Entbürokratisierung mit Risiko

Dr.in Anni Koubek, CEO der QMD Services GmbH, erklärt, warum Entlastung für Hersteller wichtig ist, der Abbau von Kontrolle aber nicht zulasten von Patientensicherheit, Transparenz und regulatorischer Planbarkeit gehen darf.
Wo stehen wir derzeit organisatorisch im Hinblick auf Benannte Stellen?
MDR und IVDR hatten einen schwierigen Start. Getrieben von schweren Vorfällen unter der Medical Device Directive (MDD, 1993–2021) hat man die MDR und IVDR mit hohen und international vergleichbaren Standards entwickelt. Das war gut und richtig. Man wollte dann zusätzlich einen klaren Schnitt machen und hat eine Neubewertung aller Produkte vorgesehen. Das große Problem war, dass die erforderliche Infrastruktur, insbesondere die Benannten Stellen und EUDAMED, die Europäische Datenbank für Medizinprodukte, nicht zeitgerecht bereitgestellt wurden. Der Hauptpunkt dabei waren die hohen, überspezialisierten Kompetenzforderungen. Auch unsere Benennung wurde dadurch mehrere Jahre verzögert.
Durch diese Umsetzungsmängel kam die gesamte MDR in Schieflage: lange Wartezeiten für Hersteller, und um diese zu kompensieren, Verschiebungen über Verschiebungen. Die MDR ist 2021 angelaufen und erst 2029 schließen wir den Übergang ab.
Mit hohen Investitionen wurden ausreichend Kapazitäten bei Benannten Stellen aufgebaut, doch aufgrund der inkonsistenten Implementierung durch die EU werden derzeit wieder Kapazitäten abgebaut, weil Hersteller auf die „Wartetaste“ drücken und die Spezialisten nicht ausgelastet werden können.
Wo liegen derzeit die Schwerpunkte bei den Einreichungen – MDR, IVDR oder sind es bestimmte Produktgruppen?
Hier gibt es keinen klaren Trend. Wir freuen uns, dass Unternehmen nach den Legacy Devices jetzt wieder innovative Produkte, die neu auf den Markt drängen, einbringen. Hier gibt es tolle neue Entwicklungen, inklusive KI-unterstützter Produkte, und wir freuen uns auch, dass wir hier unserer Kernaufgabe, leistungsfähige und sichere Produkte zu begleiten, gerecht werden dürfen.
Wie laufen die Zertifizierungsprozesse in der Praxis und gibt es große Reibungsverluste?
Sowohl in der MDR als auch der IVDR entsteht Routine. Alle Stakeholder – Hersteller, Berater, Benannte Stellen und auch Inspektionsstellen – haben nun Erfahrung, die großen Unsicherheiten sind bzw. werden überwunden. Naturgemäß sind Zertifizierungen für jene Hersteller, die noch nie mit einer Benannten Stelle arbeiten mussten, am herausforderndsten. Aber auch hier würde ich nicht von „Reibungsverlusten“ sprechen. Wichtig ist ein stabiles regulatorisches Umfeld.
Was hat sich in den letzten Monaten aus Ihrer Sicht verbessert und wo besteht noch Verbesserungsbedarf?
In den letzten zwölf bis 18 Monaten hat sich die Erfahrung aller Beteiligten deutlich verbessert: Hersteller, Benannte Stellen und auch Behörden arbeiten strukturierter, die Erwartungen sind klarer und viele Prozesse laufen schneller als in der Anfangsphase. Gleichzeitig bestehen weiterhin strukturelle Herausforderungen, insbesondere durch Interpretationsspielräume in Gesetzestexten und Leitlinien. Mehr Stabilität, mehr Harmonisierung, klarere Vorgaben und bessere Planbarkeit wären entscheidend, damit die Regulierung als Unterstützung und nicht als Hemmnis wahrgenommen wird.
Welche Erwartungen haben Hersteller an Benannte Stellen, die in der Praxis (noch) nicht realistisch erfüllbar sind?
Hersteller wünschen sich noch intensiveren Dialog, um frühzeitig Weichen zu stellen, zum Beispiel für klinische Bewertungen. Hier sind uns (noch) die Hände gebunden, dieses Thema sollte mit MDR/IVDR 2.0 verbessert werden.
Ein zweites Thema sind Geschwindigkeit und Flexibilität. In Bezug auf die Geschwindigkeit werden wir sicher Verbesserungen mit dem „Implementing Act“ zum Anhang VII sehen. Dort werden klare Zeitleisten eingeführt. Dies wird aber definitiv zulasten der Flexibilität gehen, denn wenn Bewertungen gesetzlich punktgenau geplant werden müssen, dann müssen sich auch Hersteller an vereinbarte Termine halten. Wir denken, dass diese neuen Regelungen in der Zusammenschau eine Verbesserung für beide Seiten bringen.
Wenn Sie auf die angekündigte gezielte MDR/IVDR-Revision blicken: Welche Elemente könnten die Arbeit der Benannten Stellen tatsächlich erleichtern und welche bergen neue Komplexität?
Das Erste, was die Ankündigung zu MDR/IVDR 2.0 gebracht hat, ist Verunsicherung und wiederum ein Abwarten mit der Frage: Vielleicht kann ich als Hersteller ja doch von einfacheren Prozessen profitieren? Damit ist das nächste Nadelöhr leider vorprogrammiert: Hersteller warten bis zum letzten Moment und dann werden wiederum zu wenige Kapazitäten bei Benannten Stellen da sein, wenn die nächsten Deadlines im Jahr 2028 und 2029 anstehen. Viele halten sich leider nicht an die mit den Benannten Stellen vereinbarten Abgabefristen für ihre technische Dokumentation.
Wo rechnen Sie durch die Revision mit den größten Auswirkungen auf Prozesse, Prüfmethodik und Priorisierung innerhalb der Benannten Stelle?
Die Prüfmethodik selbst wird sich nicht ändern, jedoch sehen wir die Prüfhäufigkeiten reduziert. Einige Produkte unterliegen dann wieder ausschließlich der Marktüberwachung. Insofern kann man die MDR/IVDR 2.0 als eine Verschiebung der Verantwortung sehen. Notified Bodies können nur mehr eingreifen, wenn schon etwas passiert ist. Die proaktive Überwachung wird abgeschafft. Auswirkungen auf die angestrebte Patientensicherheit sind hier nicht auszuschließen.
Was bedeutet die Revision aus Ihrer Sicht für Hersteller konkret im Übergang: Sollte man eher abwarten oder bereits jetzt bestimmte Prozesse, Unterlagen und Strategien anpassen?
Die Europäische Kommission betont, dass sich an den Sicherheitsanforderungen an die Produkte nichts ändern wird. Es geht eher darum, die Prüfprozesse risiko- und vorfallsbezogen zu machen. Auch werden keine Fristen mehr aufgemacht. Damit muss man den Herstellern klar sagen, an den Verpflichtungen ändert sich nichts. Ob diese regelmäßig von einer Benannten Stelle oder im Rahmen der Marküberwachung überprüft werden – die Verpflichtungen bleiben bestehen. Und auch Kosten einer Benannten Stelle nehmen sich gering aus im Vergleich zu Folgekosten, wenn ein Produkt die Sicherheits- oder Leistungsanforderungen nicht erfüllt und Schaden anrichtet. Welche Auswirkungen die verringerte Kontrolle auf die Versicherungssummen hat, bleibt abzuwarten.
Welche Rolle spielen aus Ihrer Sicht künftig Digitalisierung, EUDAMED-Rollout und standardisierte Datenstrukturen für effizientere Verfahren zwischen Herstellern, Benannter Stelle und Behörden?
Endlich ist nun die EUDAMED da. Das ist ein wichtiger Meilenstein, der unsere fragmentierten nationalen Register ablöst. Im Thema Transparenz hinken wir hier im Vergleich zu den USA gewaltig nach. Vigilanzinformation kann weder öffentlich noch von Notified Bodies eingesehen werden – absurd – wie sollen Einrichtungen des Gesundheitswesens ohne diese Informationen Produkte miteinander objektiv vergleichen, um schon bei Beschaffung und Eingangsprüfung im Sinne der Patientinnen und Patienten die richtigen Entscheidungen zu treffen?
Wenn Sie drei Prioritäten nennen müssten, damit das System unter MDR/IVDR nach der Revision besser funktioniert – welche wären das aus Sicht einer Benannten Stelle in Österreich?
  • Den Überwachungsansatz nochmals überdenken. „For cause“ heißt ja, es muss schon etwas passiert sein. Und in Europa haben wir – das ist unterschiedlich in den einzelnen Ländern! – keine durchgängige Vigilanzkultur. Hier ist die Gefahr viel zu groß, dass „for cause“ einfach heißt, wir machen die Augen zu, bis wirklich großer Schaden passiert. Wenn schon ein dynamisches System, dann sollte es leistungsbasierend sein, das heißt aufbauend darauf, wie gut ein Hersteller schon ist, kann man die Prüftätigkeiten risikobasiert reduzieren.
  • Gezielte Maßnahmen für Produktbereiche, wo wir Versorgungsengpässe sehen, angehen. Die MDR/IVDR 2.0 senkt flächendeckend über alle Produktbereiche hinweg das Niveau teilweise auf unter den Stand der MDD, also zurück ins Jahr 1993! Statt eines solchen Rückschritts sollten gezielt für diese Bereiche flexiblere Regeln geschaffen werden. Ein großes Problem sind zum Beipsiel Produkte für die Pädiatrie. Derzeit feilen Ärztinnen und Ärzte selbst an Produkten für Erwachsene, um sie kindertauglich zu machen. Da helfen die vorgeschlagenen Regelungen, die primär die Überwachung von Produkten reduzieren, wenig. Klarere Regeln für Orphan Devices und Support bei Inhouse-Produkten wären wesentlich zielgerichtetere Maßnahmen.
  • Transparenz – Notified Bodies benötigen Zugang zur Vigilanzinformation. Ab Mai haben wir jetzt verpflichtend die Information in EUDAMED, aber wir können sie nicht nutzen, um zu sehen, in welchen Produktbereichen welche Schwierigkeiten auftreten. Notified Bodies brauchen hier Zugang für einen risikobasierten Ansatz bei der Überwachung.
Was würden Sie österreichischen Herstellern und KMU heute raten, um regulatorisch resilienter zu werden?
Ich würde österreichischen Herstellern und KMUs raten, trotz des instabilen regulatorischen Umfelds die gesetzlichen Anforderungen als Teil der Unternehmensstrategie zu sehen und nicht als Pflichtübung der Qualitätsabteilung. Wichtig ist, frühzeitig sauber zu planen, die technische Dokumentation systematisch aufzubauen und zu pflegen und nicht erst kurz vor der Benannten Stelle aufzuräumen. Ebenso entscheidend ist ein offener, früher Dialog mit der Benannten Stelle und eine realistische Zeit und Ressourcenplanung. Wer intern die richtigen Kompetenzen aufbaut, ist unter MDR deutlich widerstandsfähiger und weniger abhängig von kurzfristigen regulatorischen Überraschungen.