Das sagen die Interessenvertretungen

PHARMAustria: Hat die Pharmaindustrie Ihrer Meinung nach in der breiten ­Öffentlichkeit ein Reputationsproblem?

Mag. Alexander Herzog, Geschäftsführer der PHARMIG, Verband der pharmazeutischen Industrie Österreichs: „Wir sind eine sehr leistungsfähige und auch sehr verantwortungsvolle Branche, die aber auch mit einer sehr hohen Erwartungshaltung konfrontiert ist. Aktuell gibt es ein starkes Bedürfnis der Öffentlichkeit, zu wissen, was Pharma macht. Gleichzeitig fehlt es leider bei manchen Journalisten, auch bei Wirtschaftsjournalisten, an Wissen über unsere Tätigkeit. Hier gilt es Aufklärung zu leisten.“Mag. Ingo Raimon, Präsident des Forums der forschenden pharmazeutischen Industrie in Österreich (FOPI): „Lange Zeit wurden Arzneimittel primär als Kostenfaktor diskutiert und der Wert eines Medikaments aus medizinischer Sicht und für die Patienten sowie für das österreichische Gesundheitssystem als Ganzes wurde viel zu wenig wahrgenommen. So gesehen kam es eher zu einer verzerrten Wahrnehmung der gesamten Industrie. Doch die aktuelle Krisensituation hat eine einzigartige Chance hervorgebracht: Alle Überlegungen und Hoffnungen zur Beendigung der COVID-19-Pandemie knüpfen an einem Punkt an – nämlich am Erfolg der Wissenschaft, also an der Erforschung und Produktion eines Impfstoffes und/oder eines Therapeutikums gegen die COVID-19-Infektion. Erst wenn mit den Anstrengungen der innovativen Pharmaindustrie der Pandemie ein Ende gesetzt werden kann, können die Krisenmaßnahmen vollständig zurückgefahren werden.“

Mag. Christina Nageler, Geschäftsführerin der IGEPHA (Interessengemeinschaft österreichischer Heilmittelhersteller und Depositeure): „Das kann ich nur aus Sicht der Mitglieder unserer Interessenvertretung beurteilen. Die IGEPHA setzt sich für die Anliegen der Hersteller rezeptfreier Arzneimittel und Gesundheitsprodukte ein. Das sind Produkte, die von den Verbrauchern in der Regel selbst bezahlt werden, weil es für typische OTC-Präparate nur in einigen wenigen Fällen eine Erstattung durch den Sozialversicherungsträger gibt. Die Verbraucher entscheiden sich also aktiv und aus eigenem Interesse für Produkte, von denen sie sich zu Recht erwarten dürfen, dass diese ihre Beschwerden rasch und zuverlässig lindern. An
dere frei verkäufliche Arzneimittel und Gesundheitsprodukte werden gewählt, um die eigene Gesundheit und das Wohlbefinden langfristig zu stärken. Unsere Mitgliedsunternehmen unterstützen daher die Menschen dabei, aktiv hochwertige Lösungen für individuelle Gesundheitsfragen zu finden. Das ist ein wichtiger Beitrag zu einer hohen Lebensqualität, der von der Bevölkerung durchaus geschätzt wird.“

 

PHARMAustria: Was kann die Pharmaindustrie als Gesamtheit tun, um die Reputation der Pharmabranche zu verbessern?

Herzog: „Es geht darum, verstärkt die Leistungen unserer Branche, den gesellschaftlichen Nutzen, den wir erbringen, aufzuzeigen. Dabei gilt es auch, Bilder in den Köpfen der Menschen zurechtzurücken. Dies ist ein langer Weg, der aber durch COVID-19 beschleunigt wird. Wir als Pharmaindustrie haben jetzt die Chance, zu zeigen, wie ernst wir es mit unserer gesellschaftlichen Verantwortung und mit Transparenz nehmen. In diesem Zusammenhang ist es auch sehr wichtig, dass wir uns als Pharmig im europäischen und globalen Verband einbringen, damit hier verstärkt mit einer Stimme gesprochen wird und einheitliche Botschaften verbreitet werden.“Raimon: „Das Beispiel COVID-19 zeigt anschaulich, wie die Branche zur Gesundheit der Bevölkerung beiträgt. Dazu gibt es die gleichnamige Initiative von FOPI und Pharmig gemeinsam mit den Pharmaunternehmen unter dem Motto ,#mein Beitrag für Gesundheit‘. Derzeit kooperieren Institutionen und auch Pharmafirmen so intensiv miteinander wie selten zuvor. Es passiert enorm viel in der Medikamentenentwicklung. Gleichzeitig wird jetzt auch extrem sichtbar, wie komplex und herausfordernd Forschung ist, wie verantwortungsbewusst wir an das Thema Sicherheit herangehen und was wir leisten können – nämlich eine global so bedrohliche Situation zu lösen. Doch gleichzeitig darf man eines nicht vergessen: Ein Großteil dieses Engagements und damit verbundener Investments wird als ,leere Kilometer‘ abgeschrieben werden müssen – weil die erhoffte Wirksamkeit nicht ausreichend gegeben ist oder weil die Sicherheit für die Patienten nicht groß genug ist. Medizinisch-pharmazeutische Forschung ist und bleibt ein hochkomplexes und überaus riskantes Geschäft. Das alles gut zu erklären, hilft dabei, dass wir als Branche besser verstanden werden. Und dieses bessere Verständnis hat dann auch positive Auswirkung auf die Reputation.“Nageler: „Die weltweiten Anstrengungen der pharmazeutischen Unternehmen, Medikamente und Impfstoffe gegen SARS-CoV-2 zu entwickeln, unterstreichen den hohen Stellenwert der pharmazeutischen Indus­trie. Wichtig ist, über die Leistungen der pharmazeutischen Industrie zu informieren, über ihr Engagement im Kampf gegen Krankheiten und über die zahlreichen Errungenschaften, die dazu beigetragen haben, das Leid der Menschen zu lindern und ihre Lebenssituation zu verbessern. Großartig fand ich beispielsweise die Aktion einiger IGEPHA-Mitglieder: Wegen der COVID-19-Krise vom Dienst freigestellte Außendienstmitarbeiter haben Apotheken bei der Auslieferung von Medikamenten an Menschen unterstützt, die das Haus aus Sicherheitsgründen nicht verlassen sollten oder sich in Quarantäne befanden. Dieses soziale Engagement hat die enge Verbundenheit der OTC-Unternehmen mit den österreichischen Apotheken und der Bevölkerung unter Beweis gestellt.“

 

 

PHARMAustria: Was können Interessen­vertretungen wie PHARMIG, FOPI und IGEPHA zu einer Reputationsverbesserung der Pharmabranche beitragen?

Herzog: „Eines unserer Kernthemen ist seit Längerem der Pharmastandort. Nun greift die Regierung endlich dieses Thema auch auf und ist mit der Frage an uns herangetreten, was getan werden kann, dass mehr Produktion in Österreich stattfindet. Hierfür haben wir der Bundesregierung Positionspapiere und Vorschläge zur Verfügung gestellt und stehen mit allen Ansprechpartnern in Kontakt. Um die Leistungen der Branche auch nach außen zu tragen, betreibt die Pharmig zudem Medienkooperationen auf allen Kanälen und ist auch in den sozialen Medien, z.B. LinkedIn, aktiv. Unsere Botschaft nach außen muss lauten: ‚Wir wollen Menschen gesund machen, damit verdienen wir Geld, damit wir weiterforschen können.‘ Dies gilt es zu verbreiten, ­indem wir mehr Wissen über die Pharma­industrie nach außen transportieren. Daher ­organisiert die Pharmig regelmäßig Medienveranstaltungen, Führungen durch Pharmaunternehmen etc. Auch die Aktion #meinBeitragfürGesundheit (www.meinbeitragfuergesundheit.at), die von der Pharmig, dem FOPI und einzelnen Pharmig-­Mitgliedsunternehmen initiiert und ­umgesetzt wurde, zielt auf eine vermehrte Kommunikation über die Leistungen der Branche ab.“

Raimon: „Wir können vor allem auf einer übergeordneten Ebene ansetzen. So gaben und geben wir beispielsweise laufende Updates zu den Forschungsprojekten und Ansätzen im Kampf gegen COVID-19 – und zwar über unseren monatlichen Newsletter, über unsere Social-Media-Kanäle und über die FOPI-Website. Weiters haben wir bereits letztes Jahr eine Arzneimittel-Innovationsbilanz gemeinsam mit der AGES erarbeitet und der Öffentlichkeit präsentiert. Das ist ein wirklich tolles Projekt, denn es zeigt, wie viele innovative Medikamente in einem Jahr zugelassen und damit den Patienten zugänglich gemacht werden. Diese Bilanz haben wir Anfang 2020 neu aufgelegt und im Mai im Licht der Corona-Krise und auch mit einem Blick auf die in diesem Bereich anstehenden Innovationen erneut publiziert. Und nicht zuletzt führen wir viele, viele persönliche Gespräche – mit Medien, aber auch mit Stakeholdern im politischen Bereich und in den Behörden. Eventuell entsteht daraus sogar ein Forum, wo wir Learnings aus der Krise gemeinsam mit den Stakeholdern erarbeiten, damit konkret zu Verbesserungen beitragen und gleichzeitig ein neues, besseres Verständnis entwickeln können.“

Nageler: „Die Aufgabe unserer Interessenvertretung besteht darin, zum Wohle aller Menschen optimale Rahmenbedingungen für die Zulassung und Vermarktung von rezeptfreien Arzneimitteln und Gesundheitsprodukten zu schaffen. Unsere Mitglieder tragen mit ihren Produkten dazu bei, den hohen Gesundheitsstandard in Österreich langfristig abzusichern. Wir informieren darüber, dass unsere Mitglieder der Bevölkerung einen Zugang zu qualitativ hochwertigen Produkten und Dienstleistungen eröffnen, der es jedem Einzelnen ermöglicht, geringfügige Krankheiten zu lindern, die Gesundheit zu erhalten und die Lebensqualität zu steigern. Die IGEPHA-Mitglieder wollen die Menschen in ihrer Eigenverantwortung hinsichtlich ihrer eigenen Gesundheit unterstützen, das Prinzip des ,Self Care‘ in alle Lebensbereiche einfließen lassen und vor allem durch die Prävention die Anzahl der gesunden Lebensjahre erhöhen. Außerdem ist es uns ein großes Anliegen, dass in der Apotheke kompetent über die Optionen des ,Self Care‘ informiert wird. Dazu sind spezielle kommunikative Fähigkeiten erforderlich und die IGEPHA setzt sich seit Jahren dafür ein, dass entsprechende Ausbildungsschwerpunkte in den Lehrplänen und Curricula für Pharmazeuten und PKA verankert werden.“

 

 

 

 

Kolumne

Kommunikation ist gerade jetzt ein absolutes Muss!

Statement von Axel Ganster, MAS, PR.AG by Medical Media Consulting GmbH

Die grundsätzliche Problematik der Reputation der Pharmabranche besteht darin, dass die Entwicklung und Erforschung von Medikamenten nicht öffentlich, sondern aus Vertraulichkeits- und Konkurrenzgründen unter strenger Geheimhaltung erfolgen. Kaum jemand hat eine realistische Vorstellung davon, wie ein Medikament erforscht wird und welche immensen Kosten damit verbunden sind. Das führt immer wieder zu Spekulationen und auch falschen Annahmen, was hinter den verschlossenen Türen der Pharmakonzerne passiert. Es muss alles getan werden, dass die Reputation der einzelnen Unternehmen und damit der gesamten Branche nicht darunter leidet.Gerade jetzt in der Corona-Situation sind die Bürger besonders aufnahmebereit und interessiert an medizinischen und pharmakologischen Erfindungen zur raschen Heilung von Krankheiten. Kommunikation ist hier kein „Nice-to-have“, sondern ein absolutes „Must“. Klarerweise muss in der Corona-Zeit mit den Stakeholdern vermehr medial kommuniziert werden, weil dies derzeit der einzige „Kanal“ ist, über den man gezielt mit diesen in Kontakt treten kann.Empfehlungen zur Stärkung der Reputation der PharmabrancheKommunizieren, kommunizieren und nochmals kommunizieren ist das Wichtigste. Die Pharmaindustrie muss dabei als Erstes mit dem Fachbereich kommunizieren, denn Arzt und Apotheker sind die ersten Ansprechpartner für den Patienten. Gerade diese beiden Berufsgruppen können einen wesentlichen Beitrag dazu leisten, ein positives Image für die Pharmabranche aufzubauen. Darüber hinaus müssen auch für den Laienbereich die Leistungen der Branche klar und transparent dargestellt werden. Eine Imagekampagne der gesamten Branche wäre hier ein wichtiger und zielführender Ansatz. Zudem muss man den Unternehmen auch „Gesichter“ geben, mit denen positive Werte wie Glaubwürdigkeit, Sympathie und Authentizität assoziiert werden. Die Pharmaindustrie wird in den Köpfen vieler Menschen mit weißen Schutzanzügen, grellen Plastikabsperrungen und Notrufsirenen in grauen, seelenlosen Betonbunkern in Verbindung gebracht. Diese unberechtigten Vorurteile bedürfen einer Imagekorrektur, auch unter Nutzung von Social-Media-Kommunikation.

PA 02|2020

Herausgeber: Dr. Wolfgang Tüchler
Publikationsdatum: 2020-06-30