Diabetischer Fuß – Wenn die Lobby fehlt

Die Behandlung des diabetischen Fußsyndroms erfolgt mehr oder weniger im Verborgenen. das lässt sich schon daran erkennen, dass ein bundesweites Netz von Spezialambulanzen fehlt.

Eine Ausnahme bildet die Steiermark mit ihren fünf diabetischen Fußambulanzen. „Ebenfalls symptomatisch für die schlechte Versorgungslage ist die Tatsache, dass etwa seitens der Österreichischen Diabetes Gesellschaft (ÖDG) das diabetische Fußsyndrom (DFS) in den Leitlinien nur kurz erwähnt wird. Die Deutsche Diabetes- Gesellschaft verfügt im Gegensatz dazu über eine eigene Leitlinie und Arbeitsgruppe Diabetischer Fuß“, weiß Dr. Gerd Köhler von der klinischen Abteilung für Endokrinologie und Stoffwechsel der Medizinischen Universität Graz. Vonseiten der Sozialversicherer werden zeitintensive Wundbehandlungen durch niedergelassene Ärzte nicht entsprechend honoriert. Damit ist diese Indikation automatisch im Spitalsbereich angesiedelt. Im Vergleich dazu gibt es in Deutschland gezieltes Disease-Management mit spezialisierten Diabetesschwerpunktpraxen, die sich unter anderem mit der Wundthematik beschäftigen.

Spezialambulanz arbeitet interdisziplinär

„Unsere diabetische Fußambulanz hat sich seit 1996 konstant wachsend entwickelt. Sie ist Teil der Diabetesambulanz und umfasst zusätzlich zur Diabetesbehandlung auch die Versorgung des diabetischen Fußes“, gibt Köhler Einblick. Sobald eine Wunde bei Diabetikern nicht mehr oberflächlich ist oder Heilungsprobleme zeigt, ist das ein Fall für eine interdisziplinäre Betreuung, die entsprechend koordiniert werden muss. Das Alter der Patienten in der Grazer Fußambulanz beginnt bei 30, das Maximum liegt bei 60- bis 80-Jährigen. Das Durchschnittsalter lag 2010 bei 66,5 Jahren. Die Grundlage des DFS ist das Auftreten einer Polyneuropathie (PNP). 30 Prozent der Betroffenen leiden bereits bei der Erstdiagnose des Diabetes daran. Diese PNP führt zu einer Reduktion der Schmerzreize – auch in Bezug auf Verletzungen oder Druckstellen durch Schuhe. Es erfolgt quasi eine Entkoppelung der Füße vom Kopf bzw. vom Gehirn. „Damit kommt es letztlich insofern zu einer absurden Situation, dass man üblicherweise ärztliche Hilfe aufsucht, wenn man Schmerzen fühlt. Dieses Warnsignal fehlt bei der PNP meist, sodass Betroffene erst viel zu spät oder gar nicht zum Arzt gehen, beziehungsweise oberflächliche Wunden nicht ernst genommen werden“, betont Köhler. Das ist auch der Hintergrund für eine enorme Dunkelziffer an Fällen.
Die Tatsache, dass es sich um ein Krankheitsbild handelt, das keinerlei „Warnung“ aussendet, ist für die Patienten eine erhebliche psychologische Herausforderung. „Sie sollen auf ihre Füße achten, obwohl sie ihnen im langläufigen Sinn keine Beschwerden machen. Wird darauf vergessen, kommt es zu den typischen Verletzungen, die zu chronischen Wunden führen und letztlich in einer Amputation ihren Endpunkt finden können“, fasst der Experte zusammen.

Prävention ist möglich

Das Optimum in der Prävention des DFS bei bestehender PNP wären eine professionelle Fußpflege, regelmäßige Kontrollen des Fußes durch Patienten und Arzt sowie geeignetes Schuhwerk. „Und hier beginnt das nächste Versorgungsdesaster. Es gäbe zwar geeignete Schuhe mit entsprechender Ausstattung an Weichbettungseinlagen, aber sie werden kassenseitig, zumindest in der Steiermark, nicht zur Gänze bezahlt“, weiß der Mediziner.
In der Akutversorgung eines Fußulkus ist die totale Ruhigstellung zum Beispiel mit einem Gips die Methode der Wahl – eine gleichermaßen effiziente wie zeitaufwendige Methode. Weiters stehen industriell gefertigte Entlastungsschuhe als Alternative zur Verfügung, wobei auch hier nur der Vorfußentlastungschuh von der Sozialversicherung refundiert wird und dieser gerade für ältere Patienten durch die PNP bedingte Gangunsicherheit völlig ungeeignet ist.

Facts & Figures

Alle 30 Sekunden verliert weltweit ein Diabetiker ein Bein. Von den 300.000 Diabetikern in Österreich erleiden mindestens 25% einmal eine diabetische Fußkomplikation. 75% der Amputationspatienten sind Diabetiker. Jenseits des 70. Lebensjahres sind bis zu 77% dieser Patienten pflegebedürftig. Innerhalb von vier Jahren folgt bei 50% der Betroffenen das zweite Bein. Die perioperative Sterblichkeit liegt bei bis zu 25% und nach fünf Jahren sind nur noch 27% der Patienten am Leben.

Kommentar von: Dr. Gerd Köhler

Klinische Abteilung für Endokrinologie und Stoffwechsel der Medizinischen Universität Graz


MP 02|2012

Herausgeber: AUSTROMED – Interessensvertretung der Medizinprodukte-Unternehmen
Publikationsdatum: 2012-04-23