#bleibzuhause … Aber nicht bei Herzinfarkt

In den vergangenen zwei Monaten stand – angesichts der aktuellen Corona-Pandemie – die Erstellung von Notfallkonzepten zur Behandlung von Patienten mit COVID-19 an erster Stelle im Gesundheitswesen. Der Ambulanzbetrieb fand vielerorts nur stark eingeschränkt statt, Herzkathetereingriffe und Herzoperationen wurden verschoben, Rehabilitationszentren umgewidmet sowie viele Intensivstationen als Infektionsstationen neu adaptiert und mit neuem Personal bespielt. Auch im niedergelassenen Bereich fielen viele Termine aus, und manche Patienten mieden trotz kardialer Beschwerden einen Besuch beim Arzt.

Herzpatienten optimal versorgen: Diese Kapazitätsverschiebungen dürfen aber keinesfalls die leitliniengerechte Behandlung kardiovaskulärer Patienten gefährden, wie die Österreichische Gesellschaft für Kardiologie (ÖKG) in einer Stellungnahme betont.1 Respiratorische Infektionen gehen bekanntermaßen mit einer sprunghaften Zunahme von akuten Koronarsyndromen sowie mit einem Anstieg der kardiovaskulären Mortalität einher. Besonders betroffen sind Patienten mit kardialen Vorerkrankungen wie koronarer Herzkrankheit, Herzklappenerkrankungen und bekannter Herzinsuffizienz, wo zusätzlich auch das Risiko einer Dekompensation der Grunderkrankung besteht. Diese Risikopatienten bedürfen gerade jetzt, während der Corona-Pandemie, einer kompetenten kardiovaskulären Betreuung. Dazu ÖKG-Präsident Prof. Peter Siostrzonek: „Herzerkrankungen sind in Österreich nach wie vor die häufigste Todesursache, und es wäre fatal, wenn wir diese große Patientengruppe angesichts der Corona-Pandemie medizinisch nicht optimal versorgen würden.“
Um die optimale medikamentöse Versorgung von herzkranken Patienten in Zeiten von COVID-19 geht es auch in der Diskussion über den potenziellen Zusammenhang zwischen einer Behandlung mit ACE-Hemmern (ACEi) bzw. Angiotensin-Rezeptor-Blockern (ARB) und einer Infektion mit SARS-CoV-2. ACEi und ARB werden häufig und wirksam bei Hypertonie und Herzinsuffizienz eingesetzt, und eine entsprechende bestehende Medikation sollte, so die Empfehlung der ÖKG, unbedingt beibehalten werden.2 Ein Absetzen der Medikamente oder ein Wechsel auf andere Präparate sei nicht indiziert und sollte wegen des Risikos eines akuten Herzinfarktes, Schlaganfalls oder einer akuten Verschlechterung einer Herzinsuffizienz vermieden werden. Die ÖKG betont, dass der postulierte Zusammenhang zwischen einer COVID-19-Infektion und den genannten Medikamenten rein spekulativ sei. Er leitet sich aus tierexperimentellen Befunden ab, wonach SARS-CoV-2 am sogenannten ACE2-Rezeptor in der Lunge gebunden wird und dieser ACE2-Rezeptor unter einer Therapie mit ACEi und ARB vermehrt gebildet wird. Andere Studien geben stattdessen – ebenfalls spekulativ – gegenteilige Hinweise, wonach die entsprechende Therapie den Verlauf einer COVID-19-Infektion sogar abschwächen könnte. Ein schlüssiger wissenschaftlicher Beweis für einen Zusammenhang in die eine oder andere Richtung liegt aber keinesfalls vor, so die ÖKG.

Herzinfarkte rückläufig: Unerwartet in Zeiten der Corona-Pandemie melden heimische Kardiologen rückläufige Herzinfarkt-Zahlen: Im Verlauf des März 2020 wurden an österreichischen Krankenhäusern 40 % weniger Patienten mit Herzinfarkt aufgenommen. Die Beobachtung basiert auf Daten von ca. 700 Patienten an 17 österreichischen Herzkatheter-Zentren und wurde rezent im European Heart Journal publiziert.3 Der Erstautor der Studie, Prof. Bernhard Metzler, Generalsekretär und President Elect der ÖKG, hält fest: „Durch Infekte oder Entzündungen wird der Herzmuskel vermehrt belastet, weiters kommt es im Blut zur vermehrten Freisetzung von entzündungsfördernden Substanzen, sogenannten Zytokinen. Wie große Studien bereits gezeigt haben, treten diese beiden Faktoren auch bei einer COVID-19-Infektion auf und können einen Herzinfarkt auslösen oder zumindest begünstigen.“ Der stattdessen beobachtete Rückgang der Herzinfarktzahlen scheint in Zusammenhang mit dem vermehrten Auftreten von COVID-19 in Österreich bzw. auch indirekt mit den seit März verschärften Maßnahmen im öffentlichen Leben zu stehen. Denkbare Ursachen reichen vom Meiden des Krankenhauses aus Angst vor einer Ansteckung mit SARSCoV- 2 bzw. Rücksichtnahme auf das öffentliche Gesundheitswesen bis hin zu weniger Sport (mehr dazu im Interview mit Prof. Siostrzonek).
Metzlers Appell an Patienten und Ärzte: „Trotz der COVID-19-Pandemie dürfen die nach wie vor häufigen und bisweilen lebensbedrohlichen Herzbeschwerden nicht übersehen werden und müssen genau abgeklärt und behandelt werden. Ins selbe Horn stößt die ESC-Präsidentin Prof. Barbara Casadei: „Instructions to ,stay at home’ and ,don’t come to hospital’ do not apply to patients with heart attack symptoms.“4

 

1 Stellungnahme der ÖKG zur Versorgung von Patienten mit Herzerkrankungen während der Corona-Pandemie (März 2020)

2 COVID-19: Die ÖKG nimmt Stellung zu Spekulationen rund um die Therapie mit ACE-Hemmern und Angiotensin-Rezeptor-Blockern (20. 3. 2020)

3 Metzler B et al., Decline of acute coronary syndrome admissions in Austria since the outbreak of COVID-19: the pandemic response causes cardiac collateral damage. Eur Heart J 2020; DOI: 10.1093/eurheartj/ehaa314

4 Appeals to “stay at home” during COVID-19 do not apply to heart attacks (17. 4. 2020)

AutorIn: Dr. Eva Maria Riedmann

UIM COVID-19

Herausgeber: o. Univ.-Prof. Dr. Günter J. Krejs
Publikationsdatum: 2020-05-12