Reformen ohne Biss und Weitsicht

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Warum Reformen im Gesundheitswesen scheitern, bevor sie wirken können, und welche Folgen politische Risikovermeidung für das System und die Beschäftigten hat.

Es kracht im Gesundheitswesen an allen Ecken und Enden und der Unmut bei den Beschäftigten wächst. Die Politik bastelt an Reformen und wird wohl erneut scheitern. Denn Reformen im österreichischen Gesundheitswesen folgen einem wiederkehrenden Muster. Zusätzliche Strukturen entstehen, ohne bestehende in Frage zu stellen. Ein Gremium folgt auf das Nächste. Pilotprojekte laufen neben der Regelversorgung, neue Aufgabenprofile neben alten Zuständigkeiten, neue Finanzierungslogiken neben unveränderten Honorarsystemen. Veränderung wird addiert, nicht gestaltet.

Dieses Muster ist kein Zufall, sondern Ausdruck einer tief verankerten politischen Logik. Reformen müssen so gebaut sein, dass niemand schlechter aussteigt als zuvor. Kein Akteur soll Kompetenzen verlieren, kein Bereich Mittel einbüßen, keine Partei wirklich Einfluss abgeben. Innovation wird dadurch zur konfliktfreien Erweiterung des Status quo – und verliert genau das, was sie wirksam machen würde. Aber echte Änderungen sind nie neutral. Sie bedeuten Auswahl, Priorisierung und Verdrängung. Sie verlangen, Ressourcen umzuschichten und bestehende Routinen zu beenden. Im österreichischen Gesundheitswesen wird dieser Schritt systematisch vermieden. Stattdessen entsteht ein wachsendes Nebeneinander aus Übergangslösungen, Sonderformen und Ausnahmen, die das System komplexer, aber nicht leistungsfähiger machen.

Der Preis dieser Risikovermeidung ist hoch. Parallelstrukturen binden Personal, ohne Versorgungsprozesse spürbar zu verbessern. Reformprojekte verlieren an Glaubwürdigkeit, weil ihr Nutzen im Alltag nicht erlebbar wird. Und jene, die Innovation tatsächlich tragen sollen, reagieren zunehmend mit Skepsis – nicht aus Reformunwillen, sondern aus Erfahrung.

Dabei wird ein zentraler Aspekt systematisch unterschätzt: Gesundheitsversorgung ist kein abstraktes Steuerungsmodell, sondern ein hoch emotionales Feld. Menschen arbeiten, entscheiden und behandeln unter Unsicherheit, Verantwortung und Zeitdruck. Patient:innen suchen nicht Effizienz, sondern das Gefühl der Sicherheit. Beschäftigte verteidigen Strukturen nicht aus Beharrung, sondern weil diese Orientierung, Schutz und Verlässlichkeit bieten. Reformen, die primär als Abbau wahrgenommen werden, erzeugen daher Widerstand – selbst dann, wenn sie fachlich sinnvoll wären.

Genau hier liegt der Denkfehler vieler Innovationsdebatten. Nicht der Abbau bestehender Strukturen schafft Raum für Neues, sondern umgekehrt: Erst wenn neue Versorgungsformen tatsächlich funktionieren, Vertrauen erzeugen und im Alltag spürbar besser sind, entsteht die Bereitschaft, Überversorgung loszulassen. Was erkennbar nicht mehr gebraucht wird, muss nicht politisch bekämpft werden – es verliert schlicht an Bedeutung. (rüm)