„Damit niemand mit der Diagnose Krebs allein ist!“

PHARMAustria: 1988 wurde mit „Sonne ohne Reue“ gemeinsam mit der Österreichischen Gesellschaft für Dermatologie die erste Informationskampagne initiiert. Die Kampagne hat sich im Laufe der Jahre zu einem Markenzeichen für Hautkrebsaufklärung und -vorsorge in Österreich entwickelt. Was kann mit einer starken Marke erreicht werden?

Martina Löwe: „Sonne ohne Reue“ ist unsere erste und damit älteste große Vorsorge- und Früherkennungskampagne. In den mittlerweile 33 Aktionsjahren ist viel geschehen: Rund 1,5 Millionen Informationsbroschüren und Folder wurden verteilt, zahlreiche Veranstaltungen an öffentlichen Plätzen und in Bädern organisiert, spezielle Aufklärung in Kindergärten und Schulen geleistet. Nicht zuletzt auch dank der Unterstützung der Medien wurde das Thema Hautkrebsvorsorge immer präsenter. Wiederkehrende Berichte in Print, Rundfunk und Fernsehen erinnern die Bevölkerung auch heute noch an effizienten Sonnenschutz. Einige Zahlen dazu liefert unsere SPECTRA-Umfrage „Krebs in Österreich“ (Tab.).

 

 

2002 startete die Krebshilfe die Informationskampagne „Aus Liebe zum Leben“. Hintergrund war der sehr geringe Anteil jener Österreicherinnen und Österreicher, die eine Vorsorgeuntersuchung durchführen lassen. Im Zuge dieser Initiative wurden Frauen und Männer kostenlos und anonym per E-Mail an die nächste fällige Untersuchung erinnert. Ist die Zahl der Vorsorgeuntersuchungen dadurch gestiegen?

Doris Kiefhaber: Wir wollten ursprünglich einen Vorsorge-Pass nach dem Vorbild des Mutter-Kind-Passes einführen, mussten aber leider erkennen, dass es seitens der Gesundheitspolitik wenig Interesse an einer Mitgestaltung und Beteiligung gab. Wir wollten aber unbedingt eine Möglichkeit finden, die Bevölkerung aktiv an notwendige Krebs-Früherkennungsuntersuchungen zu erinnern. Deshalb haben wir uns entschlossen, aus dem „Pass“ ein „E-Mail/SMS-Erinnerungsmodul“ zu machen, und haben das auch groß beworben. Innerhalb kürzester Zeit haben sich rund 100.000 Menschen registriert. Wenig überraschend, dass 70% der Anmeldungen Frauen waren und 30% Männer. Von den 70% Frauen haben sich ca. 25% auch im Männer-Vorsorgemodul angemeldet, was man sicher so interpretieren kann, dass sie auch ihre Männer erinnern wollen. Die Anzahl der Vorsorgeuntersuchungen ist um 25% gestiegen; inwieweit dies auf unseren Erinnerungsservice zurückzuführen ist, können wir nicht sagen, weil wir dafür keine Möglichkeit einer Überprüfung haben. Eine Befragung wäre zu kostenintensiv gewesen. Das Service musste leider im Zuge der DSGVO-neu Bestimmungen eingestellt werden.

 

Die Geschäftsführerinnen der Österreichischen Krebshilfe Doris Kiefhaber (li.) und Mag. Martina Löwe (© Krebshilfe/Marina Probst-Eiffe)

 

2003 gab es dann die einzigartige Kampagne „Aus Liebe zum Leben“, bei der die Vorsitzenden aller politischen Parteien Österreichs gemeinsam vor die Kamera gebracht wurden, mit dem Slogan „Früherkennung kann Leben retten. Darüber sind wir uns einig!“. Hat der Slogan gefruchtet?

Kiefhaber: Über vieles kann man diskutieren, aber darüber sind wir uns einig: „Früherkennung kann Leben retten“ war ursprünglich nur ein interner Arbeitstitel. Nachdem aber die PolitikerInnen bei den Dreharbeiten den Titel mit einem Schmunzeln und „wie wahr“ quittierten, haben wir diesen dankend beibehalten. Die Kampagne war schon einzigartig, weil sich die Spitzen der im Parlament vertretenen Parteien noch nie zuvor gemeinsam für ein wichtiges Anliegen vor die Kamera gestellt und die Früherkennung von Krebs damit zum nationalen Anliegen erhoben haben. Das war wichtig für alle unsere nachfolgenden gesundheitspolitischen Anliegen.

Brustkrebsvorsorge und -früherkennung – eine der wohl bekanntesten Kampagnen ist „Pink Ribbon“ mit dem Symbol der rosa Schleife und den rosa Ballons als wichtigste Merkmale der Aktion. Welche Breitenwirksamkeit erzielt die Kampagne und würden Sie in diesem Zusammenhang auch auf den Soforthilfefonds eingehen?

Kiefhaber: „Pink Ribbon“ ist für die Krebshilfe viel mehr als eine rosa Schleife. Wir weisen mit der Aktion auf die Wichtigkeit der Früherkennung von Brustkrebs hin, rufen zur Solidarität mit Patientinnen auf und sammeln Spenden für Frauen, die durch die Diagnose auch in finanzielle Not geraten sind. In den letzten 17 Jahren konnten wir dank der Aktion mehr als 86.000 Mal Brustkrebspatientinnen konkret helfen und mehr als 1.100 Frauen finanziell unterstützen. „Pink Ribbon“ hat mit den Jahren eine gewaltige Breitenwirkung bekommen und hilft uns damit sehr, unsere Anliegen öffentlichkeitswirksam zu kommunizieren. Ganz besonders freut uns, dass Patientinnen das Pink Ribbon sehr gerne tragen. Das ist Kompliment und Motivation zugleich.

Es wurden bislang 38 Broschüren aus den Bereichen Krebsvorsorge und -früherkennung sowie „Leben mit der Diagnose Krebs“ publiziert. Welche sind künftig geplant und wer schlägt die Themen vor?

Löwe: Die Themen zu den Broschüren werden in unseren Vorstandssitzungen gemeinsam mit den Landesvereinen und den Beraterinnen der Krebshilfe erörtert. Einerseits ist es eine Vorgabe unseres Vorstands, zur Primärprävention und zur „Vorsorge“ jener Krebsarten, die man früh erkennen kann, Broschüren zu erstellen. Dies sind auch jene Broschüren, die unsere großen Kampagnen jährlich „begleiten“.
Die Broschüren zu den einzelnen Krebsarten und zu dem großen Bereich „Leben mit der Diagnose Krebs“ ergeben sich aus dem Bedarf bzw. der Nachfrage in unseren Beratungsstellen. In Absprache mit dem Vorstand wird dann definiert, ob das jeweilige Thema ausreichend Relevanz für eine Broschüre hat (manchmal wird die Information auch „nur“ ins Internet verlegt) und mit welcher Fachgesellschaft dieses Werk gemeinsam erarbeitet werden soll.
Derzeit sind wir mit den Neuauflagen/Überarbeitungen der Vorsorge-Broschüren beschäftigt. Darüber hinaus sind heuer noch neue Broschüren zu endokrinen Tumoren, HNO-Tumoren, Krebs im Alter und zur onkologischen Rehabilitation geplant. Die redaktionelle Überarbeitung und die grafische Gestaltung der Broschüren erfolgen – auch aus Kostengründen – bei uns im Haus. Es kann also durchaus passieren, dass wir nicht alle neu geplanten Broschüren in diesem Jahr schaffen.

Wie wird die Initiative „Unternehmen Leben!“ angenommen?

Kiefhaber: „Unternehmen Leben!“ ist ein Projekt unserer Kollegin Mag. Gaby Sonnbichler, Geschäftsführerin der Krebshilfe Wien, das sich aus der langjährigen sozial-und arbeitsrechtlichen Beratungstätigkeit der Österreichischen Krebshilfe Wien im Rahmen des Projekts „Krebs und Beruf“ entwickelt hat. Denn die Erfahrung hat gezeigt, dass arbeitsrechtliche Unterstützung für an Krebs erkrankte Menschen im erwerbsfähigen Alter zwar sehr wertvoll und hilfreich ist, allerdings ist es genauso wichtig, Vorgesetzte und Kollegen in Betrieben zu unterstützen, wenn es um die gesellschaftlich so wichtige Reintegration von Krebspatienten in den Beruf geht. Mit „Unternehmen Leben!“ hat die Österreichische Krebshilfe ein neues Unterstützungsangebot kreiert, das hier schnelle und professionelle Unterstützung gewährleistet. Mittlerweile wird es in ganz Österreich durch die Krebshilfe angeboten.

 

 

2020: Mit dem neuen Slogan „Don’t wait“ – Warten Sie nicht!“ appellieren Krebshilfe und ÖGGH sowohl an die Bevölkerung, eine Darmspiegelung vornehmen zu lassen, als auch an die Gesundheitspolitik, das Darmkrebs-Screening rasch umzusetzen.

 

2014 war die KrebsHILFE-App die erste deutschsprachige App für Krebspatienten und Angehörige. Was kann mit dieser App erreicht werden?

Löwe: Wir haben die App 2014 erstellt, um möglichst vielen Krebspatienten und ihren Angehörigen die Informationssuche zu erleichtern. Unser Motto lautete damals „Appen statt googeln“. Unter dieser Devise steht die App auch heute noch. 2014 war sie die erste App für Krebspatienten im deutschsprachigen Raum. Mittlerweile hat sich das Angebot in den App-Stores erweitert. Und es sind heute viele neue Features und Applikationen möglich, die es damals noch nicht gegeben hat. Schon deshalb haben wir von unserem Vorstand bei der letzten Sitzung grünes Licht zur Erneuerung der App erhalten.
Aktuell erarbeiten wir in enger Zusammenarbeit mit unseren Beratern das Anforderungsprofil unserer „App 2020“. Wir möchten auch Chancen und Ressourcen der derzeitigen Digitalisierungsoffensive „Digital Health“ nutzen, die Prof. Siegfried Meryn in Wien unermüdlich vorantreibt.

Vielen Dank für das Gespräch!

AutorIn: Mag. Sandra Standhartinger

PA 01|2020

Herausgeber: Dr. Wolfgang Tüchler
Publikationsdatum: 2020-03-24