Wundmanagement: „Nur Prävention ist kosteneffektiv“

Welche Schwerpunkte werden auf der heurigen AWA Jahrestagung behandelt?

Schwerpunkte bei der diesjährigen Tagung in Graz sind das Debridement, das die Basis jeglicher Wundbehandlung darstellt, und die infizierte Wunde.

Wundversorgung und -management sind nach wie vor keine beliebten Themen in der Medizin – wie kann hier ein Imagewandel eingeleitet werden?

Leider ist die Behandlung von Patienten mit chronischen Wunden bei uns nach wie vor ein Stiefkind der heutigen Medizin. Wenig attraktiv für die Behandler, weil es Ausbildungsdefizite gibt und eine entsprechende Wertigkeit und Honorierung besonders im niedergelassenen Bereich fehlt.
Die Krankenhäuser bzw. Ambulanzen sind überfüllt mit Wundpatienten. Hautärzte, Chirurgen, Angiologen, Diabetologen, Gefäßchirurgen und plastische Chirurgen sind häufige Anlaufstellen. Jede Disziplin hat ihre eigenen Methoden und Ansichten, doch behandelt soll nicht die Wunde per se, sondern der ganze Patient werden. Nur ein interdisziplinäres Vorgehen mit Einbeziehung aller Spezialfächer und der Pflege sowie moderner Orthopädietechnik und die Betreuung im niedergelassenen Bereich können zur erfolgreichen Behandlung von Wundpatienten führen. Eine alleinige Behandlung mit modernen Wundauflagen ist völlig unzureichend, wenn der Patient an einer unbehandelten Durchblutungsstörung leidet oder eine Knocheninfektion vorliegt. Auch wird ein neuropathisches Ulcus an der Fußsohle beim Diabetiker nur durch eine Druckentlastung abheilen. Der TCC, der in vielen Ländern bereits seit Jahren als Goldstandard gilt, ist in Österreich beinahe unbekannt.

Gibt es dazu internationale Erfahrungen oder Vorbilder?

Die Amputationsrate in Österreich von 19/100.000 im internationalen Vergleich zu 3/100.000 zeigt, dass akuter Nachholbedarf bei Patienten mit diabetischem Fuß besteht. Prof. Gerald Zoech, AWA Mitglied der ersten Stunde, hat beim EWMA (European Wound Management Association) Kongress in Madrid am 15. Mai die ersten Schritte zur Verbesserung der Versorgung von diabetischen Fußpatienten in Österreich in Form von fünf Zielen präsentiert: 1. Prävention, 2. erhöhte Awareness/Patientenschulung, 3. Reorganisation der Behandlung durch ein Dreistufenbehandlungsprogramm (Stufe 1: Basisbehandlung durch Allgemeinmediziner und Diabetesbetreuer; Stufe 2: Fortgeschrittene Behandlung durch Wundexperten und/oder Podologen; Stufe 3: Spitalsbehandlung durch Gruppe von Experten: Diabetische Fußklinik), 4. die Implementierung internationaler Ausbildungsprogramme (Diabetic foot care assistant course), 5. Analyse von Krankenhausdaten (A-IQI: Austrian Inpatient Quality Indicators- Amputationsregister)

Was ist ihr persönlicher Wunsch an das Outcome der Tagung?

Ziel ist es, im Rahmen des AWA-Kongresses hochwertige wissenschaftliche Vorträge zu allen Themen der Behandlung von Wundpatienten zu erstellen, gleichzeitig auf fortschrittliche Technologien und Produkte der Industrie hinzuweisen. Zentrales Thema sollte jedoch die große Problematik der Versorgung von Patienten mit chronischen Wunden im Rahmen einer zunehmenden Überalterung der Bevölkerung und Kostenexplosion im Gesundheitswesen sein. Nur eine Prävention und Optimierung der Behandlung werden sich in Zukunft kosteneffektiv erweisen.

 

Facts & Figures

Die Österreichische Gesellschaft für Wundbehandlung AWA (Austrian Wound Association) wurde 1998 gegründet und ist ein auf dem Gebiet der Wundbehandlung aktiver uneigennütziger Verein. Er setzt sich aus Mitgliedern zusammen, die sowohl im ärztlichen Bereich als auch im Pflegebereich tätig sind. AWA will die wissenschaftliche Forschung und den Erfahrungsaustausch auf dem Gebiet der modernen Wundbehandlung fördern. Die Behandlungsmöglichkeiten akuter und chronischer Wunden jeglicher Ursache sollen erforscht und weiterentwickelt werden. Die AWA betrachtet es als ihre Aufgabe, eine Verbesserung der Zusammenarbeit zwischen ärztlichem und pflegerischem Handeln anzustreben. Innovative Entwicklungen und neue Behandlungsmethoden sollen dadurch den Patienten schneller zugutekommen. Ziel der Gesellschaft ist es, neben der Aufklärung und Beratung von Ärzten und Pflegepersonal auch der breiten Öffentlichkeit die Möglichkeit aktiver und präventiver Maßnahmen im Rahmen der Wundbehandlung näherzubringen. Durch Informationsveranstaltungen und Weiterbildungsmaßnahmen für im Gesundheitswesen tätige Personen soll das Wissen an Fachpersonen und Laien weitergegeben werden

 

Save the Date

16. AWA Jahrestagung
Österr. Gesellschaft für Wundbehandlung
19.-20. September 2014, Graz
www.a-w-a.at

Interview mit: Univ.-Prof. Dr. Michael Schintler

AWA-Präsident


MP 03|2014

Herausgeber: AUSTROMED, Interessensvertretung der Medizinprodukte-Unternehmen
Publikationsdatum: 2014-06-04