Wien soll Medizinmetropole werden

Bei seinem Einstieg ins Gesundheitswesen 2017 fragten sich viele, wer denn dieser neue Vorsitzende im damaligen Hauptverband der Sozialversicherungsträger sei. Dr. Alexander Biach trat ein schweres Erbe an: Seine Vorgängerin, die gesundheitspolitische Quereinsteigerin Ulrike Rabmer-Koller, hatte mit dem Hinweis, dass die Sozialversicherung reformunwillig sei, entnervt das Handtuch geworfen. Als Biach Ende 2019 mit dem Start der türkis-blauen Reform der Sozialversicherung nicht ganz freiwillig abtrat, streuten ihm viele Rosen. Er hatte sich über Parteigrenzen hinweg einen Namen als Kämpfer für Sozialversicherung und Sozialpartnerschaft gemacht und damit auch in seiner politischen Heimat, der ÖVP, nicht nur Freunde gefunden.

Starker Teamplayer

Als Biach 2017 in die Sozialversicherung kam, sagte er, er wolle „ein starker Teamplayer sein, um alle Sozialversicherungsträger, alle Länder und die Ministerien, die für uns zuständig sind, sowie die Systempartner wie Ärzteschaft, Apotheker und Pharmawirtschaft einzubinden. Mein Ziel ist es, diese große Familie zu einen …“.

Die Rahmenbedingungen waren schwierig: Es war das Jahr, in dem die rot-schwarze Regierung zerbrach und in dem nach Neuwahlen eine türkise ÖVP mit der FPÖ eine Regierung bildete, um letztlich auch die Krankenkassen zu reformieren. Innerhalb des Gesundheitswesens ist Biach laut Aussagen von Stakeholdern dennoch ein Schulterschluss gelungen (siehe Kasten); vor der Sozialversicherungsreform warnte er vor dem Rotationsprinzip an der Spitze, das zu einem Chaos führen werde. In einem PHARMAustria-Interview gab sich Biach vor einem Jahr aber zurückhaltend. „Ich bleibe bis 31.12. in meiner Funktion und sperre den alten Hauptverband dann zu. Ich will darauf achten, dass das Tagesgeschäft läuft und die Funktionsperiode ordentlich zu Ende geführt wird“, sagte er damals. Seither wird im neuen Dachverband zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern gestritten. Biach will das nicht kommentieren. Ideen für die Zukunft hat er allerdings schon. So müsste man etwa das System der Preisbildung bei Arzneimitteln überdenken und radikal umgestalten, meint er. Derzeit gäbe es neun große Systeme in den Spitalsgesellschaften der Länder und eines für den niedergelassenen Bereich.

Andere Spitalsträger wie Orden, Private oder vereinzelte Gemeinden rechne er noch gar nicht mit ein. Im Bereich der Sozialversicherung gäbe es mit dem Boxensystem, dem EU-Durchschnittspreis, dem generellen Rabattsystem und individuellen Rabatten ebenfalls mehrere Systeme. Fazit: „Keiner kennt sich aus. Wie soll das ein Regionalmanager eines internationalen Pharmakonzerns der Zentrale erklären?“

Neues Kernthema: Standortanwaltschaft

Und damit ist Biach eigentlich auch schon mitten in seinem neuen Kernthema – der Standortanwaltschaft in Wien. Zentrale Aufgabe hier ist, Unternehmen vor allem bei Umweltverträglichkeitsprüfungen für Investitionen zur Seite zu stehen. Doch Biach, der auch stellvertretender Direktor der Wiener Wirtschaftskammer ist, sieht die Aufgabe breiter angelegt. Da macht er sich auch schon einmal Gedanken über die Preisfindung bei Medikamenten. Auch das sei wichtig für Standortentscheidungen von Pharmaunternehmen, ist er überzeugt.

 

Doch er will mehr: „Wir wollen Wien als Standort für internationale Spitzenmedizin und als führende Innovationsdrehscheibe in der Gesundheitsbranche etablieren.“ Wien soll zur internationalen Medizinmetropole werden. Gesundheit und Medizin seien die Wachstumsbranchen der kommenden Jahre und schon jetzt sei der Impact der Wiener Gesundheitsbranche auf Volkswirtschaft und Arbeitsplätze beeindruckend, erklärt Biach im Hinblick auf eine eben fertiggestellte volkswirtschaftliche Analyse. Demnach erwirtschaftet dieser Sektor in Wien einen Beitragvon 26,7 Mrd. Euro oder 28% zum Wiener Bruttoregionalprodukt. 236.000 Menschen hängen direkt oder indirekt an der Wiener Gesundheitsbranche und kreieren damit knapp 12 Mrd. Euro staatliche Rückflüsse in Form von Steuern und Abgaben. Größter Profiteur durch die Wiener Gesundheitswirtschaft ist mit 8,4 Mrd. Euro Umsatz übrigens der Handel. Neben dem direkten Medizinproduktehandel mit pharmazeutischen, medizinischen und orthopädischen Erzeugnissen löst der Gesundheitssektor mit seinen einkommensstärkeren Beschäftigten am meisten Umsatzeffekte auch in anderen Handelsbranchen wie Lebensmittel- und Textilhandel aus.

Der Sozialpartner der „alten Schule“, wie die deutsche Wochenzeitung „Die Zeit“ Biach einst bezeichnete, holt für seine Pläne auch alle Stakeholder an Bord. Neben SPÖ-Wirtschaftsstadtrat Peter Hanke, dem Wiener Ärztekammerpräsidenten Thomas Szekeres und der Wiener Obfrau der Österreichischen Gesundheitskasse Kasia Greco ist auch die Industriellenvereinigung Wien Partner der Initiative. Vizepräsident dort: Philipp von Lattorff, Geschäftsführer des Boehringer Ingelheim Regional Center Vienna. „Jetzt gilt es, die Infrastruktur auszubauen, jetzt ist es wichtig, die internationale Zertifizierungsstelle für Medizinprodukte nach Wien zu bringen“, umreißt Biach die Pläne. Leuchtturmprojekte sind der Ausbau des Vienna Bio Centers, ein neues Technologiezentrum, der Bau von Pavillon 6 im Hanusch-Krankenhaus, das Future Health Lab in CAPE-10 und die Weiterentwicklung des MedUni Campus AKH.

 


Kassenbilanz

In Biachs Zeit als Hauptverbandsvorsitzender kam es zur weitreichenden Leistungsharmonisierung in den Gebietskrankenkassen. Dazu kam eine ganze Palette an e-Health-Anwendungen: die e-Medikation, die Einführung eines Fotos auf der e-card, die Plattform „MeineSV“, das Bewilligungssystem EKOS, das Gesundheitstelefon 1450 sowie der Vertrag über das e-Rezept. Wichtig für die Wirtschaft war die Schaffung der neuen Lohnverrechnung in Form der neuen monatlichen Beitragsgrundlagenmeldung. Dadurch wurde das Meldewesen in der Sozialversicherung für 360.000 Dienstgeber und 3,8 Millionen Dienstnehmer effizienter.

Ein weiterer Meilenstein war die Ausschreibung zur stationären Kinderrehabilitation. Davor mussten Angebote im benachbarten Ausland oder inadäquate Versorgungsangebote für Erwachsene in Anspruch genommen werden. Auch die Finanzierung der Lehrpraxis mit den Ländern oder der Start der Primärversorgungseinheiten fiel in die Amtszeit von Biach.

Interview mit: Dr. Alexander Biach

Zur Person

Dr. Alexander Biach (47) verfügt über eine breite Basis an politischer und wirtschaftlicher Erfahrung. Nach seinem Betriebswirtschaftsstudium an der Wirtschaftsuniversität Wien machte er in der österreichischen Wirtschaftskammer Karriere. Während seines Studiums trat er 1994 in die Verbindung K.Ö.H.V. Rugia Wien ein. Im Studienjahr 1997/98 wurde er zum Vorortspräsidenten des Österreichischen Cartellverbandes gewählt.

Nach der Sponsion und während des Doktoratsstudiums arbeitete Biach kurz in einer Investmentbank. Von 1999 bis 2000 war er Assistent in der Marketingabteilung der Wirtschaftskammer, von 2000 bis 2002 war er in der Presseabteilung als Leiter der Onlineredaktion tätig. Danach wurde er Büroleiter des damaligen WKO-Generalsekretärs Reinhold Mitterlehner. 2003 wechselte er in das Kabinett von ÖVP-Staatssekretär Helmut Kukacka, wo er 2004 Kabinettschef wurde. Dort hat Biach unter anderem die ÖBB-Reform federführend mitgestaltet und das Regierungsprogramm im Verkehrsbereich für die ÖVP mitverhandelt. Von 2007 bis 2016 war er Direktor des Wiener Wirtschaftsbundes, seit 2016 ist er stellvertretender Direktor der Wiener Wirtschaftskammer. Im Bereich der Sozialversicherung war er fünf Jahre Wiener Landesvorsitzender der Sozialversicherungsanstalt der gewerblichen Wirtschaft (SVA) und dann Obfrau-Stellvertreter der Wiener Gebietskrankenkasse. Von 2017 bis 2019 war er Vorsitzender im Hauptverband der Sozialversicherungsträger.

Alexander Biach ist verheiratet und Vater zweier Kinder. Zu seinen Hobbys zählen Vespa fahren, Langlaufen und Golf.


Redaktion: Martin Rümmele

PA 03|2020

Herausgeber: Dr. Wolfgang Tüchler
Publikationsdatum: 2020-10-19