -prävention und -therapie machen eine systematische schriftliche Dokumentation aller Aspekte und Handlungsschritte erforderlich.

Frühmobilisation ist entscheidend

Die Betreuung eines Dekubituspatienten ist eine interdisziplinäre Aufgabe von Medizin, professioneller Pflege und Physiotherapie. Größte Bedeutung wird hier der aktiven und passiven Bewegungsförderung sowie der Frühmobilisierung beigemessen. Eine umfassende Prophylaxe schließt auch Maßnahmen zur Beseitigung anderer Risikofaktoren mit ein. Hautpflege sowie Verbesserung der Ernährungssituation und Flüssigkeitsbilanz fördern die Gewebstoleranz. Begünstigende Faktoren wie zum Beispiel Inkontinenz müssen konsequent behandelt werden.
Auch wenn der Dekubitus mit maximalem Aufwand personeller und materieller Mittel bis auf wenige Ausnahmen verhindert werden kann, darf bei dessen Entstehung nur dann schuldhaftes Handeln unterstellt werden, wenn grobe Fahrlässigkeit durch Missachtung allgemein akzeptierter Handlungsvorgaben nachgewiesen werden kann. Die Bewertung von Einzelfällen wird dadurch erschwert, dass nur eine lückenlose Dokumentation die objektive Einschätzung tatsächlich geleisteter Pflege ermöglicht, ein direkter Rückschluss von der Dokumentationsdichte auf die Pflegequalität ist aber problematisch.

AUF EINEN BLICK

Risikofaktoren von ­Dekubitus

Primär:

  • Totale Immobilitätn
  • Bewusstlosigkeit, das Alter des Patienten ist hier nicht von Bedeutung.
  • Relative Immobilität durch Sedierung, Frakturen, Schmerzen oder Lähmungs­erscheinungen

Sekundär:

  • Mangeldurchblutung der Haut (Schock, niederer Blutdruck, Herzinsuffizienz, Diabetes mellitus, Arteriosklerose)
  • Fieber, Inkontinenz
  • Reduzierter Allgemeinzustand – chronische schwere Krankheiten, Malnutrition, Exikose, Kachexien
  • Physiologische Hautalterung

Literatur beim Verfasser

AutorIn: Erwin M. Adrigan

Universitätsklinik Innsbruck
Abt. f. allgemeine und innere Intensivmedizin
Anichstraße 35, 6020 Innsbruck
erwin.adrigan@uki.at


MP 04|2014

Herausgeber: AUSTROMED, Interessensvertretung der Medizinprodukte-Unternehmen
Publikationsdatum: 2014-09-04