Wer will schon eine „Kochbuchpflege“?

Geht es nach dem Gesundheits- und Krankenpflegegesetz, so sollte eine systematische Darstellung von Pflegeprozessen in den Einrichtungen der heimischen Gesundheitslandschaft kein Thema sein. Die Verpflichtung dazu ist normiert, jedoch nicht die Instrumente, die eingesetzt werden können. „Die Fähigkeit und die Verpflichtung, Entscheidungen zu treffen und eigenverantwortlich zu handeln, gibt es natürlich, denn sonst wäre Pflege gar nicht möglich. Hinter jeder Klassifikation steckt natürlich auch ein wissenschaftlicher Prozess, der aber in der Anwendung nicht im Mittepunkt stehen darf. Zentrale Frage ist, welchen Beitrag das Werkzeug der Klassifikation in der praktischen Arbeit bieten kann“, betont der Sozialwissenschaftler Mag. Kurt Schalek, der seinen Arbeitsschwerpunkt im Bereich Pflegeprozess und Pflegediagnostik hat.
Klassifikationssysteme stellen in der Medizin eine Ordnung dar, die dafür sorgt, dass Begriffe zusammengefasst werden, ohne dass sich Inhalte überschneiden, wie zum Beispiel die ICD-10 für Krankheiten. Gründe für Klassifikationssysteme gibt es viele: So werden sie unter anderem in der Dokumentation und ihrer statistischen Auswertung im Sinne von Kennzahlen oder Fallzahlen eingesetzt. „Darüber hinaus bieten sie eine gemeinsame Pflegesprache, die zur Verbesserung der interprofessionellen Kommunikation beiträgt. Vergleichbare Beschreibungen in der Pflegedokumentation schaffen eine Datenbasis für die Qualitätssicherung und für die Pflege­forschung. Und nicht zuletzt kann mit den Pflegedaten eine ­aktive Steuerung in der Gesundheitspolitik stattfinden“, erklärt Schalek. Standardisierte Daten bieten somit Nutzen für die Pflegepraxis, das Management, die Wissenschaft und politische Entscheidungsträger.

Hartnäckige Mythen

Dennoch wird Kritik an Klassifikationssystemen laut und eine Reihe von Mythen hält sich hartnäckig. „Standards laufen der individuellen Pflege zuwider und schränken ein. Sie führen zu einer Pflege nach Kochrezept und werten die Pflege ab“, fasst Schalek die gängigsten Vorurteile zusammen und ergänzt: „Nur weil Standards für den Hausbau definiert sind, heißt das nicht, dass alle Häuser gleich aussehen müssen. Das heißt, wie eine Situation zu bewerten ist, muss immer noch von der Pflegeperson entschieden und auf den Patienten abgestimmt werden.“ Dass die Standardisierung von Prozessen und Ergebnissen nicht automatisch zu standardisierten Entscheidungsprozessen führen muss, liegt auf der Hand. „Ängste gegenüber Neuerungen gibt es immer und die hängen auch mit der jeweiligen Fehlerkultur im Unternehmen zusammen. Die systematische Darstellung von Pflegeprozessen soll nicht zum Ziel haben, Fehler anzuprangern, sondern vielmehr durch systematische Auswertungen und Evaluierungen zu lernen und zu erfahren, die Wirksamkeit des eigenen Handelns deutlich zu machen“, so Schalek.

Die Qual der Wahl

Die Problematik liegt derzeit wohl auch im Markt: Das Angebot an Pflegedokumentationen wächst und reicht mittlerweile von klingenden Namen wie NANDA und POP über ICNP und LEP bis zu NIC und NOC. Eine Harmonisierung ist nach Ansicht des Experten nicht in Sicht: „Am ehesten wird man sich auf eine Referenzterminologie einigen, in die dann alle Systeme übersetzt werden können. Grundsätzlich hängen Entscheidung und Auswahl wesentlich vom Anforderungsprofil und der Arbeitskultur vor Ort ab“, mein Schalek. Künftige Anwender müssen daher zu allererst eine klare Vorstellung von ihren Anforderungen haben.

MP 04|2014

Herausgeber: AUSTROMED, Interessensvertretung der Medizinprodukte-Unternehmen
Publikationsdatum: 2014-09-04