48th EASD Annual Meeting, Berlin 2012: Mehr Optionen für die individualisierte Therapie

Die Individualisierung, die von der American Diabetes Association (ADA) und der European Association for the Study of Diabetes (EASD) im heurigen Frühjahr als Paradigma für das Management des Typ-2-Diabetes ausgegeben wurde (Inzucchi et al., Diabetes Care/Diabetologia 2012), zog sich wie ein roter Faden durch das Programm der EASD-Jahrestagung in Berlin – von der Vorstellung des neuen ADA/EASD-Positionspapiers durch die Vorsitzenden der Autorengruppe, Silvio Inzucchi (New Haven, CT, USA) und David Matthews (Oxford, Großbritannien) über die Abwägung der Benefits und Risiken engagierter Therapieziele bis hin zur Vielfalt der genetischen Determinanten der diabetischen Stoffwechselstörungen, wie sie in der „Minkowski Lecture“ von Tim Frayling (Exeter, Großbritannien) deutlich wurde. Was überdies auffiel, waren die enormen Anstrengungen, die in die Entwicklung weiterer, aber auch in die vergleichende Prüfung der bereits verfügbaren antidiabetischen Therapien fließen – wohl nicht zuletzt vor dem Hintergrund aktueller Prognosen, dass schon in wenigen Jahren weltweit jeder neunte Mensch an Diabetes erkrankt sein könnte.

Glukosekontrolle und kardiovaskuläre Outcomes

Nachdem schon die Auswertung von rund 48.000 Datensätzen der UK General Practice Research Database ergeben hatte, dass sehr niedrige HbA1c-Werte bei Patienten mit Typ- 2-Diabetes mit einer ähnlich schlechten kardiovaskulären Prognose assoziiert sein können wie sehr hohe (Currie et al., Lancet 2010), präsentierte Gregory Nichols (Wilmington, CA, USA) in Berlin eine Auswertung des US-amerikanischen Kaiser Permanente Northwest-Versicherungsregisters mit fast identem Ergebnis (Abstr. 181-OP). Die Autoren erhoben kardiovaskulär bedingte Spitalsaufnahmen und Todesfälle bei knapp 27.000 Patienten mit Typ-2-Diabetes im Zeitraum 2002 bis 2010 und fanden nach Adjustierung für diverse Confounders in beiden Punkten eine U-förmige Verteilung der Hazard Ratios (HR) mit einem Optimalbereich bei HbA1c-Werten zwischen 7,0 % und 7,5 %. So hatten Patienten mit einem mittleren HbA1c von 6,0–6,4 % ein ähnlich stark erhähtes Mortalitätsrisiko (HR = 1,45) wie jene mit HbA1c-Werten von 9 % oder darüber (HR = 1,41; Abb. 1).

 

 

Für ein prinzipielles HbA1c-Ziel von < 7 % spricht eine Auswertung des Nationalen Diabetesregisters in Schweden, die von der Gruppe um Katarina Eeg-Olofsson (Göteborg, Schweden) vorgestellt wurde (Abstr. 182-OP). Die Autoren inkludierten die Daten von ca. 18.000 Typ-2-Diabetiker im Alter zwischen 30 und 75 Jahren und stratifizierten diese nach dem HbA1c-Verlauf in zwei Gruppen: Patienten, deren HbA1c-Einstellung sich im Zeitraum von durchschnittlich 5,7 Jahren um zumindest 0,1 Prozentpunkte verbessert hatte, sowie Patienten, deren HbA1c in dieser Zeit stabil blieb oder anstieg (dies vor dem Hintergrund, dass sich die durchschnittliche HbA1c-Einstellung bei Typ-2-Diabetikern in Schweden zwischen 2007 und 2011 generell um ca. 0,2 Prozentpunkte verschlechtert hat).

Die Analyse ergab für die Patienten, deren Diabeteseinstellung sich im Beobachtungszeitraum verbesserte, eine signifikant geringere kardiovaskuläre Morbidität und Mortalität (Tab. 1), die durch weitere Risikofaktoren (Raucherstatus, Blutdruck, Lipidspiegel, Albuminurie) sowie durch Unterschiede in der Medikation (Antidiabetika, Antihypertensiva, Lipidsenker) nicht erklärbar waren. Die Autoren schlussfolgern, dass Patienten, die auf die antidiabetische Therapie ansprechen, von dieser auch eindeutig profitieren. Auf der anderen Seite muss bei jenen, deren Blutzuckereinstellung sich durch die Diabetestherapie nicht verbessern lässt, das Risikofaktor-Management insgesamt intensiviert werden.

 

 

Aus derselben Gruppe präsentierte Nils Ekström eine Kohortenstudie (wiederum auf Basis des schwedischen Diabetesregisters) mit über 50.000 Typ-2-Diabetikern, die ab 2004 durchschnittlich ca. 4 Jahre lang nachverfolgt wurden (Abstr. 51-OP). Analysiert wurde das Risiko für kardiovaskuläre Ereignisse, Mortalität sowie Azidose bzw. schwerwiegende Infektionen (als Surrogatendpunkt für Laktazidose) in Relation zur verschriebenen antidiabetischen Therapie. Unter den für epidemiologische Untersuchungen geltenden Einschränkungen bestätigen die Analysen in jedem dieser Punkte eindrucksvoll die Stellung von Metformin als First-Line-Therapie des Typ-2-Diabetes (Abb. 2). Das Faktum, dass Patienten mit glomerulären Filtrationsraten (GFR) von 45–60 ml/min/1,73 m2 in gleicher Weise von Metformin profitierten, unterstützt neuere Empfehlungen eines großzügigeren Einsatzes von Metformin zumindest bei moderater Nierenfunktionseinschränkung (Lipska et al., Diabetes Care 2011), zumal selbst bei Patienten mit GFR von 30–45 ml/min/1,73 m2 kein signifikant erh.htes Risiko für eine Metformibedingte Laktazidose beobachtet wurde (Ekström et al., BMJ Open 2012).

 

 

ORIGIN: Subgruppenanalysen und kritische Anmerkungen

Zur ORIGIN-Studie, deren Primärergebnisse zur Jahrestagung der American Diabetes Association (ADA) im Juni 2012 erstmalig präsentiert (siehe DIABETES FORUM 3/2012) und publiziert wurden (ORIGIN Trial Investigators, New Engl J Med 2012), präsentierte Matthew C. Riddle (Portland, OR, USA) getrennte Auswertungen auf Basis des metabolischen Status zu Studienbeginn. Erwartungsgemäß konnte bei prädiabetischen Studienteilnehmern (n = 1.456) das HbA1c sehr viel leichter im normnahen Bereich (< 6,5 %) gehalten werden als bei Patienten, die mit bereits manifestem Typ-2-Diabetes randomisiert wurden (n = 11.081). Unabhängig davon waren ein niedrigeres Baseline-HbA1c, die Zuteilung zur Basalinsulintherapie, aber auch moderater Alkoholkonsum mit einer höheren Wahrscheinlichkeit assoziiert, das HbA1c über den Beobachtungszeitraum unter 6,5 % zu halten.

Thomas Pieber (Graz) machte in seiner Rolle als unabhängiger Berichterstatter darauf aufmerksam, dass das im ORIGIN-Studientitel (Outcome Reduction With an Initial Insulin Glargine Intervention) formulierte Ziel, klinische Endpunkte zu reduzieren, verfehlt wurde. Vor diesem Hintergrund sind für Pieber auch die erhöhte Rate an schweren Hypoglykämien (6% vs. 2%) und der Gewichtsunterschied von ca. 2 kg zwischen den Gruppen zu bewerten. Vor allem aber war die in ORIGIN beobachtete Mortalitätsrate von 2,57 % pro Jahr im Vergleich zu anderen Outcome-Studien (ACCORD, PROactive) unerwartet hoch – ein Befund, der durch den spezifischen Risikostatus der Teilnehmer (Alter, Diabetesdauer, kardiovaskuläre Vorerkrankungen, Raucherstatus) nicht erklärt wird und dringend weiterer Analysen bedarf.

Neue lang und „ultralang“ wirksame Basalinsuline

Das „ultralang“ wirksame Insulin degludec, das im Oktober 2012 eine positive Stellungnahme des Humanarzneimittelausschusses der Europäischen Arzneimittelbehörde (EMA) erhalten hat und in Europa ab dem kommenden Jahr verfügbar sein sollte, war Gegenstand mehrerer Kongressbeiträge. In Bestätigung der Phase-II-Erfahrungen (Zinman et al., Lancet 2011) berichtete Hans DeVries (Amsterdam, Niederlande) von zwei Phase-III-Studien mit zusammen 927 insulinnaiven Typ-2-Diabetikern, die Insulin degludec (jeweils am Montag, Mittwoch und Freitag morgens oder abends) vs. Insulin glargin (einmal täglich) zusammen mit Metformin und/oder einem DPP-4-Inhibitor erhielten. Als Folge der in den Studien angewendeten „Treat to target“- Protokolle waren beide Therapien in glykämischer Hinsicht vergleichbar, allerdings entfällt bei dreimal wöchentlicher Injektion der für Degludec beschriebene Vorteil seltenerer nächtlicher Hypoglykämien (Zinman et al., Diabetes Care 2012), sodass die Autoren für die Beibehaltung des einmal täglichen Applikationsschemas plädieren (Abstr. 38-OP).

Die von Athena Philis-Tsimikas (La Jolla, CA, USA) vorgestellte BEGIN:EARLYStudie verglich Insulin degludec (einmal täglich verabreicht) mit Sitagliptin als Add-on- Kombination zu 1–2 oralen Antidiabetika bei 458 insulinnaiven Typ-2-Diabetikern – ähnlich der EASIEStudie (Aschner et al., Lancet 2012), die Insulin glargin mit Sitagliptin verglich. Innerhalb von 26 Wochen sanken die HbA1c-Werte in der Degludec-Gruppe signifikant stärker ab als mit dem DPP-4-Hemmer (–1,56 vs. –1,22 Prozentpunkte bei Ausgangswerten von 8,9 %). Hypoglykämien waren unter Insulintherapie insgesamt häufiger (3,1 vs. 1,3 Episoden/Patient und Jahr), nächtliche und schwere Ereignisse waren aber nicht signifikant gehäuft. Die Gewichtsdifferenz nach 26 Wochen betrug 2,8 kg (Abstr. 40-OP).

Das Ziel eines Basalinsulins mit langer flacher Wirkkurve versucht Eli Lilly unter anderem durch Pegylierung des kurzwirksamen Analogons Insulin lispro zu erreichen (interne Bezeichnung: LY2605541). Die von John Beals (Indianapolis, IN, USA) gezeigten Daten aus präklinischen und ersten klinischen Studien bestätigen bislang eine deutlich verlängerte biologische Aktivität des modifizierten Moleküls (Abstr. 42-OP). Im Vergleich zu Insulin glargin war in einer 12-wöchigen Phase-II-Studie zudem die Rate nächtlicher Hypoglykämien signifikant geringer (Curtis & Shi, Abstr. 954-P).

Vervollständigung der Datenlage zur inkretinbasierten Therapie

Wie etabliert das Konzept der inkretinbasierten Therapie mittlerweile ist, zeigt nicht zuletzt die Tatsache, dass Daniel J. Drucker (Direktor des Banting and Best Diabetes Centre an der Universität Toronto, Kanada) die Ehre der „Claude Bernard Lecture“ zuteil wurde. Drucker war seit den 1980er-Jahren maßgeblich an der Aufklärung der biologischen Wirkungen von Glucagon-like peptide 1 (GLP-1) und verwandten Inkretinhormonen beteiligt und gilt als einer der weltweit bedeutendsten Wissenschaftler auf dem Gebiet der Inkretinforschung.

Alte und neue GLP-1-Analoga

Zur EUREXAStudie, bei den ADA Scientific Sessions 2012 erstmalig vorgestellt (siehe DIABETES FORUM 3/2012), zeigte Baptist Gallwitz (Tübingen, Deutschland) in Berlin weitere Daten, die als Anhaltspunkt für die antidiabetische Therapieabfolge dienen können. Für EUREXA wurden Patienten mit inadäquater HbA1c-Einstellung unter Metformin-Monotherapie rekrutiert und zusätzlich mit Exenatid BID vs. Glimepirid behandelt. Dabei kam es in der Exenatidgruppe signifikant seltener bzw. später zum neuerlichen Therapieversagen (Gallwitz et al., Lancet 2012).

In weiterer Folge führte die Zugabe eines Glitazons bei Patienten, die mit Metformin und Exenatid nicht mehr zielkonform eingestellt werden konnten, im Vergleich zu Glimepirid zu einer stärkeren HbA1c-Abnahme bei geringerem Hypoglykämierisiko, aber auch einer stärkeren Gewichtszunahme. Umgekehrt ermöglichte die (nicht randomisierte) Zugabe von Exenatid BID eine HbA1c-Verbesserung um 0,4 Prozentpunkte über weitere 30 Monate (Abstr. 05-OP).

David Maggs (San Diego, CA, USA) präsentierte Vier-Jahres-Follow-up-Ergebnisse aus der DURATION-1-Studie (Abstr. 04-OP), in der Exenatid einmal wöchentlich (OW) im Vergleich zur klassischen BID-Formulierung geprüft wurde (Drucker et al., Lancet 2008). Von den ursprünglich 295 Teilnehmern erklärten sich 258 zur Studienfortführung mit Exenatid OW bereit, nach 4 Jahren waren Daten von 176 Patienten verfügbar, die in diesem Zeitraum mehrheitlich das HbA1c-Ziel von < 7 % einhalten konnten (wobei die Intensität der oralen Medikation bei einigen Patienten verstärkt oder auch vermindert wurde. Das Körpergewicht sank innerhalb der 4 Jahre um durchschnittlich 2,5 kg (Abb. 3). Gleichzeitig verbesserten sich Blutdruck und Lipidparameter der Patienten. Die Häufigkeit von gastrointestinalen Nebenwirkungen und lokalen Hautirritationen war niedriger als in der kontrollierten Phase und ging im Zeitverlauf sukzessive zurück.

 

 

In der von Ronnie Aronson (Toronto, Kanada) vorgestellten GetGoal-L-Studie (Abstr. 03-OP) erhielten 493 Patienten mit Typ-2-Diabetes (mittlere Erkrankungsdauerdauer: 12,5 Jahre, Body Mass Index [BMI]: 32 kg/m2), die mit Basalinsulin (+/- Metformin) nicht adäquat eingestellt waren, zusätzlich den noch nicht zugelassenen GLP-1-Rezeptoragonisten Lixisenatid behandelt. Nach 24 Wochen betrug die HbA1c-Reduktion placebobereinigt 0,4 Prozentpunkte, außerdem wurden der postprandiale Blutzucker nach dem Frühstück (–69 mg/dl) sowie das Körpergewicht (–1,28 kg) signifikant reduziert. Die Insulindosis konnte um durchschnittlich 5,6 IE (vs. 1,09 IE unter Placebo) reduziert werden.

In der GetGoal-Duo 1-Studie mit einem ähnlichen Setting wurden Patienten (Diabetesdauer: 9,2 Jahre; BMI: 32 kg/ m2), die mit Metformin +/- Glitazon insuffizient eingestellt waren, zunächst zusätzlich mit Insulin glargin (Titrationsziel: 69–79 mg/dl nüchtern) behandelt. Teilnehmer mit einem HbA1c-Wert von 7–7,9 % nach 12 Wochen erhielten im Anschluss randomisiert zusätzlich Lixisenatid (20 μg einmal täglich) oder Placebo. In dieser Gruppe reduzierte Lixisenatid das HbA1c innerhalb von 24 Wochen um weitere 0,3 Prozentpunkte vs. Placebo, sodass signifikant mehr Patienten (56 % vs. 39 %) das HbA1c-Ziel von < 7 % erreichten. Die Gewichtsdifferenz betrug bei Studienende 0,9 kg. Der Anteil von Übelkeit und Erbrechen war mit 27 % bzw. 9 % in der Verumgruppe relativ hoch, der Anteil der Studienabbrüche lag bei 4 % (Rosenstock et al., Abstr. 807-P).

Michael Nauck (Bad Lauterbach, Deutschland) präsentierte Daten zum experimentellen GLP-1-Rezeptoragonisten Semaglutid, der für die einmal wöchentliche Injektion entwickelt wird. In der 12-wöchigen Phase-II-Studie wurden dosisabhängig HbA1c-Reduktionen um bis zu 1,7 Prozentpunkte (Abb. 4) und Gewichtsabnahmen bis zu 4,8 kg erreicht, wobei mit der Dosis des GLP-1-Rezeptoragonisten auch gastrointestinal bedingte Therapieabbrüche zunahmen. Allerdings zeigte sich, dass die Verträglichkeit der Therapie durch Dosistitration verbessert werden kann (Abstr. 02-OP).

 

DPP-4-Inhibitoren

Nach Sitagliptin und Saxagliptin, die schon länger für die Therapie des Typ-2-Diabetes in Kombination mit Insulin zugelassen sind, erhielten im September 2012 auch Vildagliptin und Linagliptin entsprechende Empfehlungen des EMA-Humanarzneimittelausschusses. Über die im Fall von Linagliptin relevante Studie berichtete Hannele Yki-Järvinen (Helsinki, Finnland). Insgesamt 1.261 mit NPH-Insulin oder Basalinsulinanaloga insuffizient eingestellte Patienten erhielten ein Jahr lang Linagliptin vs. Placebo, die Insulindosis wurde während der ersten 24 Wochen konstant gehalten. Die placebobereinigte HbA1c-Verbesserung betrug nach Studienende 0,5 Prozentpunkte, wobei Hypoglykämien (gesamt: 31 % vs. 33 %; schwer: 1,7 % vs. 1,1 %) in beiden Gruppen vergleichbar häufig auftraten (Abstr. 06-OP).

Zwei weitere Abstracts beschäftigten sich mit möglichen renalen Benefits von Linagliptin, deren klinische Relevanz sowie Übertragbarkeit auf andere Klassenvertreter noch nicht absehbar sind. Yuliya Sharkovska (Berlin, Deutschland) und Mitarbeiter verfolgten die Progression der diabetischen Nephropathie im diabetischen db/db-Mausmodell und fanden unabhängig von der Glukosesenkung nephroprotektive Effekte von Linagliptin, die möglicherweise im Zusammenhang mit der Hemmung schädlicher Einflüsse auf die Podozyten und einer verringerten Myofibroblastentransformation stehen (Abstr. 35-OP).

Per-Henrik Groop (Helsinki) präsentierte Subgruppenauswertungen aus dem Linagliptin-Zulassungsprogramm, die ebenfalls auf mögliche günstige Effekte des DPP-4-Hemmers auf den Verlauf der diabetischen Nephropathie hinweisen (Abstr. 36-OP). In einem ersten Schritt identifizierten Groop et al. 218 Patienten mit persistenter Mikroalbuminurie (Albumin-Kreatinin-Ratio: 30–300 mg/g), die mit einem ACE-Hemmer oder Angiotensinrezeptorblocker (ARB) vorbehandelt waren. Im Studienzeitraum von 24 Wochen erreichte Linagliptin (in Monotherapie bzw. in Kombination mit anderen Antidiabetika) eine signifikante Reduktion der Albumin-Kreatinin-Ratio um etwa ein Drittel. Zum gleichen Ergebnis kam eine vergleichbare Analyse in einer Gruppe von 377 älteren Studienteilnehmern (≥ 65 Jahre). Bemerkenswert an den Befunden ist, dass die Abnahme der Albuminausscheidung zum einen unabhängig von der Verbesserung der Diabeteseinstellung auftrat (Abb. 5), zum anderen so rasch, dass strukturelle Veränderungen als Erklärung nicht plausibel erscheinen. Dass sich die verringerte Albuminurie längerfristig positiv auswirkt, liegt nahe, muss aber in prospektiven Studien bestätigt werden.

 

SGLT2-Inhibitoren: Die nächste Klasse oraler Antidiabetika

Neben verbesserten Inkretintherapeutika und Insulinen ruhen die Hoffnungen der pharmazeutischen Hersteller derzeit vor allem auf der SGLT-2-vermittelten Hemmung der tubulären Glukoserückabsorption. Die Attraktivität des Konzepts erklärt sich dadurch, dass SGLT-2-Inhibitoren den Blutzucker insulinunabhängig und synergistisch zu allen bisherigen Diabetestherapien senken und grundsätzlich in jedem Diabetesstadium (und auch bei Typ-1-Diabetes) zum Einsatz kommen können. Mit einer beschriebenen HbA1c-Senkung von 0,5–1,5 Prozentpunkten, zum Teil erheblichen Gewichtsverlusten und einem geringen Hypoglykämierisiko erfüllt die Klasse überdies zentrale Anforderungen an antidiabetische Arzneimittel (Kim & Babu, Diabetes Obes Metab 2012).

Bedingt durch das Wirkprinzip ist die renale Sicherheit der SGLT-2-Hemmer von besonderem Interesse. Für Dapagliflozin, das im April 2012 die EU-Zulassungsempfehlung erhalten hat, präsentierte Agata Ptaszynska (Princeton, NJ, USA) eine gepoolte Auswertung von 12 Phase-II/III-Studien mit 7.581 Typ-2-Diabetikern in verschiedenen Stadien der Nephropathie, die bis zu 102 Wochen lang mit Dapagliflozin (n = 6.188) vs. Placebo (n = 1.393) behandelt wurden. Dabei fanden sich insgesamt keine Hinweise auf akut nephrotoxische Effekte oder auf eine Verschlechterung der Nierenfunktion in den Verumgruppen (Abstr. 242-OP). Weitere Analysen ergaben als bedeutsamste Nebenwirkung eine Häufung von urogenitalen Infektionen. Die Inzidenzraten für Blasenkrebs waren unter Dapagliflozin hingegen nicht signifikant höher als unter Placebo (0,15 vs. 0,03; Johnsson et al., Abstr 743-P).

Bestätigt werden diese Befunde durch eine systematische Metaanalyse (präsentiert von Apostolos Tsapas, Thessaloniki, Griechenland), in die 39 Studien mit insgesamt mehr als 12.000 Teilnehmern und einer Beobachtungsdauer von zumindest 12 Wochen eingingen. Demnach lässt die SGLT-2-Hemmung im Vergleich zu Placebo ein HbA1c-Absenkung um 0,9 Prozentpunkte (first-line) bzw. 0,7 Prozentpunkte (als Add-on-Therapie) sowie vergleichbare HbA1c-Effekte relativ zu antidiabetischen Referenztherapien erwarten. Dabei zeigen die Metaregressionsanalysen keinen klaren Zusammenhang zwischen HbA1c-Reduktion und Baseline- HbA1c. Die Gewichtsdifferenz lag im Vergleich zu Placebo bei 2 kg, gegenüber aktiven Komparatoren bei 2,6 kg. Daneben profitierten die mit SGLT-2-Hemmern behandelten Patienten von einer moderaten Blutdrucksenkung um 4 bzw. 2 mmHg (systolisch/diastolisch) relativ zu den Kontrollgruppen. Das Hypoglykämierisiko war in den placebokontrollierten Studien durchgängig vernachlässigbar. Für Infektionen der Harnwege ergab die Analyse eine Risk Ratio von 1,3, für genitale Infektionen von 4–5,3 gegenüber den Kontrollgruppen (Abstr. 241-OP).

Weitere Vertreter der Substanzklasse, darunter vor allem Canagliflozin (siehe DIABETES FORUM 3/2012) sowie Empagliflozin, Ipragliflozin, Luseogliflozin und Tofogliflozin waren in Berlin ebenfalls mit Abstracts vertreten.

Machen wir die richtige Studien?

Jennifer Green (Durham, NC, USA) gab einen Überblick über die im ClinicalTrials.gov-Register des US National Institute of Health registrierten Diabetesstudien (Abstr. 204-OP). Von den knapp 41.000 Interventionsstudien, die im September 2010 in der Datenbank gelistet waren, hatten immerhin 2.484 (4,8 %) die „Prävention von Diabetes und diabetischen Komplikationen“ zum Ziel. Der Anteil der Studien mit therapeutischem Fokus lag bei 75 % (63 % Arzneimittelstudien; 12 % Lifestyle-Interventionen), jener der Präventionsstudien bei 10 %. Allerdings wurden für die meisten Trials weniger als 500, in jedem zweiten Fall weniger als 100 Personen rekrutiert. Bei weniger als 1 % der Studien lag der Fokus auf Personen im Alter von 65 Jahren oder darüber, jede dritte Studie schloss dieses Kollektiv sogar explizit aus; Personen über 75 Jahren waren in der Mehrzahl der Trials nicht zugelassen (Tab. 2).

 

 

Von den rund 2.500 primären Outcomes, die aus den Datenbankeinträgen ersichtlich waren, inkludierten nur 51 (0,02 %) harte klinische Endpunkte. Mortalität oder schwerwiegende kardiovaskuläre Ereignisse wie Herzinfarkt und Schlaganfall waren in 35 Studien als primärer Endpunkt definiert, Malignome in lediglich einem Projekt. Nach wie vor werden in den meisten der von ClinicalTrials.gov gelisteten Studien Patienten aus Nordamerika und Europa eingeschlossen, während etliche geographische Regionen, in denen in den kommenden Jahren ein massiver Anstieg der Diabeteserkrankungen prognostiziert wird (z. B. Indien, Südamerika), deutlich unterrepräsentiert sind.

Wenn gleich das ClinicalTrials.gov-Register die globale Studienlandschaft nicht quantitativ abbilden kann, und verschiedene methodische Limitationen der Analyse in Betracht zu ziehen sind, so zog Green doch das ernüchternde Resümee, dass ein erheblicher Teil der derzeitigen Forschungsanstrengungen nicht dazu geeignet sind, therapeutisch verwertbare Antworten auf die drängenden Fragen in der Diabetologie zu geben.

AutorIn: Dr. Albert Brugger

DF 05|2012

Herausgeber: Univ.-Prof. Dr. Guntram Schernthaner, Österreichische Diabetes Gesellschaft
Publikationsdatum: 2012-11-13